Eine verzweifelte alleinerziehende Mutter mit Baby auf dem Schoß vor dem Laptop,
Wenn es nach Maaz geht, ist das Rollenbild der sich vollkommenden aufopfernden Mutter überholt. Bildrechte: Colourbox.de

Sachbuch: "Keine Mutter ist perfekt" Psychoanalytiker Maaz: Gesellschaft braucht mehr Mütterlichkeit

Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz sorgte mit seinen Veröffentlichung schon vielfach für Debatten. 1990 legte er ein Psychogramm der DDR vor, sein "Lilith-Komplex" über die dunklen Seiten der Mütterlichkeit sorgte neben viel Zustimmung auch für jede Menge Unverständnis. Nun setzt er an den "Lilith-Komplex" an und stellt in "Keine Mutter ist perfekt" unsere Rollenbilder von Frauen, Müttern, Vätern, Männern und Kindern erneut auf die Probe.

von Regine Schneider, MDR KULTUR-Redakteurin für Bildung und Erziehung

Eine verzweifelte alleinerziehende Mutter mit Baby auf dem Schoß vor dem Laptop,
Wenn es nach Maaz geht, ist das Rollenbild der sich vollkommenden aufopfernden Mutter überholt. Bildrechte: Colourbox.de

"Der Gefühlsstau" machte ihn populär, den Psychoanalytiker und langjährigen Chefarzt der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik im Diakoniewerk Halle, Dr. Hans-Joachim Maaz. Er erstellt in dem 1990 erschienen Buch ein Psychogramm der DDR. Seitdem ist Maaz dafür bekannt, seine Erkenntnisse aus der Psychotherapie auf die Gesellschaft zu übertragen.

Er analysiert die Beziehungskultur der Gesellschaft, äußert sich zu aktuellen Problemen einer Zuwanderungsgesellschaft genau so wie zu den immerwährenden Beziehungskonflikten in Partnerschaften und zwischen Müttern, Vätern, Kindern. 2003 erschien das erste "Der Lilith-Komplex – die dunklen Seiten der Mütterlichkeit" – verbunden mit heftigen Debatten, Zustimmung und Unverständnis. Maaz schreibe den Müttern die Schuld an allem Ungemach in der Gesellschaft zu.

Der Lilith-Komplex: Mit dem Lilith-Komplex meint Maaz Folgendes: Die tiefe Verankerung, dass sich eine Mutter unterordnen und aufopfern muss: so wie Eva, die aus Adams Rippe geschnitten wurde, während er Lilith verstieß.

Im Kern geht es darum: Wie stark wendet sich die Mutter ihrem Kind zu

Das neue Buch "Keine Mutter ist perfekt - Der Umgang mit dem Lilith-Komplex"  ist nun ein aufgeschriebenes Gespräch zwischen ihm und der Publizistin Ingeborg Szöllösi. Ihr – stellvertretend wohl auch für die Mutterposition –  stellt Maaz all die Fragen, die sich in den Debatten um das erste Buch so angestaut haben. Im Kern geht es um Zuwendung, die Mütter ihren Kindern geben. Zu wenig? Zu viel? Wie die Entscheidung darüber ausfällt, wie die Realität aussieht, das hänge – so Maaz – viel zu sehr von den, vereinfacht gesagt, "Verhältnissen" ab und fast gar nicht von der wahren inneren Gefühlsverfasstheit der Frau. Mit Verhältnissen meint er sowohl die individuelle Lebenssituation aber auch die gesellschaftlichen Gegebenheiten, wozu auch das vorherrschende Mutterbild gehört. Und fast immer lebt die Mutter in einem hergestellten Kompromiss zwischen: Was braucht das Kind und was will ich als Mutter?

Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz
Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz Bildrechte: IMAGO

Verwöhnung bis Verwahrlosung der Kinder – all das passiert und ist normal, sagt Maaz. Er begründet das so: "Diese Normalität ergibt sich aus der Tatsache, dass praktisch jedes Kind seine Mutter überfordert." Die Mutter müsse sich "des Anspruchs erwehren und Begrenzungen setzen". Und genau das, sagt Maaz, machen Mütter nicht, nicht ehrlich. Denn diese Begrenzung wird als Schwäche, als Versagen empfunden und keine Mutter gesteht sich das gern ein. Zu unserem Wertekanon, in dem Mütterglück das höchste ist, scheint es ja auch nicht zu passen. Und so gibt es verschiedene Muster, diese Begrenzungen zu verleugnen – sich selbst gegenüber, dem Kind gegenüber – mit bleibenden Beschädigungen. Weil eben Mütter allzuoft ihre Intensität an Zuwendung abhängig machen vom Wohlverhalten des Kindes, weil die mit der Botschaft verbunden ist: Erst wenn du, mein Kind, so und so bist, dann kann ich mich dir zuwenden. Anstatt zu sagen: Ich kann jetzt nicht und du bist, wie du bist: richtig. Und dieses Bewusstsein, nicht richtig zu sein, wächst ins Erwachsenenleben mit – mit all seinen Folgen.

Maaz gibt seinen Erfahrungen als Therapeut und Analytiker immer auch eine gesellschaftliche Dimension, auch bei diesem Thema. Genau das ist es, was ihm eine so hohe Beachtung einbringt, im wertschätzenden wie im sehr skeptischen Sinne. Maaz polarisiert, wenn es um die Vereinbarkeit vom Muttersein und der beruflichen Selbstverwirklichung der Frauen geht.

Zu wenig Mütterlichkeit in der Gesellschaft?

Mütterlichkeit wird abgewertet in unserer Gesellschaft, auch von der Frauenbewegung, sagt er. Man hört regelrecht schon die Reaktion, den empörten Aufschrei. Aber als Therapeut weiß er, die ungenügende Anwesenheit der Mutter kann für das Kind lebensbedrohlich sein – er meint die ersten drei Lebensjahre.

Aber: Was ist genügend? Er sagt auch: Je früher ein Betreuungswechsel passiert, desto belastender wird dies für das Kind. Und je nach Lesart wird ihm dann unterstellt, er wolle Mütter vom Berufseinstieg fernhalten – obwohl es genauso ein Plädoyer sein könnte für eine die Mutter unterstützende, und dem Kind Sicherheit gebende einfühlsame kollektive, öffentliche Betreuung. Für Maaz muss man sehr offen sein und die eigenen Denkmuster auch mal loslassen. Und nachspüren, welches Gefühl da in einem selbst geschützt werden will.  

Eine Empfehlung – auch für Väter

Hans-Joachim Maaz: Keine Mutter ist perfekt
Hans-Joachim Maaz: Keine Mutter ist perfekt Bildrechte: Mitteldeutscher Verlag

In dieser Gesprächskonstellation – zwei Experten, die auch für Frau, Mann, Mutter und Vater stehen – ist Maaz auch bei den Vätern und ihrer Aufgabe in diesem Beziehungsdreieck der Elternschaft. Bemerkenswert sind die Passagen, wenn er Väterlichkeit und Mütterlichkeit erklärt, auch als gesellschaftliche Kategorien. Denn da kommt er wiederum zu der erst einmal etwas irritierenden Aussage: Unserer Gesellschaft fehlt es an Mütterlichkeit. Damit meint er eine Haltung, die nicht nur Frauen haben können, auch Männer, auch Väter. Mit Mütterlichkeit meint er Begriffe wie: zugewandt sein, einfühlsam sein, zuhören können, verstehen. Davon haben wir zu wenig im gesellschaftlichen Miteinander.

Insofern sollte dieses Buch immer griffbereit sein für Eltern (für werdende wäre es wirklich ein Gewinn), aber auch für Menschen, die Entscheidungen mit und über andere Menschen treffen müssen. Denn: Begrenzungen anzuerkennen, kann sehr befreiend sein.

Angaben zum Buch: Hans-Joachim Maaz/Ingeborg Szöllösi: "Keine Mutter ist perfekt. Der Umgang mit dem Lilith-Komplex"
erschienen bei Mitteldeutscher Verlag
192 Seiten, 12 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Dezember 2018 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Dezember 2018, 04:00 Uhr