Wilhelm Pieck und Josef Stalin halten 1933 Ehrenwache an der Bahre von Sen Katajamas, dem verstorbenen Führer der kommunistischen Partei Japans.
Wilhelm Pieck und Josef Stalin halten 1933 Ehrenwache an der Bahre von Sen Katajamas, dem verstorbenen Führer der kommunistischen Partei Japans Bildrechte: dpa

Sachbuchkritik "Die Moskauer" – Psychogramm von SED-Funktionären, die den Stalinismus überlebten

Dass die DDR aus Moskau gelenkt wurde, ist nicht neu. Doch Andreas Petersen beschreibt in seinem Buch "Die Moskauer" detailliert, wie das sogenannte Stalin-Trauma großen Einfluss auf die DDR-Geschichte, vor allem auf die Gründergeneration um Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck hatte. Denn genau diese "Moskauer", die den Stalin-Terror überlebten, hatten das gegenseitige Überwachen und Denunzieren bereits ausgiebig geübt. Ein verdienstvolles Buch, findet unser Kritiker.

von Matthias Schmidt, MDR KULTUR

Wilhelm Pieck und Josef Stalin halten 1933 Ehrenwache an der Bahre von Sen Katajamas, dem verstorbenen Führer der kommunistischen Partei Japans.
Wilhelm Pieck und Josef Stalin halten 1933 Ehrenwache an der Bahre von Sen Katajamas, dem verstorbenen Führer der kommunistischen Partei Japans Bildrechte: dpa

Es gab in der DDR einen Witz: Jemand hat eine Reißzwecke auf Walter Ulbrichts Stuhl gelegt. Der setzt sich unbeeindruckt drauf und sagt nichts! Später nach dem Warum befragt, sagt er: Die sowjetischen Genossen werden sich schon etwas dabei gedacht haben. Als Kind fand ich den zwar irgendwie lustig, habe ihn aber nie ganz verstanden.

Buchcover: "Die Moskauer. Wie das Stalintrauma die DDR prägte" von Andreas Petersen
"Die Moskauer. Wie das Stalintrauma die DDR prägte" von Andreas Petersen Bildrechte: S.Fischer Verlag

Nach der Lektüre des Buches "Die Moskauer" versteht man ihn. Es ist das Stalin-Trauma! Andreas Petersen beschreibt die Schicksale von deutschen Emigranten in Moskau. Hunderte, tausende von ihnen sind Stalins Säuberungen zum Opfer gefallen, haben selbst fleißig mitdenunziert, haben Freunde und Familienangehörige verraten und sind am Ende oft trotzdem selbst hingerichtet oder in Lager verbannt worden. Das allein ist erschreckend, aber die Bedeutung dessen für die DDR, die Petersen daraus ableitet, ist es noch mehr.

Das ist das Stalin-Trauma, das Fundament, auf dem die DDR errichtet wurde: ein System aus Lügen, Denunziationen und Willkür – bloß nicht nachfragen, die sowjetischen Genossen werden sich schon etwas dabei gedacht haben!

Wer sind diese "Moskauer" und welche Rolle spielen sie?

Moskau war seit den 20er-Jahren ein Magnet für tausende deutsche Kommunisten. Voller Hoffnungen gingen sie in die junge Sowjetunion, weil sie dort die Zukunft sahen: eine gerechtere Welt, ein Sehnsuchtsort. Viele dieser Emigranten gehörten den Strukturen der kommunistischen Weltbewegung an, hauptsächlich der Kom-Intern. Andere leisteten Aufbauhilfe in der Industrie, darunter ebenso Arbeiter wie Ingenieure, ein paar Bauhaus-Architekten und viele Künstler. Mit der Machtergreifung der Nazis kamen noch mehr, die Deutschland aus Angst vor Verfolgung und Inhaftierung verließen. Das Tragische ist, dass ein großer Teil von ihnen das nicht überlebte. Stalin ließ mehr kommunistische Spitzenfunktionäre ermorden als Hitler.

Von Fritz Heckert über Friedrich Wolf bis Wilhelm Pieck

Das Buch schildert detailliert bekannte und weniger bekannte Fälle. Wer in der DDR aufgewachsen ist, kennt viele davon als Straßennamen: Richard Sorge, Fritz Heckert, Wilhelm Florin, das spätere Führungspersonal der DDR: Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht, und viele mehr.

