Biografie Hilma af Klint: Die unbekannte Malerin, die ihrer Zeit voraus war

Die schwedische Malerin Hilma af Klint setzte zu einer Zeit ihren Willen durch, als Kunst noch von Männern dominiert war. Die neue Biografie von Julia Voss, nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse, widmet der Künstlerin nun einen detaillierten Blick auf ihr Leben.

Cover des Buches "Hilma af Klint" von Julia Voss
Hilma af Klint erlangte erst nach ihrem Tod Berümtheit. Bildrechte: Verlag S. Fischer

"Paintings for the Future", so heißt 2018 eine Ausstellung, die dem New Yorker Guggenheim Museum einen Besucherrekord beschert. Gemalt wurden diese "Zukunftsbilder" von einer schwedischen Malerin, von der bis dahin kaum jemand gehört hat: Hilma af Klint. Ihr farbenprächtiges abstraktes Werk trifft einen Nerv und geradezu euphorisch schreibt die "New York Times": "mit der Wiederentdeckung dieser Frau müsse die Kunstgeschichte neu geschrieben werden."

Die unbekannte Malerin

Doch wer ist Hilma af Klint? Die Kunsthistorikerin Julia Voss hat nun die erste Biografie der Malerin geschrieben und bereits im Titel wird deren Mission postuliert: "Hilma af Klint. Die Menschheit in Erstaunen versetzen". 1862 in eine adlige Seefahrerfamilie hineingeboren, weiß Hilma af Klint früh, dass sie ihr Leben ganz der Kunst widmen will. Doch vielleicht sollte man besser sagen, sie erfährt es früh, denn Hilma af Klint zieht es in die spirituellen Kreise Stockholms.

Zitat aus dem Buch

Hilma af Klint war siebzehn, als sie Bertha Valerius zu den ersten Séancen mitnahm, in denen von einer neuen Kunst gesprochen wurde, davon, dass eines Tages Malen heißen würde, "das Licht scheinen zu lassen, das der Künstler in seinem Geiste bildet". Sie war vierundzwanzig Jahre alt und schon Studentin der Akademie, als sich ihr bei einem weiteren Treffen ihr Schutzgeist Lorentz vorstellte und eine feuerwerksartige Skizze mit den Worten dokumentierte: "Hilma, hierfür bist du hergebracht worden." Sie war neunundzwanzig, als ihr versichert wurde, dass sie "ruhig" ihren Weg gehen sollte und eine Gabe erhalten würde.

Durchsetzen in einer männderdominierten Welt

Als Studentin der Kunstakademie ist Hilma af Klint Ende des 19. Jahrhunderts eine der wenigen Frauen und leicht wird es ihr dort nicht gemacht. Carl Larsson, dessen gemaltes Schweden-Idyll bis heute ausgesprochen populär ist, spricht seinen Kolleginnen jedes Talent ab und hält ihre künstlerischen Bemühungen für vergeblich.

Gemälde in einer Ausstellung von der schwedischen Malerin Hilma af Klint
Bei af Klints Gemälden weiß man nie, wo Oben und wo Unten ist. Bildrechte: dpa

Doch Hilma af Klint lässt sich davon nicht beeindrucken. Ihre Schutzgeister weisen ihr den Weg und beeinflussen zunehmend auch ihr Werk. Neben klassischen Porträts und Aktbildern entstehen sogenannte automatische Zeichnungen. Spiralen, Kreise, Elipsen, Raster fließen scheinbar unbewusst aus dem Bleistift der Künstlerin.

Zitat aus dem Buch

Ihre Arbeitsweise nennt af Klint wiederholt "mediumistisch". An einer Stelle schreibt sie, "die Bilder sind direkt durch mich hindurch gemalt worden, ohne Vorzeichen, mit großer Kraft." Aber es ist nur die halbe Wahrheit. Die Künstlerin führt die Aufträge nicht als passives Werkzeug aus, von Anfang an hat der Prozess die Form eines Dialogs, mit Fragen und Antworten, die zwischen den Sphären hin-und herreisen, ohne dass jemals Befehle erteilt würden.

