Eine Frau mit Tränen in den Augen
Es gibt drei Arten von Tränen: mit den psychogenen Tränen beschäftigt sich Heather Christle im Buch "Weinen" Bildrechte: IMAGO

Sachbuchkritik "The Crying Book": Nachdenken übers Weinen

Die amerikanische Autorin Heather Christle wurde für ihre Gedichtbände mit einigen Preisen ausgezeichnet und ihre Texte sind in renommierten Magazinen wie "The New Yorker" erschienen. Ihr Debüt-Prosaband "The Crying Book" ist das erste Buch, das in der Übersetzung von Sabine Hübner auf Deutsch erscheint: "Weinen" lautet der Titel. MDR KULTUR-Literaturkritiker Ulrich Rüdenauer hat den Band gelesen.

Eine Frau mit Tränen in den Augen
Es gibt drei Arten von Tränen: mit den psychogenen Tränen beschäftigt sich Heather Christle im Buch "Weinen" Bildrechte: IMAGO

Tiere weinen nicht. Wobei man sich beim Elefanten nicht ganz sicher sein kann. Tränen sind mit dem Menschsein verbunden. Säuglinge weinen. Kinder weinen. Erwachsene weinen. Frauen angeblich öfter als Männer. Aber das hat eher mit gesellschaftlicher Konvention zu tun. Im 18. und 19. Jahrhundert gehörte es auch für den empfindsamen Mann zum guten Ton, Tränen zu vergießen: Weinen war ein Teil der Kommunikation, man schaue sich nur die einschlägigen Romane vom "Werther" bis zu "Anna Karenina" an.

Geweint wird vor Schmerz. Und vor Glück. Es lassen sich drei Arten von Tränen unterscheiden: Basaltränen, die als Gleitmittel dienen; Reiztränen, die produziert werden, um etwa ein sich ins Auge verirrtes Insekt herauszuspülen. Und psychogene Tränen, die einem emotionalen Zustand geschuldet sind. Vor allem um letztere geht es der Lyrikerin Heather Christle in ihrem "Crying Book".

Eine Karte der Traurigkeit

Eine junge Frau weint.
Perfekter Ort zum Weinen laut Christle: die Küche Bildrechte: PantherMedia / Viktor Cap

Über die Idee zum Buch meint die Autorin: "Am Anfang dieses Buchprojekts stand vor fünf Jahren der müßige Einfall, eine Karte aller Orte anzufertigen, an denen ich je geweint habe. Ich erwähnte dies im Gespräch mit Freunden, ohne zu wissen, wie viele Jahre, wie viele Seiten sich um diesen Einfall ranken würden, ohne zu wissen, wie dieses Rankenwerk meine Sicht auf das Thema Tränen verändern würde."

"Rankenwerk" ist ein schöner Ausdruck für dieses Buch, das sich nicht so leicht einer Gattung zuschlagen lässt: In kleinen, manchmal nur ein paar Zeilen langen Abschnitten erzählt Heather Christle von verschiedenen Momenten ihres Lebens, in denen Tränen geflossen sind; sie reflektiert über wahre und unaufrichtige Tränen, über "weiße Tränen" (in einem rassistischen Amerika). Sie berichtet von Rose-Lynn Fishers Fotografie-Projekt "Die Topografie der Tränen"; auf ihren Bildern sieht man getrocknete Tränen, die durch ein Mikroskop aufgenommen wurden:

Die Salzkristalle bilden kleine Gefühlsareale. Kummertränen funkeln hell, sind meist senkrecht ausgerichtet und fasern hie und da in Kurvenbüschel aus. Zwiebeltränen ähneln einer geschmacklosen Farnmustertapete.

Heather Christle "Weinen"

Christle stellt sich auch die Frage, wo es sich am ehesten weinen lässt: "Eine Küche ist der beste – das heißt der traurigste – Ort für Tränen. Im Schlafzimmer liegt weinen zu nahe, das Bad ist zu intim, das Wohnzimmer zu formell. Wenn sich jemand in der Küche in Tränen auflöst, in dem Raum, wo Nahrung zubereitet und verzehrt wird, muss er wirklich am Ende sein."

Wissenschaftliche Fakten und persönliche Momente

Weinen, Heather Christle
Buch "Weinen" von Heather Christie Bildrechte: Hanser

Zwischen Essay, Memoir, poetischen Betrachtungen und kleinen wissenschaftlichen Fundstücken oszilliert Heather Christles "Weinen": Wir erfahren etwa, dass die Körper "hirntoter" Patienten zuweilen Tränen produzieren, wenn ihre Organe entfernt werden. Oder dass, wer das nötige Kleingeld hat, sich in Japan einen attraktiven Mann mieten kann, der einem die Tränen wegwischt. Es gibt dort übrigens auch Hotelzimmer, die extra dafür entworfen wurden, um darin zu weinen. Beobachtungen von Forschern oder Dichtern wechseln sich ab mit Selbstbeobachtungen über die eigenen Weingewohnheiten: "Viel hängt davon ab, wie lange man weint. Am liebsten sind mir anhaltende Phasen, die mir Zeit lassen, neugierig zu werden, in den Spiegel zu blicken, meine physische Traurigkeit zu betrachten."

Auch an Selbstironie fehlt es ihr nicht: "Zum Glück gibt es die Nase. Sich als tief tragische Figur zu empfinden fällt schwer, wenn die Tränen sich mit Rotz vermischen. Lautstarkes Schnäuzen hat keinen Glamour."

"Weinen" ist keine akribische Tränen-Kartografie oder -Biografie geworden, aber doch finden sich in diesen stilistisch ausgefeilten, zum Weiterdenken anregenden Miniaturen immer wieder sehr persönliche Momente und Erinnerungen: der Tod eines engen Freundes, die Depressionen der Mutter, die Geburt der Tochter, die Sorge, in einem Nebel der Verzweiflung zu versinken und nicht zu genügen. Es entsteht eine wunderbare Balance in diesem Buch zwischen Intimität und Allgemeingültigkeit. Und die idiosynkratische, assoziative Form von Heather Christles Essay erzeugt schillernde Bilder, hellsichtig durch einen Tränenschleier betrachtet.

Angaben zum Buch Heather Christle: "Weinen"
Aus dem Englischen von Sabine Hübner
Carl Hanser Verlag, München 2019
192 Seiten, 19 Euro
ISBN : 978-3-446-26398-7

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. November 2019 | 13:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. November 2019, 04:00 Uhr

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