Ungewissheit, Konsumkultur und Autonomie beeinflussen moderne Beziehungen, analysiert die Soziologin Eva Illouz.
Ungewissheit, Konsumkultur und Autonomie beeinflussen moderne Beziehungen, analysiert die Soziologin Eva Illouz. Bildrechte: imago/imagebroker

Sachbuch "Warum Liebe endet" Eva Illouz erklärt, wie der Kapitalismus die Liebe kaputt macht

Wissenschaftliche Bücher, die gespickt sind mit Fußnoten und Literaturhinweisen, taugen selten zu Bestsellern. Bei dem Buch der israelischen Soziologin Eva Illouz "Warum Liebe weh tut" war das 2011 anders. Illouz lehrt in Jerusalem und an der Pariser Sorbonne. Sie schien einen Nerv der Zeit getroffen zu haben. Jetzt ist ihr neues Buch erschienen, das mit dem Titel "Warum Liebe endet" an den erfolgreichen Vorgänger anknüpft.

von Holger Heimann, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Ungewissheit, Konsumkultur und Autonomie beeinflussen moderne Beziehungen, analysiert die Soziologin Eva Illouz.
Ungewissheit, Konsumkultur und Autonomie beeinflussen moderne Beziehungen, analysiert die Soziologin Eva Illouz. Bildrechte: imago/imagebroker

Wenn Liebe endet und das Miteinander aufgekündigt wird, lässt sich der Schmerz kaum aushalten. Vielen Menschen reißt es den Boden unter den Füßen weg. Und weil Beziehungen immer häufiger zerbrechen, blüht ein ganzes Business, das sich um die Bewältigung der Folgen zu kümmern verspricht. Trennungsratgeber florieren, Psychotherapeuten stehen hoch im Kurs. Die israelische Autorin und Wissenschaftlerin Eva Illouz ist eine Spezialistin für das Gefühls- und Liebesleben der Moderne.

Ein gesellschaftliches Problem

Buchcover Eva Illouz "Warum Liebe endet"
"Warum Liebe endet" – zerbrochene Beziehungen aus soziologischer Sicht Bildrechte: Suhrkamp

Doch ihre Disziplin ist die Soziologie. Illouz sieht das moderne, zuweilen verwirrende Liebesleben nicht ausschließlich als Fall für die Analytikercouch, sondern plädiert stattdessen dafür, unsere Gesellschaft und eine allgemeine Verunsicherung in den Blick zu nehmen:

"Die Art von Ungewissheit, die die zeitgenössischen Beziehungen plagt, ist ein soziologisches Phänomen", schreibt die Autorin. "Es gab sie nicht schon immer, jedenfalls nicht in diesem Umfang; sie war nicht so weit verbreitet, jedenfalls nicht in diesem Ausmaß; sie hatte nicht den Inhalt, den sie heute für Männer und Frauen hat; und zweifellos zog sie nicht die systematische Aufmerksamkeit von Experten und Wissenssystemen aller Art auf sich."

Konsumkultur beeinflusst Gefühlsleben

Der Zugewinn an Freiheit erweist sich für Illouz nicht nur als Segen, sondern birgt auch Risiken und Ungewissheiten. Denn die Menschen sind bei der Bewältigung ihrer Probleme stärker als früher auf sich allein gestellt und können sich nicht mehr auf ein größeres soziales Gefüge stützen. Doch zu dieser Verunsicherung kommt etwas Entscheidendes hinzu. Die Konsumkultur, argumentiert Illouz schlüssig, beeinflusst das Gefühlsleben. Neue digitale Technologien, wie etwa die Dating-App Tinder, haben zur Folge, dass sexuelle Beziehungen selbst marktförmiger werden:

Eine offene Sexualität, die durch Dating-Technologien in einem offenen Markt organisiert wird, erzeugt das Problem der Bewertung von Menschen.

Eva Illouz, Autorin

Dates wie Vorstellungsgespräche

Das durch die Technologie ermöglichte Überangebot an potentiellen Partnern, so die Autorin, führe dazu, dass die Bewertung einen formalen Charakter annehme – "wie bei einem 'Vorstellungsgespräch', das möglichst effizient ungeeignete Kandidaten aussortieren soll."

Illouz hat zahlreiche Interviews mit Menschen in Israel, Deutschland, Frankreich und andernorts geführt. Ihr lehrreiches und kluges Buch ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen Beschäftigung mit der Frage, wie der Kapitalismus unser Gefühlsleben verändert. Jedoch: Sie hat vieles von dem, was sie jetzt ausbreitet, bereits in dem Titel "Warum Liebe weh tut" notiert. Der 2011 erschienene Band gründet dabei nicht zuletzt auf den Erfahrungen der Protagonisten verschiedener literarischer Texte und lässt sich auch deswegen leichter und flüssiger lesen.

Mehr Autonomie, mehr Lieblosigkeit

Neu ist der aktuelle Titel "Warum Liebe endet" dort, wo Illouz nicht mehr nur von den Schwierigkeiten der Partnerwahl erzählt, sondern die Nicht-Wahl als Kennzeichen des modernen Lebens ausmacht – mit weitreichenden Konsequenzen:

"Eine buchstäbliche Lieblosigkeit ist das Signum einer neuen Form von Subjektivität, bei der die Wahl sowohl positiv – dadurch, etwas zu wünschen, zu begehren – als auch negativ ausgeübt wird", schreibt die Autorin. Negativ, weil man sich immer mehr dadurch definiere, dass man Beziehungen vermeide oder ablehne, und: "weil man reihenweise Beziehungen beendet und zerstört, um so das Selbst und seine Autonomie zu behaupten."

Eine deprimierende Diagnose

Der abschließende Befund des Buches ist so gesehen radikaler als der Titel "Warum Liebe endet" zunächst vermuten lassen mag. Illouz analysiert nicht vordergründig, weshalb Beziehungen zerbrechen. Ihr geht es vielmehr um eine verbreitete, umfassende  Liebeslosigkeit, die romantische Beziehungen gar nicht erst möglich werden lässt. Vielleicht ist die Lage nicht ganz so dunkel und traurig, wie Illouz denkt, doch völlig von der Hand weisen lässt sich ihre deprimierende Diagnose deswegen noch lange nicht.

Angaben zum Buch Eva Illouz:

"Warum Liebe endet. Eine Soziologie negativer Beziehungen"

Aus dem Englischen von Michael Adrian
Suhrkamp Verlag
448 Seiten, 25 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. November 2018 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. November 2018, 04:00 Uhr

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