Eine kosmopolitische Künstlerin

Wobei man sich Hilma af Klint nicht als weltabgewandte, ätherische Person vorstellen muss. Im Gegenteil, sie ist ganz Kind ihrer Zeit, verfolgt politische und gesellschaftliche Bewegungen genau. Auf Reisen erweitert sie im wahrsten Sinne des Wortes ihren Horizont. Sie besucht die Wartburg in Eisenach, studiert in Florenz die Werke der italienischen Meister und entdeckt in ihnen eine vertraute Nähe.

Zitat aus dem Buch

Niemand hätte den Künstlern und Künstlerinnen aus dem Mittelalter oder der Renaissance erklären müssen, dass die Malerei der Eingebung bedarf. Dass die im Dienst von höheren Gewalten steht. Dass sie Teil hat an höherer Sphären. Af Klint taucht in eine Zeit ein, in der sich alle darauf einigen können, dass Kunst von oben kommt und die Betrachter dorthin leitet, wenn es gelingt, sich schauend zu versenken.

1907 erschafft Hilma af Klint schließlich mit "Die zehn Größten" in nur zwei Monaten ein monumentales Werk von insgesamt 80 Quadratmetern, in dem alles zusammenfließt: ihre akademische Ausbildung, ihre spirituellen Erfahrungen, ihre naturwissenschaftliche Erkenntnisse aus dem anatomischen Studium von Tieren und ihre Beschäftigung mit Anthroposophie und Theosophie. Es sind wahre Farbexplosionen in Gelb, Rosa, Orange, Blau, die Formen sind organisch, es gibt kein Oben und Unten.

Zitat aus dem Buch

Den Gemälden fehlt jeder Maßstab, mit dessen Hilfe sich bestimmen ließe, welche Dimensionen die Formen haben könnten, die sich auf den Leinwänden zeigen. In einem Moment fühlt man sich, als ob man über den Rand einer übergroßen Petrischale blicken würde. Im nächsten Moment könnte man schon mitten in der Milchstraße stehen und hinein ins All gucken, zu Planeten, Kometen und Sternen.

Später Ruhm, der zu Lebzeiten verwehrt blieb

Eindeutig, es handelt sich um ein abstraktes Werk. Und das ist auch Julia Voss’ Schlüsselthese: die Geschichte der abstrakten Kunst beginnt nicht erst 1911 mit Wassili Kandinsky, Piet Mondriaan und Kasimir Malewitsch, sondern bereits zuvor, mit Hilma af Klint. Dass ihr Werk, das mehr als 1300 Bilder umfasst, lange Zeit unbeachtet bleibt, liegt jedoch nicht nur daran, dass sie eine eher bescheidene Frau ist, die noch dazu abseits der großen europäischen Kunstzentren agiert. Es liegt auch daran, dass sie ahnt, ihre "Zukunftsbilder", wie sie sie selber nennt, würden erst von den Generationen nach ihr wirklich verstanden. Zwanzig Jahre sollen nach ihrem Tod vergehen, bis ausgewählte Arbeiten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden dürfen, so legt sie es fest.

Als Hilma af Klint 1944 stirbt, landet ihr Werk deshalb gut verpackt auf dem Dachboden eines Neffen, wird erst seit den 80er-Jahren wieder öffentlich präsentiert und trifft seitdem auf das begeisterte Publikum, das ihr zu Lebzeiten verwehrt blieb. Sprachlich fein geschliffen, engagiert, anschaulich und mit viel Sympathie für ihre Protagonistin, macht Julia Voss' Buch "Hilma af Klint. Die Menschheit in Erstaunen versetzen" das facettenreiche Leben hinter den "Zukunftsbildern" sichtbar. Und es ist in der Tat mehr als erstaunlich, dass das nicht viel früher passiert ist.

Cover des Buches "Hilma af Klint" von Julia Voss
Bildrechte: Verlag S. Fischer

Infos zum Buch "Hilma af Klint – Die Menschheit in Erstaunen versetzen"
von Julia Voss
Verlag: S. Fischer
600 Seiten
25 Euro
ISBN: 978-3-10-397367-9

Gemälde in einer Ausstellung von der schwedischen Malerin Hilma af Klint
Ein Werk von Hilma af Klint in einer Ausstellung im Picasso Museum in Malaga im Jahr 2014. Bildrechte: dpa

Mehr Sachbuch-Empfehlungen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. März 2020 | 06:15 Uhr

Abonnieren