Cover zu Ivan Jablonkas: Laetitia oder das Ende der Mannheit
"Laëtitia oder das Ende der Mannheit" untersucht den Kriminallfall um Laëtitia Perrais, die im Januar 2011 in Frankreich ums Leben kam. Bildrechte: Matthes & Seitz Berlin

Ein Buch, das in kein Genre passt Sachbuch "Laëtitia oder das Ende der Mannheit" - spannener als jeder Krimi

Einfühlsam wie ein Roman, fundiert wie eine soziologische Studie: Mit "Laëtitia oder das Ende der Mannheit" liefert Journalist und Historiker Ivan Jablonka das Portrait einer jungen Frau, die 2011 Frankreich ermordet wurde, als Portrait einer ganzen Gesellschaft. Jablonka arbeitet dabei mit der Detail-Sorgfalt eines Journalisten, der dokumentarischen Gründlichkeit und Präzision eines Historikers und der Indizien-Besessenheit eines Ermittlungsrichters. Kein Krimi liest sich spannender, so unsere Kritikerin Sigrid Löffler.

Cover zu Ivan Jablonkas: Laetitia oder das Ende der Mannheit
"Laëtitia oder das Ende der Mannheit" untersucht den Kriminallfall um Laëtitia Perrais, die im Januar 2011 in Frankreich ums Leben kam. Bildrechte: Matthes & Seitz Berlin

Für "Laëtitia oder das Ende der Mannheit" wurde der Pariser Historiker, Soziologe und Journalist Ivan Jablonka, 2016 mit dem Prix Medicis ausgezeichnet. Dabei widersetzt es sich jeder Genre-Kategorisierung, denn dieses Buch ist ein singulärer Hybrid, eine interdisziplinäre literarische Errungenschaft ganz eigener Prägung. Es vereint die Methoden der Soziologie, Psychologie, Mentalitätsgeschichte, Milieu-Erforschung und politischen Analyse mit den Kunstmitteln der Fiktion und der Spannungsdramaturgie des Kriminalromans. Seinen Stoff entnimmt es den Lokalnachrichten, den "Faits divers", und gefunden hat ihn Ivan Jablonka unter den Meldungen auf der Lokalseite der Zeitungen – eine Meldung, die sich in der Folge allerdings zum landesweit skandalisierten Kriminalfall und zur Staatsaffäre ausweitete.

Der Fall Laëtitia Perrais

In der Nacht vom 18. auf den 19. Januar 2011 wurde Laëtitia Perrais, eine 18-jährige Kellnerin in einem kleinen Ort in der Nähe von Nantes im Departement Loire-Atlantique, entführt und getötet (möglicherweise vorher auch vergewaltigt). Der Mörder wurde zwei Tage später verhaftet, doch es dauerte Wochen, ehe man die zerstückelte Leiche des Mädchens fand.

Der Fall schlug hohe Schockwellen im ganzen Land, wurde medial und politisch hochgespielt und ausgebeutet: Gegenstand einer hysterischen Medien- und Politkampagne. Nicolas Sarkozy, der damalige französische Staatspräsident, sah die Chance zur Profilierung als Scharfmacher und Durchgreifer, indem er den Fall politisierte und populistisch ausschlachtete. Er kritisierte den angeblich laxen Strafvollzug im Falle des Mörders und nahm die Zeitungsnachricht zum Vorwand, um eine Verschärfung des Strafrechts zu fordern – und durchzusetzen. Darüber hinaus beschuldigte Sarkozy die Richter und Justizbeamten diverser "Fehler" und stellte "Strafen" in Aussicht. Das wiederum empörte die Justizbehörden. Seine Drohungen lösten eine (in der Geschichte der Richterschaft beispiellose) Streikbewegung bei den Justizbehörden aus.

Jablonka widmet sich Hintergründen

Iwan Jablonka, 2016
Ivan Jablonka, Historiker, Soziologe und Journalist, ist für das Buch den Hintergründen zum Mordfall Laëtitia Perrais akribisch nachgegangen. Bildrechte: imago/Leemage

In diesem aufgeheizten Klima und diesem Medien-Getöse gingen die recherchewürdigen tatsächlichen Hintergründe des Falls beinahe unter. Wer war das Mädchen Laëtitia? Woher kam sie? Wer war ihre Familie? Wie war ihr bislang unauffälliges Leben bis zur Mordnacht verlaufen? Was genau hatte sich am Vortag und in der Mordnacht ereignet? Wie lernte sie ihren Mörder überhaupt kennen? Aus welchem Milieu kam der Mörder und wie hatte er gelebt, ehe er zum Mörder wurde?

