Buchcover '1913' von Florian Illies
Florian Illies: "1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte" Bildrechte: S. Fischer Verlag

Buchtipp: "1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte" Florian Illies legt Fortsetzung des Bestsellers "1913" vor

Schon als der Journalist und Autor Florian Illies (u.a. "Generation Golf") vor fünf Jahren die Anekdotensammlung 1913. Der Sommer des Jahrhunderts" veröffentlichte, erzählte er mit erschütternder Beiläufigkeit vom Vorabend des ersten Weltkrieges. Dabei hatte er offenbar so viel Stoff gesammelt, dass es für zwei Bücher reichte. "1913 - Was ich unbedingt noch erzählen wollte" setzt den ersten Teil also fort, scheint uns aber auch Parallelen auf unsere Zeit aufzeigen zu wollen.

von Bettina Baltschev, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Buchcover '1913' von Florian Illies
Florian Illies: "1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte" Bildrechte: S. Fischer Verlag

Vor fünf Jahren erschien ein Buch von Florian Illies, das auf einer simplen Idee fußte. Für "1913. Der Sommer des Jahrhunderts" sammelte er Geschichten und Anekdoten aus einem Jahr, erzählte, von Künstlern, Wissenschaftlern und Literaten, die sich in Sicherheit wähnten und nicht ahnten, dass bereits ein Jahr später der 1. Weltkrieg beginnen sollte.

Mit dem Wissen von heute war das eine erschütternde Lektüre. Und offensichtlich hatte Illies so viel Stoff gesammelt, dass es für zwei Bücher reichen würde. Deshalb hat er nun noch einmal nachgelegt.

Auf den ersten Blick beiläufig

100 Jahre nach dem Ende des 1. Weltkriegs kann man sich in unzähligen Filmen und Büchern damit beschäftigen, wer da gegen wen gekämpft hat, wer mit dem Leben bezahlt hat oder davon gekommen ist und welche Traumata der Krieg in den Menschen und der Gesellschaft hinterlassen hat. Wie anders, wie leicht und sorglos, wirkt da ein Buch, das sich dem Jahr vor diesem großen Krieg widmet.

Der Journalist, Autor und Kunsthistoriker Florian Illies tut das auf seine ganz eigene Art. Wie im Vorgängerband auch ist "1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte" die Chronologie von auf den ersten Blick beiläufigen Ereignissen aus dem Leben von Literaten, Künstlern, Bohemians, von Erfindern, Philosophen und Wissenschaftlern.

Dem Ruhm noch fern

Viele von ihnen sind ihrem später erfahrenen Ruhm noch fern und kämpfen stattdessen mit Selbstzweifeln und den Widrigkeiten des Alltags: Franz Kafka ist anhaltend unglücklich verliebt, Rainer Maria Rilke ist ständig erkältet und Marcel Proust sucht einen Verleger. Und auch die Frauen haben ihre Päckchen zu tragen: unter anderem Alma Mahler, Isidora Duncan, Karen Blixen und Virginia Woolf. Über die heißt es an einer Stelle lapidar:

Am 9. September versucht sich Virginia Woolf in Sussex mit einer Überdosis Schlaftabletten umzubringen.

Ausschnitt aus Illies' Buch

Das Patent für den Reißverschluss

Dieses Buch, es ist Kulturgeschichte und Lexikon zugleich. So erfahren wir einerseits, dass Mata Hari in Paris an der allmählichen Einführung der Nacktkultur arbeitet und der 15-jährige Bertolt Brecht sich an seinen ersten Gedichten versucht. "1913 ist das Jahr, das das 19. Jahrhundert und das 20. Jahrhundert unauflöslich miteinander verbindet. Kein Wunder, dass deshalb am 29. April 1913 Gideon Sundback das Patent für den Reißverschluss erhält", schreibt der Autor. Und weiter:

"Zwei biegsame Stoffstreifen mit kleinen Zähnen an der Seite und einem Schieber, der die Zähne ineinander verhakt. Kurt Tucholsky stellt fest: kein Mensch kann verstehen, warum ein Reißverschluss funktioniert, aber er funktioniert."

Trügerische Unbesorgtheit

Mit dem Abstand von über 100 Jahren und dem Wissen um die folgenden Jahrzehnte ist es schon verblüffend, wie sehr die gesellschaftliche Elite 1913 mit sich selbst beschäftigt ist, wie kein Hauch von Bedrohung in der Luft zu liegen scheint oder, falls er doch da ist, sie ihn nicht bemerken will. Illies schreibt:

"Stefan Zweig, mitten drin in der wienerischen Genusswelt, notiert in sein Tagebuch: 'Eine wunderbare Unbesorgtheit ist über die Welt gekommen, denn was soll den Aufstieg unterbrechen, was den Elan hemmen, der aus seinem eigenen Schwung immer neue Kräfte zieht? Nie war Europa stärker, reicher, schöner, nie glaubte es inniger an eine noch bessere Zukunft.'"

Ein Zitat, das Illies – der übrigens keine Pointe ungenutzt lässt – etwas hemdsärmelig mit den Worten kommentiert: "Tja. Dumm gelaufen."

Gedankenlosigkeit mit Absicht

Mag sein, ein Historiker oder Politikwissenschaftler könnte an dieser Stelle einige Fakten anführen, an denen man durchaus kriegstreiberische Tendenzen würde ablesen können. Die Balkankriege zum Beispiel oder die Aufstockung des Heeres durch den deutschen Reichstag. Aber dann wäre dieses Buch ein anderes. Und irgendwann fällt einem beim Lesen von "1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte" ein, dass Illies uns möglicherweise absichtlich die Gedankenlosigkeit seiner Protagonisten vorführt, damit wir daraus eigene Schlüsse für die Gegenwart ziehen.

Kann sein, kann nicht sein – der letzte Eintrag in diesem so aufschlussreichen wie unterhaltsamen Buch widmet sich jedenfalls ganz sicher nicht ohne Grund der Erzherzogin Zita von Österreich. Die liegt Silvester 1913 in den Wehen. Ihr Mann, Erzherzog Franz Ferdinand, ist bei ihr, ein zuversichtlicher werdender Vater. Wie alle anderen auch, von denen Illies hier erzählt, hofft auch Franz Ferdinand, dass 1914 ein gutes Jahr wird.

Angaben zum Buch "1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte"
Florian Illies
S. Fischer Verlag
304 Seiten
20 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. November 2018 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. November 2018, 15:38 Uhr

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