Buchempfehlung Michael Maar: "Die Schlange im Wolfspelz" offenbart die Geheimnisse großer Literatur

Eine 600 Seiten lange Analyse – geschrieben hat sie der 1960 geborene Literaturwissenschaftler Michael Maar, Sohn des Sams-Erfinders Paul Maar und hoch geachtet im deutschen Feuilleton als Kenner der modernen Literatur. Michael Maar erläutert in "Die Schlange im Wolfspelz – die Geheimnisse großer Literatur", in einem charmant vorgetragenen Spaziergang durch die deutsche Literatur, das Geheimnis großer Texte – anhand vieler Zitate und mit klugen Thesen und Überlegungen. 

Michael Maar: Die Schlange im Wolfspelz
Michael Maar: Die Schlange im Wolfspelz Bildrechte: Rowohlt Verlag

Der Untertitel: "das Geheimnis großer Literatur" ist klar zu entschlüsseln, aber was ist mit dem Titel: "Die Schlange im Wolfspelz" – das ist doch ein irgendwie schiefes Bild, das ist wohl gleich mal ein Beispiel für schlechten Stil?

Stil ist Ökonomie

Das Beispiel soll vor allem verdeutlichen, dass es den einen, klar zu beschreibenden, guten Stil nicht gibt. Sogar ein falsches Bild kann ja die Figur, die dieses Bild gebraucht, hervorragend charakterisieren: Vielleicht ist sie oder er aufgeregt und hat zwei Sprichwörter durcheinandergewürfelt, vielleicht will der Charakter auch besonders originell erscheinen, hat aber gar kein Gefühl fürs Originelle in der Sprache, vielleicht will er sich auch einfach nur dumm stellen. Konkret hier: In einem Roman von Eva Menasse gibt es so eine Figur, die ziemlich frei Schnauze losquatscht und die Redensarten durcheinanderhaut. Solche Figuren lassen sich häufig finden, beispielsweise auch als Frau Stöhr in Thomas Manns "Zauberberg".

Und da sind wir schon bei einer wesentlichen Erkenntnis von Michael Maar: Stil ist eigentlich immer Ökonomie. Wo es zu viele originelle, schräge Adjektive gibt, erschöpft der Text genauso, wie wenn er über viele Seiten nur aus Sätzen ohne Adjektiv besteht. Wenn ein einzelner Satz wegen seiner komplexen Architektur mit vielen Nebensätzen herausragt, ist es ein Gewinn, aber wenn, wie manchmal bei Thomas Mann, die Satz-Baukunst regelrecht vorgeturnt wird, dann wird es eben angestrengt, eitel, gefallsüchtig. Und genau diese Ökonomien untersucht Maar: im Vokabular der Romane, in den Satzrhythmen, in den Dialogen, im Verhältnis von Umgangssprache und Kunstsprache zum Beispiel.

Wie eine Einladung zum Bildungs-Frühstück

Um den Stil also geht es, wenn über gelungene oder nicht so gelungene Literatur zu befinden ist. Welche Autorinnen und Autoren, welche Werke untersucht Michael Maar? Er spielt hier ganz eindeutig mit großem Orchester, fast ausschließlich aus der deutschsprachigen Literatur – das bietet sich an, denn bei Fremdsprachigem liegt immer noch der Filter der Übersetzung dazwischen. Und dieses Orchester der deutschen Dichtung betrachtet vom 18. Jahrhundert, über das 19. und 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart: Goethe und Kleist, die Romantiker, Nietzsche, Robert Musil, Franz Kafka, Gottfried Keller, Marie von Ebner-Eschenbach, Anna Seghers, Brigitte Kronauer – bis hin zu Zeitgenossen wie Monika Rinck oder Martin Mosebach. Bei allen geht es darum, das Spezifische ihres Stils herauszufinden und in kurzen Textpassagen vorzuführen – und das, geschieht wirklich auf eleganteste Weise. Denn Michael Maar selbst schreibt sehr anschaulich und mit starken Bildern ausgestattet, sodass man sich wie zum Bildungs-Frühstück eingeladen fühlt. Und so viel dieser Mann auch zu erzählen hat – er achtet darauf, dem Gegenüber auch immer nachzuschenken und zum Kaffee auch Wasser zu reichen. Also – er ist witzig und wird nicht akademisch. 

