Ein Mann mit Kapuzenpullover hät sich die Hände vor das Gesicht
Ausgrenzung und Einsamkeit sind Folgen von emotionaler Gewalt. Bildrechte: IMAGO

Sachbuchempfehlung "Emotionale Gewalt": Ein Plädoyer zur Selbstwertschätzung

Überall, wo Menschen miteinander zu tun haben, sind auch Gefühle und Emotionen im Spiel – ob sie uns bewusst oder weniger bewusst sind. Der Medizinjournalist Werner Bartens, zuletzt auf der Spiegel-Bestseller-Liste mit "Glücksmedizin" und "Körperglück", widmet sich nach so viel Glücksemotionen in seinem neuen Buch nun der "Emotionalen Gewalt". MDR KULTUR-Literaturkritikerin Kristin Unverzagt stellt es vor.

Ein Mann mit Kapuzenpullover hät sich die Hände vor das Gesicht
Ausgrenzung und Einsamkeit sind Folgen von emotionaler Gewalt. Bildrechte: IMAGO

Unter emotionaler Gewalt fasst Werner Bartens in seinem neuen Buch alles, was nicht als körperliche Gewalt daherkommt: also sprachliche und nicht-sprachliche Gewalt. Alles, was einen im Miteinander mit Worten abwertet, demütigt und was auch vor anderen Kränkendes gesagt wird. Nicht-Sprachlich ist z.B. die Vermeidung von Blickkontakt, abschätzige Blicke oder Nicht-Beachtung bis hin zu Ausgrenzung und zum Mobbing. Das alles ist überall und an jedem Ort möglich – zu Haus, in Partnerschaften, innerhalb der Familie, in Schulen oder auch in Arbeitsteams.

Der Medizinjournalist fächert eigene Kapitel der emotionalen Gewalt auf – in der Kindheit, in der Familie, im Beruf, von Chefs und Kollegen, im Sport und in der Armee , und auch zwischen Arzt und Patient im Gesundheitswesen. Mit Erlebnisberichten von Betroffenen, die oft erst später, wenn die Situation längst vorbei ist, realisieren, was ihnen widerfahren ist oder noch immer widerfährt.

Ein lebenslanger Prozess

Dr. Werner Bartens
Medizinjournalist Werner Bartens Bildrechte: dpa / Uwe Zucchi

Bartens widmet sich dem Thema der emotionalen Gewalt, weil es die ganze menschliche Entwicklung, inklusive der Psyche und der Gesundheit, empfindlich beeinflusst. Das beginnt in der Kindheit: Da sind wir ganz besonders auf Anerkennung angewiesen, auf Geborgenheit und Zuwendung. Und wer schon als Kind immer wieder ins Leere läuft mit diesen Bedürfnissen und Sprüche hört wie "Das schaffst Du nicht", "Ich kann das schneller als Du", "Wenn Du mich lieb hättest, würdest Du nicht...", der wird auch später wahrscheinlich ängstlicher, emotional manipulierbarer, weniger selbstbewusst sein.

Das Bedürfnis nach Anerkennung bleibt. Aber es wird gelernt, die eigenen Bedürfnisse und auch die eigenen Gefühle von Traurigkeit und Wut hinten anzustellen, um es anderen recht zu machen. Das ist die soziale Komponente. Wenn dieses schleichende Gift von Abwertungen auch in Partnerschaften und Arbeitsbeziehungen weiter tröpfelt, dann können auch körperliche Symptome dazukommen:

Kränkung kann krank machen, Demütigung kann zu Ängsten, psychischen Störungen führen. Zu Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Herz- und Magenbeschwerden – das ganze Spektrum.

Werner Bartens, Medizinjournalist

Nährboden für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit

Auch das Sozialleben – das Miteinander mit Kindern, Partner, Kollegen, Nachbarn – wird für viele, die nachhaltig gekränkt wurden, schwierig. Denn das Vertrauen in verlässliche, gewaltfreie Beziehungen auf Augenhöhe fehlt und lässt sich nur mühsam wieder zurückerobern. Werner Bartens sieht darüber hinaus auch gravierende politische Folgen, wenn sich Personen dauerhaft gekränkt und zurückgesetzt fühlen. Das führt zu Aggressionen gegenüber Schwächeren in der Gesellschaft. Dem Buch nach wurzeln Fremdenfeindlichkeit und Rassismus auch in erlebter Zurückweisung und Vernachlässigung.