Josef Stalin
Josef Stalin Bildrechte: dpa

Schade, dass dieses wirklich verdienstvolle Buch kein Namensregister hat. Das würde helfen, sich in diesem Moskauer Universum besser zu orientieren und zu staunen, in welchem Verhältnis diese Emigranten zueinander standen. Was ihnen zustieß, wie sie umkamen oder überlebten. Darunter waren Verwandte Karl Liebknechts. Friedrich Wolf, der Vater von Markus und Konrad Wolf. Der Vater des Schriftstellers Eugen Ruge, der Historiker Wolfgang Ruge. Alfred Kurella, der später das Literaturinstitut übernahm: Gustav von Wangenheim, der ab 1945 kurzzeitig das Deutsche Theater in Berlin leitete, bis er wieder abgesetzt wurde. Wolfgang Leonhard, bekannt durch sein Buch "Die Revolution entlässt ihre Kinder" … Man kann sie nicht alle aufzählen.

Trotzkismus hieß das "Totschlag-Argument"

Denkmal für die Opfer des sowjetischen Terrors 'Mauer der Trauer' in Moskau
Ein Denkmal für die Opfer des sowjetischen Terrors "Mauer der Trauer" in Moskau Bildrechte: dpa

Stalin witterte überall Verrat, Trotzkismus hieß das "Totschlag-Argument", fast schon paranoid. Und skrupellos, denn oft ließ er einfach nur verhaften und hinrichten, um ein Klima der Angst zu erzeugen. Die Überlebenden schildern das später, Leonhard zu Beispiel, wie sie nachts im Moskauer Hotel "Lux" teilweise in voller Montur zu Bett gingen und ängstlich auf jedes Geräusch hörten, weil sie dachten, sie werden abgeholt. Wie man Angst hatte, mit jemandem auch nur gesehen zu werden, der unter Verdacht stand.

Worüber die meisten aber nach dem Krieg nicht gesprochen haben, selbst Herbert Wehner im Westen nicht, das war die eigene Rolle dabei. Denn die "Moskauer" haben einen irrsinnigen Apparat aufgebaut, um sich gegenseitig zu überwachen und zu denunzieren. Sie haben endlos Informationen gesammelt: Man versteht hier auch, woher die Stasi ihre Methodik hatte. Darüber wollte man nach dem Krieg lieber nicht sprechen. Weil viele Leichen im Keller hatten, im wahrsten Sinne des Wortes. Auch DDR-Staatschef Ulbricht, der von vielen Urteilen vorab wusste, aber aus Angst nicht intervenierte.

Das DDR-Erfolgsrezept: Überwachung und Denunzierung

Von den Führungskräften der Kommunistischen Partei kamen nur ganz wenige unbeschadet zurück. Herbert Wehner, Wilhelm Pieck und eben Walter Ulbricht, den in Moskau viele für ein "unbedeutendes Männchen", einen "miserablen Redner" und eine "theoretische Null" hielten. Fast niemand traute ihm eine Führungsrolle zu. Wie hat er das geschafft? Er hat Stalin nicht widersprochen, der hat sich, um nochmal auf den Witz zu kommen, lieber auf die Reißzwecke gesetzt und es verstanden, Gefahren von sich fernzuhalten.

Auch wie "die Moskauer" es geschafft haben, sich in der DDR gegen eine andere Gruppe von Antifaschisten durchzusetzen, die KZ-Häftlinge, ist bemerkenswert. Die fühlten sich ja als die wahren Widerstandskämpfer und zudem von den "Moskauern" ziemlich im Stich gelassen, als Stalin mit Hitler paktierte und es bis zum Überfall auf die Sowjetunion plötzlich in Moskau gar nicht mehr angesagt war, Antifaschist zu sein. Auch dieses Paradoxon der Geschichte schildert das Buch, denn nach dem Krieg hielten die "Moskauer" die KZ-Überlebenden aus der ersten Reihe fern, versorgten sie aber mit Posten, um sich damit quasi deren Schweigen zu erkaufen.

Informationen zum Buch: Andreas Petersen: "Die Moskauer. Wie das Stalintrauma die DDR prägte"
Erschienen im S. Fischer Verlag
368 Seiten, 24 Euro
ISBN: 978-3103974355

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 26. Juni 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Juni 2019, 04:00 Uhr

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