Alle diese Fragen hat Ivan Jablonka in seinem Buch minutiös untersucht. Er ist dem Leben des Opfers und des Täters akribisch nachgegangen und hat ihr Herkunftsmilieu erkundet, indem er auch ungewöhnliche Quellen für seine Recherche auswertete, beispielsweise Laëtitias Facebook-Seite und die SMS-Nachrichten, die sie noch kurz vor ihrem Tod auf ihrem Handy verschickte und empfing. Jablonka arbeitet mit der Detail-Sorgfalt eines Journalisten, der dokumentarischen Gründlichkeit und Präzision eines Historikers und der Indizien-Besessenheit eines Ermittlungsrichters, der allen Hinweisen nachgeht und alle Faktensplitter zusammenträgt, um daraus das Gesamtbild zu formen. Kein Krimi liest sich spannender.

Milieustudie der abgehängten Unterschicht

Jablonkas Schlussfolgerungen gehen weit über einen gruseligen Mordfall in der Provinz hinaus. Er präsentiert eine beklemmende Milieustudie, ein tiefenscharfes und exemplarisches Bild der marginalisierten und abgehängten Unterschicht im heutigen Frankreich – insofern ähnelt seine Studie den aktuellen Bestsellern von Didier Eribon, Édouard Louis oder Annie Ernaux, die aus dem Inneren der materiell vernachlässigten und geistig verelendeten, pauperisierten Unterschicht berichten, eines Lumpenproletariats neuer Prägung, das von den Traditionen des klassischen Proletariats nichts mehr weiß.

Jablonka macht aus dem Fall Laëtitia einen Modellfall, an dem er die Dysfunktionalität der staatlichen Einrichtungen in Frankreich aufzeigt: Frankreich als kaputtgesparter Wohlfahrtsstaat, in dem die Institutionen Bildung, Familienfürsorge, Justiz nicht mehr funktionieren und der die abgehängten Jugendlichen in den Peripherien der Städte und in den vernachlässigten Randprovinzen verarmen und verwahrlosen, zum Teil auch in die Gewaltkriminalität abrutschen lässt.

Jablonka: Staat vernachlässigt Menschen wie Laëtitia

Der Staat, so Jablonkas Kritik, hat sich um einen jungen Menschen wie Laëtitia zu Lebzeiten nicht genügend gekümmert. Er hat sie ihren unzuträglichen Eltern weggenommen und in einer fragwürdigen Pflegefamilie bei einem pädophilen Pflegevater abgestellt. Er hat sie nicht gefördert und ihr kaum Chancen gegeben. Aber nach ihrem Tod hat der Staat keinen Aufwand und keine Kosten gescheut, er hat gigantische technische und finanzielle Mittel aufgewendet und sogar drei Teiche komplett entleert, um ihren Leichnam zu finden. Jablonka schreibt:

Sämtliche Abteilungen der Gendarmerie wurden mobilgemacht. Ein Team von Ermittlern wurde zusammengestellt, das wochenlang in Vollzeit arbeitete. Hunderte von Gendarmen, Hundeführern, Tauchern und Soldaten wirkten bei der Fahndung mit, unterstützt von hochleistungsfähigen Computern, Hubschraubern, Ultraschall-Ortungsgeräten und Motorpumpen. Nach ihrem Tod wurde das Mädchen behandelt wie eine Königin.

Ivan Jablonka in "Laëtitia oder das Ende der Mannheit"

In einem anderen Sinne behandelt auch Jablonka Laëtitia wie eine Königin. Sein Porträt des Mädchens ist gekennzeichnet von Diskretion und taktvoller Einfühlung, von Respekt, Sympathie und Zuneigung: Bedauern über ihre Schutzlosigkeit, Respekt für ihre Bemühungen, sich aus ihrem tristen Milieu herauszuarbeiten und ein eigenständiges Leben zu führen, Sympathie für ihre Unbedachtheiten und Nachsicht mit ihren Mängeln und Unzulänglichkeiten. Nur nebenbei: Laëtitias Orthografie war wirklich himmelschreiend schlecht.

Infos zum Buch Ivan Jablonka: "Laëtitia oder das Ende der Mannheit"
Matthes & Seitz Berlin, 384 Seiten
28 Euro

Mehr Sachbücher

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. Oktober 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Oktober 2019, 04:00 Uhr

Abonnieren