Aktiv heraus aus der Opferrolle

Um sich dagegen schützen zu können, rät Bartens in seinem Buch, sich genau anzuschauen, wann und wo man sich gekränkt und gedemütigt fühlt. Da in so einer Situation immer zwei dazugehören: Der Täter und das Opfer, das die Opferrolle gut kennt und dort oft auch bleibt. Der Autor schreibt, dass viele sich schon immer schuldig gefühlt haben, wenn die Mutter schlechte Laune hatte oder der Vater geschimpft hat. Und wenn der Chef die zehnköpfige Mannschaft zusammenfaltet, dann beziehen das Menschen auch auf sich und fühlen sich schuldig, obwohl sie es gar nicht sind. Wenn man so jemand sei, der sich eher in die Opferrolle begibt und alles auf sich bezieht, dann bestehe die Aufgabe darin, dort herauszukommen.

Ein Junge sitzt an eine Mauer gelehnt auf einem Gehweg
Emotionale Gewalt kann im Kindesalter beginnen das ganze Leben beeinflussen. Bildrechte: imago/McPHOTO

Die Person müsse sich klar machen, ob der Wutausbruch des Chefs mehr über ihn selbst erzählt als über die eigene Arbeitsleistung. Oder ob der Partner einfach eine schwierige Phase hat. Man müsse sich selbst gegenüber aufmerksamer sein, welchen Schuh man sich anzieht. Hier drin liege auch das Geheimnis – in der Selbstwirksamkeit: Selbst aktiv werden, das Gespräch suchen, Veränderungen angehen – oder auch kündigen und eine Beziehung beenden.

Selbstwertschätzung zum Schutz

Auch wenn es also an einem selbst liege, wie man damit umgeht, wissen wir alle, dass es ein Leben ohne Konflikte, ohne Grenzüberschreitungen nicht gibt. Wenn jemand wütend wird, oder man eine Schimpfkanonade abbekommt, dann ist auch nicht immer gleich emotionale Gewalt. Werner Bartens selbst nennt das "unvermeidliches zivilisatorisches Grundrauschen".

Cover des Buches Emotionale Gewalt von Werner Bartens
Insgesamt hat das Buch 302 Seiten und ist im Rowohlt Verlag erschienen. Bildrechte: Rowohl Verlag GmbH

Bartens rät dazu, das zu akzeptieren und sich selbst wertzuschätzen – unabhängig von den Bewertungen der Umwelt. Er bringt das Selbstmitgefühl ins Spiel, eine trainierbare Fähigkeit, sich selbst besser wahrzunehmen, sich selbst zu schätzen, unabhängig von seinen Leistungen. Nicht nur, wenn man etwas tolles geschafft hat, sondern seinen eigenen Wert an sich zu sehen, gütiger mit sich selbst umzugehen, sich auch eigene Fehler und Schwächen zu verzeihen, die jeder von uns besitzt. Dies realistisch zu sehen und nicht im Zerrspiegel der Kränkung durch andere.

Ein Aufruf zu gegenseitigem Respekt

Der Stil des Buches ist flüssig und flott. Viele Recherchen fließen mit ein, Interviews mit Ärzten und Psychotherapeuten und eine umfangreiche Literaturliste, vor allem aus der englischsprachigen Medizin. Im Buch ist durchweg Werner Bartens Wunsch zu spüren, dass wir wieder mehr Respekt gegenüber der Kraft der Worte entwickeln. Dass wir uns klar machen, dass wir alle gefühlvolle und verletzbare Menschen sind und dass uns gegenseitiger Respekt und Augenhöhe Kränkungen und Demütigungen ersparen können.

Werner Bartens wünscht sich und uns, dass wir uns – wenn schon mit Vorurteilen – dann mit 'wohlwollenden Vorurteilen' begegnen.

Kristin Unverzagt, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Angaben zum Buch Werner Bartens: "Emotionale Gewalt"
302 Seiten | Rowohlt Verlag, 2018
Preis: 20 Euro
ISBN: 978-373-710-028-1

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. September 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. September 2018, 04:00 Uhr

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