Sachbuchkritik "Napola": Wie die Nazis im Harz Jungs zur Elite ausbildeten

In Ballenstedt entstand der einzige Neubau einer Napola in Deutschland, einer Nazi-Führungsschule für Jungs. Das Sachbuch "Napola", verfasst von einer vierköpfigen Autorengemeinschaft um Herausgeber Wolfgang Schilling, erzählt die Geschichte des gigantisches Baus und der Elite, die darin verführt wurde – gut recherchiert, mit umfangreichen Quellen belegt und immer spannend zu lesen, so unser Kritiker.

Anmerk. d. Red.: Die Rezension stammt von MDR KULTUR-Literaturkritiker Wolfgang Schilling. Es besteht – bis auf die Namensgleichheit – keine Verbindung zum Herausgeber.

Führung über das Gelände und durch die ehemalige Napola-Schule Ballenstedt
In der Napola in Ballenstedt wurden Kinder zur Nazi-Elite ausgebildet. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Napola, das klingt in den Ohren des 21. Jahrhunderts so ein bisschen nach Urlaub in Italien. Aber von wegen "Bella Napoli". Diese Abkürzung stand in der Nazizeit für "National Politische Lehranstalt", und an diesen Eliteschulen wurden ausschließlich Jungen ausgebildet, die als zehnjährige sogenannte Jungmannen zur auserlesenen Führungselite herangebildet werden sollten. Solche Schulen gab es überall im Reich. Der einzige Neubau entstand aber im Harz: eine auf dem großen Ziegenberg hoch über Ballenstedt aus dem Boden gestampfte Anlage, deren gewaltiger, eigentlich funktionsloser Turm bis heute als Landmarke über Baumwipfeln weit ins Land lugt. Die Gesamtanlage ist in einem baulich verhältnismäßig guten Zustand und beeindruckt ob ihrer Monumentalität bis heute. Doch wieso ließen die Nazis einen solchen Vorzeigebau hier, weitab in der Provinz, errichten?

Neubau für Hitlers Neffen

Das fragt sich auch Wolfgang Schilling: "Als das 1934 losging, waren es drei einzelne kleine Heime, aber das erwies sich relativ schnell als nicht so praktikabel. Und dann gab es den Plan, einen Neubau zu errichten", erklärt der Herausgeber des Buchs "Napola – Verführte Elite im Harz". "Und es gibt die Legende, dass der Neffe von Hitler, sein Lieblingsneffe Heinz Hitler, daran auch eine Aktie hat. Er war bis 1938 hier, hat sein Abitur gemacht. Und Hitler hatte nichts dagegen, dass hier ein Neubau entstehen soll", weiß Schilling, der zusammen mit drei Mitautoren aus der Region die Geschichte dieser Schule akribisch erforscht hat.

Gut recherchiert und modern aufgemacht

Buchcover "Napola" – NAPOLA im Harz
"Napola – Verführte Elite im Harz" ist im Eigenverlag erschienen Bildrechte: EIgenverlag

Alle vier Autoren stammen aus dem Harz, und das merkt man dem umfangreichen 300-seitigen Text-Bildband an. Im absolut positiven Sinn. Denn aufgrund dieser engen Verbundenheit zum Schauplatz der Geschichte und dem Umfeld, das teilweise sogar bis ins Familiäre geht, wird dem Leser diese fremde, ferne Welt auf eine sehr authentische Weise nähergebracht. Die einzelnen Artikel sind gut recherchiert, mit umfangreichen Quellen belegt und dabei immer spannend zu lesen. Besonders bei der Recherche der Illustrationen ist man dabei zu ganz großer Form aufgelaufen und hat wegen eines sehr guten und nahen Verhältnisses zu Zeitzeugen und Menschen aus der Region Zugang zu so manch privatem Archiv oder, besser gesagt, Familienfotoalbum bekommen. Schlägt man das Buch auf, fällt es schwer, mit dem Durchblättern aufzuhören. Mit dem geschickten, Headline-artigen Platzieren von Zwischenüberschriften wird man aber auch immer wieder verlockt, in die Texte einzutauchen. Insofern ein modern gemachtes Buch, das sich am optischen Mediennutzungsverhalten von heute orientiert.

Auch musische Ausbildung

Exerzierübung auf dem Appellplatz der Napola Ballenstedt, 1942
Exerzierübung auf dem Appellplatz der Napola Ballenstedt, 1942 Bildrechte: MDR/Werner Kiefer

Und ein kompetent gemachtes Kompendium zu einem bislang wenig beleuchteten Thema der NS-Zeit, in dem man auch Erstaunliches erfährt. Wie zum Beispiel, dass die Schüler eben nicht nur, wie vermutet, körperlich, militärisch und politisch, sondern auch musisch und sprachlich bestens ausgebildet wurden. Sie lernten ein Instrument und spielten Theater. Es gab sogar einen regen Austausch mit Eliteschulen im Ausland, bis zum Kriegsbeginn auch einen wechselseitigen mit einer englischen Eliteschule.

Nach den Nazis kam die Rote Armee

Wie ging es nach 1945 mit dieser Schule weiter? Auch dieses Kapitel wird erzählt. Beim Rundgang über das Gelände bringt es der Herausgeber so auf den Punkt: "Das ganze Objekt ist ja nicht fertig geworden. Nach 1945 hat man dann überlegt. Es war ja die Rote Armee drin, und es sollte weiter gebaut werden", erzählt Schilling. "Und dann kam man auf wen? Auf den Baurat Dr. Kurt Ehrlich, der hat dieses Projekt also vollendet. Und danach wurde es SED-Parteischule."

Heute gehört das weitgehend leerstehende und für die Öffentlichkeit nicht zugängliche Objekt zwei privaten Investoren. Einer stammt aus Österreich, der andere aus China. Letzterer wohnt sogar hier oben auf dem großen Ziegenberg und will ein Institut für chinesische Medizin und eine Fußballakademie einrichten. Und auch der Tischtennisnachwuchs der Region darf im alten Speisesaal trainieren.

Mehr zum Buch "Napola – Verführte Elite im Harz" wurde im Eigenverlag publiziert und ist im Buchhandel erhältlich.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. September 2020 | 07:40 Uhr