Da kommt natürlich die Frage auf, ob es auch Schriftstellerinnen und Schriftsteller gibt, bei denen sozusagen alles stimmt?

Michael Maars Ausführungen sind ziemlich feinsinnig gestaltet – gerade auch wenn er die Schwächen benennt und manche Majestätsbeleidigung wagt.

Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker, über Michael Maars Buch "Die Schlange im Wolfspelz"

Ein Ritt durch die Literaturgeschichte

Thomas Bernhard z.B. – konnten diese endlosen Beschimpfungen nicht auch ganz schön langweilig werden, wo sie sich doch oft ein und derselben literarischen Methode bedient haben? Oder Thomas Mann ist ja manchmal doch sehr pathetisch – und das vielleicht auch nur, weil er sich manche tiefste Wahrheit über sich selbst nicht eingestehen wollte? Friedrich Nietzsche war in seiner mittleren Phase aufmerksam und sezierend, gnadenlos und doch raffiniert und mit Sprach-Witz gerüstet. Später aber setzt dann schon der Wahnsinn ein, er klingt wie ein Ideengeber für Goebbels, so dröhnend und drohend.

Und um auf die eigentliche Frage zu kommen: "K – das Alien", so ist ein Abschnitt überschrieben – und damit ist Franz Kafka gemeint. Alien steht hier für die überirdische Sicherheit des Franz Kafka in Fragen des Erzählens. Kafka, so sagt Maar, war weder der stärkste Bilder-Erfinder der deutschen Literatur, er war auch nicht der kühnste Satzarchitekt und er war kein Pointen-Ingenieur. Allerdings hat er es eben geschafft, mit seiner ihm eigenen Mischung aus Realem und Unheimlichem diesen Kafka-Ton zu entwickeln – den man spätestens nach einer halben Seite immer nur ihm zuordnen kann – in seiner Nähe vielleicht noch Heinrich von Kleist und Gottfried Keller.

Perfektes Weihnachtsgeschenk

Nach der Lektüre dieses Buches kann ich resümieren, dass es mich bestärkt in dem, was ich selber über Literatur weiß und wie ich bisher darüber geurteilt habe. "Die Schlange im Wolfspelz" befeuert mich, und ich glaube, so wird es den Leserinnen und Lesern ebenfalls gehen. Maar führt vor, wie Texte und Literatur wirken – nicht nur über den Inhalt, sondern auch über den Klang und den Rhythmus. Und es sind in diesem Buch, auch für eine erfahrene Leserschaft, viele Entdeckungen zu machen – gerade auch bei dem Teil, der sich den Literatinnen und Literaten widmet.

Marie von Ebner-Eschenbach, Frau des frühen 20. Jahrhunderts, wird gepriesen als eine, die lebendige Dialoge schreiben konnte, in denen sich ganze Psychodramen auftun. Erinnert wird an Rudolf Borchardt, ein deutscher Dichter, der im frühen 20. Jahrhundert die Vorstellung vom auserwählten Dichterpriester zelebrierte. Er hat ein eher schmales Werk hinterlassen und ist auch wegen seiner auswendig gehaltenen Reden, stundenlang, ohne einen Versprecher, bis heute legendär. Der Mann konnte sogar im Ersten Weltkrieg von Kompanien als Redner gebucht werden. Als eine Art "Marlene Dietrich der Redekunst" wird er beschrieben von Michael Maar.

Das Buch birgt also viele Stories auch aus der Literaturgeschichte – und weil ja in absehbarer Zeit das Weihnachtsfest ansteht – wer zum Beispiel einen wirklich literaturinteressierten Menschen beschenken möchte: dieses Buch ist geeignet!

Informationen zum Buch Michael Maar: Die Schlange im Wolfspelz - das Geheimnis großer Literatur
Rowohlt Verlag

ISBN: 978-3-498-00140-7
34 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Oktober 2020 | 08:40 Uhr