Sachbuch Einblicke ins Leben eines Reisebesessenen – Patrick Leigh Fermors Briefe

Patrick Leigh Fermor begann bereits mit 18 Jahren durch Europa zu wandern und gilt als einer der prominentesten englischsprachigen Reiseschriftsteller. Von seinen Reisen und später von seinem Alterssitz in Griechenland schrieb er zahlreiche Briefe an Freunde auf der ganzen Welt. Der Band "Flugs in die Post!" versammelt ausgewählte Korrespondenzen, weckt Fernweh und macht Lust auf mehr Berichte dieses Schriftstellers.

Patrick Leigh Fermor schrieb "langsam wie eine Schnecke" lästerte ein französischer Kritiker in Le Monde, aber er zählt mit Büchern wie "Zeit der Gaben", "Zwischen Wäldern und Wasser", "Drei Briefe aus den Anden" oder "Mani" zu den populärsten englischsprachigen Reiseschriftstellern des 20. Jahrhunderts. Originell, warm und detailreich klingt seine Korrespondenz mit vielen über halb Europa verstreuten Freunden, inklusive seiner ersten großen Liebe Marie-Blanche Cantacuzène, einer rumänischen Adligen.

Lesen und reisen wie besessen

Fast jeder Brief begann mit einer Entschuldigung, wie dieser an seinen Verleger Jock Murray in London: "Haben Sie vielen Dank für Ihre beiden Briefe, und tausendmal Abbitte, dass ich so spät antworte. Jeden Tag habe ich mir vorgenommen zu schreiben. (...) Als wir wieder in Athen waren, zerstreuten sich alle in alle Winde. Ich blieb noch eine Woche, um Dinge zu regeln, kaufte Bücher usw. Ich habe mich jetzt endlich doch in den Bankrott getrieben, in dem ich für 45 Pfund die 'Große Griechische Enzyklopädie' erwarb, ein wunderbares Werk, nach dessen Besitz ich mich 20 Jahre gesehnt hatte. 24 riesengroße Quartbände. In eine Holzkiste verpackt wog sie etwa eine halbe Tonne." Patrick Leigh Fermor ließ diese Kiste auf der Heimreise nach London in Belgrad stehen, aber irgendwie gelangte sie nach England.

Stratis, Manoli, Wallace Beery, George, Nikko, vorn: Grigori, Patrick Leigh Fermor, William Stanley Moss, Karl Heinrich Georg Ferdinand Kreipe
Patrick Leigh Fermor (vorne in der Mitte) bei einem Militäreinsatz 1944 auf Kreta. Bildrechte: imago images / United Archives International

Fermor lebte seine Leidenschaften aus: Er las und reiste wie ein Besessener. Und er pflegte einen Briefwechsel mit Freunden, Gönnern und Künstlern. Herausgeber Adam Sisman hat für den Band "Flugs in die Post! Ein abenteuerliches Leben in Briefen" ein erhellendes biografisches Vorwort geschrieben. Danach folgen 174 Briefe, die Sisman aus einem Riesenkonvolut an Korrespondenzen ausgewählt hat. Der erste Brief entstand 1940 in einem Militärhospital. Damals hoffte Fermor bei den Irish Guards (ein Infanterieregiment der britischen Armee) aufgenommen zu werden, aber dank seiner Griechischkenntnisse landete er beim Britischen Militärgeheimdienst (SOE). Er koordinierte geheime Militäraktionen auf Kreta. Damals konnte er nicht wissen, dass er seine zweite Lebenshälfte auf der griechischen Halbinsel Peloponnes verbringen würde. Dorthin pilgerten schließlich seine Freunde, so wie er zuvor in den Häusern seiner Freunde Unterschlupf fand.

Eine Lektion im sesshaft werden

Nur wenn er zur Ruhe kam, konnte er schreiben, wie dieser Brief an Lawrence Durrel von 1961 beweist: "Was du hier bekommst, ist ein Hilferuf. Weißt du irgendwo bei Dir in der Gegend ein sehr großes und sympathisches Zimmer? Es sollte viel Platz zum Auf- und Abgehen, einen großen Schreibtisch, eine Arbeitslampe, ein Bett, einen weiten Ausblick (bis zum letzten Sonnenstrahl) haben und so gut wie nichts kosten. Ich muss in den nächsten drei Monaten unbedingt die Fortsetzung von 'Mani' abschließen – Thrakien, Mazedonien, Epirus und Thessalien – bevor ich im Februar mit Joan nach Mexiko will."

Kardamili
Blick auf die Stadt Kardamili auf der griechischen Halbinsel Mani Bildrechte: imago images / Andreas Neumeier

Fermors Lebensgefährtin Joan Rayner fahndete unterdessen in Griechenland nach einem Grundstück als Alterssitz und Zuflucht für Freunde. Denn auch das ermöglicht dieser opulente Briefband: Einblicke in den Alltag des Schreibens, mit seinen Zweifeln, ständigen Geldnöten und Brotjobs, wie Drehbuchschreiben oder dem Übersetzen französischer Bücher. Patrick Leigh Fermor hat nie studiert, aber sich autodidaktisch ein halbes Dutzend Sprachen beigebracht, inklusive Rumänisch, Griechisch und Italienisch. Nebenbei ist dieses Buch eine Lektion im sesshaft werden, denn ab der Mitte seines Lebens kamen die meisten Briefe aus dem Dorf Kardamili in der Mani, wo sich das Haus der Fermors in einem alten Olivenhain über dem Meer erhob.

Einblicke ins Leben eines Reiseschriftstellers

Man erfährt aus den Briefen Spannendes über die Entstehungsgeschichte seiner Bücher. Ein wichtiger Ratgeber für den Band über seine Jugendreise durch Ungarn und Rumänien war der Siebenbürger Sachse Rudi Fischer, an den er schrieb: "Von Ihnen habe ich so viel Freundlichkeit erfahren, so viel Hilfe, Interesse, mitgeteiltes Wissen, dass der eine Leser, in dessen Augen ich unbedingt bestehen wollte - und immer noch will -, Sie selbst waren. Ich war ein wenig beunruhigt, als Sie – anlässlich der ersten Kapitel – schrieben, es sei ein großartiger Entwurf, aber ihm sei irgendwie der 'fiktionale' Charakter des ersten Buches verloren gegangen. Mir war klar, dass Sie die Frische und Lebendigkeit meinten, welche die 'Zeit der Gaben' auszuzeichnen schien."

Fischer wurde durch den Briefwechsel ein enger Freund von Patrick Leigh Fermor, der viele seiner Briefe in schrecklicher Eile schrieb. Ihre elegante Prosa, die oft leichter zu lesen ist als der barocke Stil seiner Bücher, machen diese Korrespondenz zu einem Augenöffner – nicht nur für das abenteuerliche Leben des englischen Schriftstellers, sondern auch für die Menschen, Lieder und Landschaften Europas, allen voran Griechenlands. Freundschaften waren anders, als man sich noch Briefe schrieb und danach zum Baden ins Meer stürzte. Die Lektüre kann Fernweh wecken, auch bei denen, die noch nie ein anderes Buch von Patrick Leigh Fermor aufgeschlagen haben. Sie werden es nach diesem Briefband sicher tun.

Angaben zum Buch Patrick Leigh Fermor: "Flugs in die Post! Ein abenteuerliches Leben in Briefen", herausgegeben von Adam Sisman
Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
Dörlemann Verlag 2020, 704 Seiten
Gebundene Ausgabe: 44 Euro
E-Book: 29,99 Euro

Mehr Sachbuch-Empfehlungen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. Juli 2020 | 08:10 Uhr