Sachbuch-Empfehlung Die aufregende Geschichte der Himmelsscheibe von Nebra

Die Himmelsscheibe von Nebra ist so etwas wie der Star unter den archäologischen Ausgrabungen der vergangenen 25 Jahre. Zuletzt war sie an die große Leistungsschau der deutschen Archäologie im Berliner Gropiusbau ausgeliehen. Nun ist sie zurück im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle. Welche Bedeutung sie hat und welche Gesellschaftsordnung in der frühen Bronzezeit in Mitteldeutschland herrschte, beantworten der Landesarchäologe Harald Meller und der Wissenschaftsjournalist Kai Michel in einem Sachbuch. Dies könnte aufregender nicht sein.

von Stefan Nölke, MDR KULTUR-Geschichtsredakteur

Es ist eine Geschichte mit romanhaften Zügen und sie handelt vom Aufstieg und Fall eines ganzen Reiches. Und darin besitzt die Himmelsscheibe von Nebra eine Schlüsselfunktion. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte bildet sie auf recht rationale Art den Kosmos ab und diente auch ganz praktisch dazu, das Sonnen- und das Mondjahr in Einklang zu bringen.

"Wenn die Mondsichel neben den Plejaden so dick erscheint wie auf der Himmelsscheibe, ist ein Schaltmonat einzufügen", lautete die Botschaft der Abbildung. Später wurden an ihrem Rand Horizontbögen und eine Art Boot aus Gold auf die Himmelsscheibe montiert, womit sie noch eindeutiger eine religiöse Funktion erhielt. Mit dem Schiff, daran erinnern Meller und Michel, war auch im alten Ägypten die Vorstellung verbunden, dass die Sonne über den Himmel transportiert wird.

Aus dem Orient nach Halle

Für die beiden Autoren ist es wahrscheinlich, dass das Wissen und die Fähigkeit, solch eine einzigartige kosmische Darstellung aus Bronze und Gold zu schmieden, nicht hier in Mitteldeutschland entstanden, sondern aus dem Orient stammen und womöglich importiert wurden. Das heißt, ein Angehöriger der Herrscherdynastie, die sich in der Mitteldeutschland in der frühen Bronzezeit etabliert hatte, erwarb diese Kenntnisse auf seiner Reise ins kulturell hochentwickelte Zweistromland:

"Das hat eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass einer dieser Fürsten oder einer seiner Verwandten aus Dieskau – also aus dem Süden von Halle – tatsächlich derjenige war, der die Himmelsscheibe angefertigt hat, sagte Landesarchäologe Harald Meller MDR KULTUR.

Pyramide des Nordens

Das Neue und gleichzeitig Interessante an diesem Buch ist, dass der Landesarchäologe und sein Ko-Autor die schon einige Jahre alten Ergebnisse aus der Erforschung der Himmelsscheibe mit den neusten Erkenntnissen über die bronzezeitlichen Fürsten der sogenannten Aunjetitzer Kultur verknüpfen. Zuletzt waren die Archäologen vom Landesamt  in Halle einem Grabhügel bei Dieskau im südlichen Sachsen-Anhalt auf der Spur, der so gewaltig war, dass Meller ihn mit den ägyptischen Pyramiden vergleicht: "Das Grab ist so groß, dass es das gesamte Landesmuseum begraben würde und man würde es nicht mehr sehen", so Meller. Es besäße einen Durchmesser von 80 Metern und eine Höhe von 15 bis 17 Metern. "Es war also absolut gewaltig. Von weit her zusehen, praktisch eine Pyramide des Nordens!"

Beigegeben hatten die Aunjetitzer Untertanen ihrem Fürsten jede Menge Gold, das heute im Moskauer Puschkin Museum lagert. Eine Kriminalgeschichte für sich, die aber von einer anderen vielleicht wichtigeren Frage nicht ablenken sollte: „Wodurch waren der Dieskauer Fürsten und seine Vorfahren so unendlich reich geworden?“.   

