Sachbuch "Funkenflug" - die Geschichte des Sommers 1939

Der Journalist Hauke Friederichs veröffentlichte 2018 zusammen mit Rüdiger Barth die dokumentarische Collage "Die Totengräber: Der letzte Winter der Weimarer Republik", eine Reportage über die letzten zehn Wochen der Weimarer Republik. Hier wird Tag für Tag geschildert, was schließlich zur Machtergreifung Hitlers führte. Ähnlich geht er auch in seinem neuen Buch vor: "Funkenflug" beschäftigt sich mit dem letzten Sommer vor Beginn des Zweiten Weltkriegs.

von Ulrich Rüdenauer, MDR KULTUR

Was in den frühen Morgenstunden des 1. September 1939 geschah, wissen wir alle. Deutsche Truppen marschierten in Polen ein, überrannten die polnischen Verteidiger, besetzten das Nachbarland – so begann der Zweite Weltkrieg. Ein Flächenbrand, der zu Vernichtung und ungeheurem Leid geführt hat. Wie es dazu kam, wissen wir ebenfalls. Was aber ereignete sich genau in jenen Tagen, bevor der Feuersturm losbrach?

Der 1980 geborene Journalist Hauke Friederichs beschreibt in seinem neuen Buch "Funkenflug" detailliert den August 1939. Tag für Tag rekonstruiert er die Ereignisse, und das aus verschiedenen Perspektiven und unterschiedlichen Quellen wie Tagebüchern, Briefen, Protokollen oder Zeitungsberichten. Er lässt uns teilhaben an der Hinterzimmer-Diplomatie, den verzweifelten Versuchen, Hitler von seinem bereits gefassten Plan abzubringen, Polen zu überfallen. Wir fliegen etwa mit dem schwedischen Unternehmer Birger Dahlerus zwischen London, Berlin und Salzburg hin und her. Seiner guten Verbindungen zu Hermann Göring wegen wird er zu einem wichtigen Vermittler.

Ausschnitt aus "Funkenflug" "Gegen elf Uhr am Abend landet Birger Dahlerus erneut in Tempelhof. So viele Flugmeilen wie er hat wohl kaum ein Europäer in den vergangenen Tagen zurückgelegt. Sofort bringt ihn ein Wagen zu Göring, in dessen Berliner Residenz. Der Generalfeldmarschall begrüßt Dahlerus gut gelaunt. Der Schwede berichtet von seinem Treffen mit Chamberlain und überbringt die britische Antwort. Göring hört zu, reibt sich die Nase, scheint wenig zufrieden zu sein. Er selbst verstehe die englische Reaktion, sagt er. Aber ob Hitler das auch tue, bezweifele er."

Wie der Weg für Hitlers Pläne frei wird

Der Außenminister des Deutschen Reiches, Joachim von Ribbentrop (hinten l) und der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow (vorn l) unterzeichnen in Moskau den deutsch-russischen Nichtangriffspakt; anwesend sind außerdem Josef Stalin (M), U. Pavlov (2.v.r.) und Friedrich Gaus (Archivfoto vom 23.08.1939)
Der Außenminister des Deutschen Reiches, Joachim von Ribbentrop (hinten l.) und der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow (vorn l.) unterzeichnen in Moskau den deutsch-russischen Nichtangriffspakt; anwesend sind außerdem Josef Stalin (M), U. Pavlov (2.v.r.) und Friedrich Gaus (Archivfoto vom 23.08.1939) Bildrechte: dpa

Auch andere Diplomaten bemühen sich um den Frieden – manche aus humanistischer Überzeugung; andere, weil sie befürchten, Deutschland könnte in einem Zwei-Fronten-Krieg aufgerieben werden. Derweil verhandelt Außenminister Ribbentrop über einen Nicht-Angriffs-Pakt mit der Sowjetunion, der tatsächlich zustande kommt und den Weg für Hitlers Pläne erst freimacht. Die Truppen werden in Einsatzbereitschaft versetzt – auf allen Seiten. Und die SS übt unter strengster Geheimhaltung eine Aktion, die den Anlass für das deutsche Losschlagen liefern soll: Verkleidet als polnische Soldaten sollen sie einen Sender besetzen. Für Leichen, die man als polnische Aggressoren identifizieren wird, ist auch schon gesorgt: Sie sollen aus einem Konzentrationslager kommen.

Ein mikroskopischer Blick auf diese Zeit

Wie durch ein Mikroskop blickt man auf diese Zeit. Friederichs schildert anschaulich die politischen Bemühungen, das Zögern der Engländer, die kaltblütige Machtpolitik Stalins, die Empörung Italiens über den Alleingang Hitlers. Er lenkt unseren Blick aber auch auf viele andere Protagonisten dieser Zeit: Wir erfahren, was die Familie von Thomas Mann in diesen Sommertagen erlebt, sitzen mit dem Widerstandskämpfer Georg Elser im Bürgerbräukeller. Wir segeln mit Albert Einstein, der die europäischen Entwicklungen mit Sorge betrachtet, vor Long Island. Oder begutachten mit dem erst langsam wieder ins Zentrum des Geschehens zurückkehrenden Winston Churchill die französischen Befestigungsanlagen, während das britische Kabinett in der Sommerfrische weilt. Anderswo bereitet man sich ebenfalls auf einen Kampf vor, einen sportlichen allerdings.

Ausschnitt aus "Funkenflug" "Reichstrainer Josef Herberger, besser bekannt als Sepp, hat die deutsche Fußballnationalmannschaft zusammengerufen. In zwei Tagen soll Deutschland in Stockholm gegen Schweden antreten, morgen früh steht die Reise per Zug nach Norden an."

Friederichs entwirft ein komplexes Bild. Und beim Lesen überträgt sich das Gefühl der letzten Augusttage: Nervosität und Hektik nehmen zu, die Protagonisten werden gehetzt von den sich überschlagenden Ereignissen. Und obwohl man vom katastrophalen Ende all der Bemühungen weiß, gerät man lesend in eine Spannung – und würde gerne der Geschichte eine andere Wendung geben.

Ausschnitt aus "Funkenflug": "[Ernst von Weizsäcker] kommt stets so nah an Hitler heran, wird nie durchsucht. Leicht hätte der Diplomat eine Pistole mitnehmen können. Mit nur einem Schuss hätte er vielleicht den Weltfrieden retten können. Hätte."

Aber nicht jeder ist so mutig und hellsichtig wie der einfache Handwerker Georg Elser, der ein paar Monate später sein Attentat auf Hitler verübt. Und nur knapp scheitert.

Informationen zum Buch: Hauke Friederichs: "Funkenflug. August 1939: Der Sommer, bevor der Krieg begann"
Erschienen im Aufbau Verlag Berlin 2019
376 Seiten mit 14 Abbildungen, 24 Euro.
ISBN: 978-3-351-03487-0

Der Zweite Weltkrieg

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 31. Juli 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. Juli 2019, 04:00 Uhr

Abonnieren