Sachbuch Wolfram Eilenbergers "Feuer der Freiheit": Lebendig erzählte Philosophie

In "Feuer der Freiheit" erzählt der Schriftsteller und Philosoph Wolfram Eilenberger von der Rettung des freien Denkens in finsteren Zeiten. Wie schon in „Zeit der Zauberer“ nimmt sich Eilenberger vier Biographien vor: In seinem neuen Buch geht er mit Simone de Beauvoir, Ayn Rand, Simone Weil und Hannah Arendt der Frage nach, was Freiheit bedeutet – vor allem während des Zweiten Weltkriegs. Eine lebendige Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts, die sich nicht nur an Eingeweihte richtet.

Wie schon in seinem Vorgängerbuch "Zeit der Zauberer" nimmt sich Wolfram Eilenberger vier Philosophen vor – aber in "Feuer der Freiheit" sind es vier Frauen, mit denen er sich durch eine bestimmte Zeit bewegt:  Es geht um die Jahre von 1933 bis 1943 – die Nationalsozialisten errichten ihre Diktatur und beginnen dann mit ihren Verbündeten den Zweiten Weltkrieg. Simone de Beauvoir, Hannah Arendt, Ayn Rand und Simone Weil sind vier hochgebildete Frauen, deren Denken vor allem um die Spannung zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft kreist, um die Möglichkeit der Freiheit und der unbedingten Selbstbestimmung. Alle vier lebten ein bemerkenswertes Leben und schlagen jeweils eigene Lösungen für die philosophischen und drängenden, gesellschaftspolitischen Fragen vor.

Ich und die Anderen

Ayn Rand
Philosophin Ayn Rand Bildrechte: imago images/Everett Collection

Ayn Rand, eine russische Jüdin, verlässt ihr Land nach der Oktoberrevolution und wird in den USA zu einer bekannten Schriftstellerin und Philosophin. Sie ist eine Frau, die in geradezu trotzig-provozierender Manier den Einzelnen gegen das Kollektiv, gegen jegliche moralische Verpflichtung behauptet. Für sie ist es immer das freie, kreative, letztlich auf keinen sozialen Zweck gerichtete Schöpfertum, das allein eine freiheitliche Ordnung garantieren kann. Mit dieser unbedingten Ich-Philosophie macht sie sich in einer geschichtlichen Situation, in der in ihrer Wahlheimat USA zum patriotischen Kampf gegen den Faschismus aufgerufen wird, natürlich verdächtig.

Simone Weil
Bild von Simone Weil Bildrechte: imago/Leemage

Simone Weil ist geradezu das Gegenteil: Die französische Jüdin und Gewerkschafterin entwickelt aus einem Gemisch von christlichen, buddhistischen und mystischen Ideen eine ganz spezielle Moral und Ethik. Simone Weil ist die ungewöhnlichste Figur in diesem Buch. Sie ist eine Frau, die bis zur Selbstaufgabe anderen Menschen helfen will, was manchmal auch komisch ist: Sie schließt sich den republikanischen Truppen im spanischen Bürgerkrieg an. Obwohl sie ein eher schwächlicher Menschen ist, will sie als Einzelkämpferin in die gefährlichsten Einsätze entsandt werden. Selbst ihre Gefährten sind erleichtert, als sie von der Front zurückgeschickt wird. Weil stirbt 1943 in England, vermutlich weil sie ihre Nahrungsrationen denen gibt, die noch weniger haben.

Bewährungsprobe der Philosophie

Simone de Beauvoir, ca 1985
Simone de Beauvoir im Jahr 1985 Bildrechte: imago/United Archives

Es ist eine der großen Fragen des Buchs, ob sich Philosophie als eine Form der Menschlichkeit angesichts der Schrecken des Zweiten Weltkriegs bewähren kann. Eilenberger beschreibt das in seiner wirklich einzigartigen und geradezu süffigen Art. Er kann das grandios, bestimmte philosophische Denkgebäude auf einer Seite zusammenzufassen und auf der anderen Seite den Alltag dieser Frauen sehr anschaulich erzählen:  Simone de Beauvoir zieht mit Sartre durch die Cafés und hat dabei ihre ganze Liebesclique im Gefolge, wo jeder mit jedem schläft. Zeitgleich besetzen die Deutschen Frankreich und Sartre grübelt immer noch darüber nach, wie sich denn die unbedingte Freiheit des Einzelnen mit dem organisierten Kampf gegen die Nazis verbinden ließe. Dieses sehr spezielle Liebesmodell von Sartre und de Beauvoir wird hier noch einmal vorgeführt. Es ist bis heute verwunderlich, welche Verführungskraft dieser Sartre, der von Beauvoirs Vater "der Wurm" genannt wurde, entwickeln konnte.

Die Philosophin Hannah Arendt in einer Schwarz-Weiß-Aufnahme.
Philosophin Hannah Arendt Bildrechte: imago/United Archives International

Zuletzt geht es noch um Hannah Arendt, die mit ihrer These von der "Banalität des Bösen" berühmt wurde. Sie war eine sehr kluge, ehrgeizige und auch unbeirrbare Frau. Sie hat es – anders als ihr Gefährte Walter Benjamin – geschafft, vor den Nationalsozialisten zu fliehen.  Sie arbeiten als Journalistin in Amerika und entwickelt eine sehr offene, auf Toleranz fußende Freiheitsphilosophie. Sie erkennt dann schon sehr früh, dass das zionistische Konzept der Juden, die sich nun im Exil sammeln, auch wieder zu unauflösbaren Konflikten führen muss: Wenn sie nämlich, wie es heute Realität ist, in einem jüdischen Palästina die Araber nicht politisch mit einbinden, folgen sie letztlich auch wieder nationalistischen Ideen.

Eilenbergers "Feuer der Freiheit" beweist, dass Philosophie des 20. Jahrhunderts klug und dennoch sehr lebendig erzählt werden kann. Es wird auch nochmal klar, welche großen Hoffnungen und bald auch Enttäuschungen sich eben mit der neuen politischen Kraft der Sowjetunion in den 1920er- und 30er-Jahren verbunden haben. Man konnte noch bis in die 1970er-Jahre verfolgen, wie die westeuropäische Linke an dieser Idee von der besseren kommunistischen Gesellschaft festhalten wollte und wie schmerzhaft sie die Zerstörung dieser Idee durch den Stalinismus zur Kenntnis nehmen musste. Überraschend ist, dass feministische Fragestellungen, bei diesen Frauen in dieser Zeit kaum auftauchten. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg nimmt Simone de Beauvoir mit dem weiblichen Aufbegehren das Verhältnis der Geschlechter ausführlich in den Blick.

Wolfram Eilenberger: Feuer der Freiheit
Bildrechte: Klett-Cotta

Mehr zum Buch Wolfram Eilenberger: "Feuer der Freiheit – die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten, 1933 bis 1943"
Klett-Cotta, 400 Seiten
Preis: 25 Euro
ISBN: 978-3-608-96460-8

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. September 2020 | 07:40 Uhr