Massengrab aus der Schlacht von Lützen wird im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle von Grabungsleiter Olaf Schubert untersucht 72 min
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Das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle feiert sein 100-jähriges Bestehen. MDR KULTUR-Geschichtsredakteur Stefan Nölke im Gespräch mit dem Museumsdirektor und Landesarchäologen Harald Meller.

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Wissen ist Macht

Wissen ist Macht: Das galt auch schon für die Bronzezeit, sagt Harald Meller. Es ist davon auszugehen, dass diese bronzezeitlichen Fürsten zugleich auch die Herren der Schmiedekunst waren. Womöglich verfügten nur sie und mit ihnen eine kleine Elite über das Wissen, wie aus Kupfer und Zinn Bronze gefertigt wird. Und nur sie kannten die Herkunftsorte der Metalle und kontrollierten den Handel. So stammt das Kupfer der Himmelscheibe aus dem Mitterberg bei Salzburg, das Gold aber aus dem englischen Cornwall. Wir haben es also mit einer ersten Globalisierung zu tun.

Und zum ersten Mal wurde in Serie produziert: In der Nähe von Dieskau fanden die Archäologen hunderte gleich geformte Beile. "Diese Massenfabrikate – wenn man so will – verändern die Welt. Jetzt können sie die Welt kapitalisieren. Sie können riesige Schatzfunde aus diesen wertvollen Bronzebeilen anlegen. Oder sie können sie an Krieger verteilen. Und genau das tun die Aunjetitzer Fürsten: Sie verteilen die Beile an Krieger", erklärt Harald Meller.  

Himmelsscheibe als Kultobjekt

Gestützt auf ihre Streitmacht etablierten die bronzezeitlichen Fürsten vor knapp 4.000 Jahren zum ersten Mal in Mitteleuropa so etwas wie einen Staat. Doch woran ging er zugrunde? Womöglich war es die große Ungleichheit, die die Menschen gegen die übermächtigen Könige von Aunjetitz nach 400 Jahren Herrschaft aufbrachte.

Damals um das Jahr 1600 vor Christus wurde die Himmelsscheibe auf dem Mittelberg bei Nebra in einer rituellen Handlung im Erdboden versenkt. Über die Jahrhunderte diente die Himmelsscheibe nicht nur als Kalender, sondern stand als heiligstes Kultobjekt im Zentrum der bronzezeitlichen Sonnenreligion. Sie war der religiöse Kitt, der den Fürsten ihr Charisma verlieh.

Ein bisschen wie "Herr der Ringe"

"Er ist der letzte König von Aunjetiz. Abkömmling eines alten Geschlechts, das in der Gnade der Sonne steht", schreiben die Autoren. Und weiter:

Die Verzweiflung ist groß. Die Feinde werden mächtiger und mächtiger. Er muss ein großes Opfer bringen: das wichtigste Erbstück seiner Dynastie in die Hände der Götter geben.

Harald Meller und Kai Michel, Autoren

So malen es Harald Meller und Kai Michel aus. Das klingt – zugegeben – ein bisschen nach "Herr der Ringe". Solange die Spekulation als solche benannt wird, ist dagegen nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Dass die ungeheuer reichen archäologischen Funde der letzten Jahre nicht nur aufgezählt, sondern interpretiert und zu einem stimmigen Bild zusammengefügt werden, macht den Reiz des Buches aus. Hier wird eine Welt beschrieben, von der viele bis dahin nie etwas gehört haben. So fern und doch so nah liegt diese Welt direkt vor, bzw. "unter" unserer Haustür. 

Angaben zum Buch Harald Meller und Kai Michel, "Die Himmelsscheibe von Nebra. Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas", 384 Seiten, erschienen im Propyläen Verlag.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. Dezember 2018 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Dezember 2018, 04:00 Uhr

Geschichte bei MDR KULTUR

Grafik mit antikem Ring 4 min
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Landesarchäologe Dr. Harald Meller 1 min
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Für den Landesarchäologen Harald Meller ist die in der Schweiz gefundene Bronzehand von Prêles ein herausragendes Stück. Was sie bedeuten könnte erläutert er.

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