An der Fassade des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) in Berlin-Mitte ist das Partei-Emblem mit dem Händedruck vor der roten Fahne zu sehen. 1990
An der Fassade des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) in Berlin-Mitte ist das Partei-Emblem mit dem Händedruck vor der roten Fahne zu sehen. (Archivfoto von 1990) Bildrechte: dpa

Sachbuch "100 Orte der DDR-Geschichte" - behutsame Erzählung über ein untergegangenes Land

Was war hier früher? Mit dieser Fragestellung im Gepäck haben sich die Autoren Martin Kaule und Stefan Wolle quer durch die ehemalige DDR auf Spurensuche begeben: Und in ihrem Buch "100 Orte der DDR-Geschiche" Fotos und Geschichten versammelt, von ehemaligen Zentren der SED-Staatsmacht, von Stasi-Objekten, Industrieanlagen, aber auch von alltags- und kulturgeschichtlichen Orte wie Schulen, Wohnvierteln oder Sportstätten. Eine gelungene Zeitreise, findet unser Kritiker.

von Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

An der Fassade des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) in Berlin-Mitte ist das Partei-Emblem mit dem Händedruck vor der roten Fahne zu sehen. 1990
An der Fassade des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) in Berlin-Mitte ist das Partei-Emblem mit dem Händedruck vor der roten Fahne zu sehen. (Archivfoto von 1990) Bildrechte: dpa

Das Volk wollte seine Regierung nicht mehr, die ihrerseits die Verbindung zum Volk verloren hatte. Mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik übernahmen die etwa 17 Millionen Ostdeutschen im Jahr 1990 zugleich die sozialen Rahmenbedingungen der BRD – und sind bis heute zugleich an vielen Stellen von einer aus Stahl und Stein errichteten sozialistischen Vergangenheit umgeben. Der Sozialismus und die DDR – sie sind ja immer noch da: In den Industriebauten von Eisenhüttenstadt oder Schwedt, in den mehr oder weniger verfallenen Kasernen der Roten Armee, in den Plattenbausiedlungen und Schul- oder Kindergartengebäuden, in manchem Denkmal oder Sportstadion. Einhundert solcher Orte und Stätten haben die Herausgeber Martin Kaule und Stefan Wolle nun in einem Text- und Fotoband versammelt – und mit ihrer Auswahl gelingt ihnen tatsächlich eine behutsame Erzählung über dieses untergegangene Land, die DDR.

Buch zeigt Damals-/Heute-Fotos

In vielen der einstigen Machtzentren der DDR, etwa im Gebäude des ehemaligen Zentralkomitees der SED, oder im Ost-Berliner Haus der Ministerien, oder in der Bezirksparteischule in Ballenstedt im Harz arbeiteten schon vor dem Zweiten Weltkrieg wichtige Behörden und Verwaltungen. Und was etwa von den Nationalsozialisten als repräsentativer und gut ausgestatteter Bau genutzt worden war, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg dann auch von der sowjetischen Siegermacht oder von der neu gegründeten DDR in den Dienst genommen.

Die ehemalige Bezirksparteischule der SED in Ballenstedt im Harz
Die ehemalige Bezirksparteischule der SED in Ballenstedt im Harz Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Natürlich – die vielen Behörden und Ministerien, die zentralen Büros des FDGB oder der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft brauchten großflächige Gebäude – und also wurde genutzt, was den Krieg überstanden hatte. Im Buch werden Fotos dieser Stätten aus der DDR-Zeit gegen die Bilder dieser Orte von heute gestellt – und zugleich wird in kurzen Texten die Geschichte dieser Orte erzählt. Das Zentrale Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft etwa, ein spätklassizistischer Bau, von dem aus die junge DDR dann bis zu ihrem Ende die Freundschaft zur Sowjetunion vor allem über ein kulturelles Miteinander befördern wollte. Unter dem Etikett Deutsch-Sowjetische Freundschaft ließ sich fast jede kulturelle Aktivität verkaufen. In der DDR existierten insgesamt 24 Häuser der DSF, in denen Fotozirkel, Kurse für Malerei, Grafik, Sprecherziehung, Keramik und vieles andere durchgeführt wurden.

Das Palais am Festungsgraben, zu DDR-Zeiten Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft.
Das Palais am Festungsgraben, zu DDR-Zeiten Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft. Bildrechte: dpa

Gebäude, die deutsche Geschichte erzählen

Anhand der einzelnen Gebäude können die Autoren sowohl ein Stück Baugeschichte und ein Kapitel deutscher politischer Geschichte erzählen – die dann bis zu den Nutzungsmodellen der Gegenwart führen. Manches Gebäude, in dem einst Honecker, Sindermann und Co. agierten, wird heute von den Behörden der Bundesrepublik genutzt, manches verfällt oder wird  komplett anders genutzt. Bau- und Architektur-Geschichte, so wird in diesem Buch sehr plastisch vorgezeigt, kennt beides: das kontinuierliche Weiterführen bestimmter Nutzungsoptionen über verschiedenste politischer Systeme hinweg, aber auch den radikalen Bruch oder auch die völlige Tilgung, also den Abriss. Besonders problematisch ist dabei der Umgang mit den einstigen Industriegroßbauten der DDR, seien es nun das PCK Schwedt, das Einsenhüttenkombinat Ost, oder die sowjetisch deutsche Aktiengesellschaft Wismut.

Ehemaliges Braunkohleveredlungswerk "Kombinat Schwarze Pumpe"
Ehemaliges Braunkohleveredlungswerk "Kombinat Schwarze Pumpe" Bildrechte: dpa

Die Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft Wismut als Staat im Staat

Buchcover: "100 Orte der DDR-Geschichte" von Martin Kaule und Stefan Wolle
Buchcover: "100 Orte der DDR-Geschichte" von Martin Kaule und Stefan Wolle Bildrechte: Ch. Links Verlag

1953 erfolgte die Umwandlung der Sowjetischen Aktiengesellschaft Wismut in eine Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft (SDAG). Die Region war streng bewacht von Geheimdienst-Spezialeinheiten des NKWD, bis 1953 galt sowjetisches Militärrecht und später eine eigene Gerichtsbarkeit. Sogar der Personalausweis war hier ungültig – er wurde eingezogen. Die Wismut war ein Staat im Staate. Die SDAG Wismut entwickelte sich während des Kalten Krieges zum weltweit viertgrößten Produzenten von Uranerz. Dazu waren in den 1970er- und 1980er-Jahren im Durchschnitt 45.000 Bergleute in unter- schiedlichen Abbaugebieten eingesetzt. In Höchstzeiten kamen 1953 sogar 132.000 Beschäftigte zum Einsatz.

Zwei Fotos sind dem Artikel zur IG Wismut begegeben: In schwarz weiss ein Bild mit der Unterschrift: Bergarbeiter in einem Schacht bei Aue, von 1985 – und dann, nun in Farbe: Stillgelegte Schachtanlage von 2016.  Obgleich es in diesem Buch viele solcher schwarz-weiss-Fotos mit lächelnden Arbeitern, spielenden Kindern und trutzig-wuchtigen Behördenpalästen gibt, kippt dieses Buch an keiner Stelle hin zu einer ostalgischen Seligkeit. Die DDR wird erinnert in ihren Widersprüchen – und das heißt: in ihrem Alltag. Parteien und Massenorganisationen, NVA, Volksbildung und Wissenschaft, Sport,  Einkauf, Kultur, Einkauf, Urlaub und Freizeit - in solche Kategorien ist dieses Buch unterteilt – und leuchtet damit auf gelungene Art und Weise einen Staat aus, den es zwar nicht mehr gibt, der aber das Leben der hier Aufgewachsenen wesentlich geprägt hat.

Angaben zum Buch: "100 Orte der DDR-Geschichte" von Martin Kaule und Stefan Wolle, erschienen im Ch. Links Verlag, Hardcover, 224 Seiten, 30 Euro, ISBN: 978-3-96289-000-1

Veranstaltungen zum Buch: Buchvorstellung mit Stefan Wolle und Martin Kaule im
DDR-Museum Berlin am 18.09.2018, 19:00 Uhr, Adresse: St. Wolfgang-Straße 2, 10178 Berlin

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 31. Juli 2018 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. August 2018, 04:00 Uhr

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