Nelson Mandela
Nelson Mandela: Aktivist, Politiker, Friedensnobelpreisträger Bildrechte: IMAGO

Buchempfehlung Nelson Mandelas Gefängnis-Briefe erstmals veröffentlicht

Er gehört zu den großen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts: Am 18. Juli 1918 - also vor 100 Jahren - wurde Nelson Mandela geboren. In Erinnerung geblieben ist er als Kämpfer gegen die Apartheid, als erster schwarzer Staatspräsident in Südafrika – und als prominenter Häftling. Nun erscheinen die Briefe, die Mandela in den 27 Jahren seiner Haft geschrieben hat – eine mehr als 700 Seiten starke Sammlung.

von Tino Dallmann, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Nelson Mandela
Nelson Mandela: Aktivist, Politiker, Friedensnobelpreisträger Bildrechte: IMAGO

Man kann die Bedeutung der Briefe für Nelson Mandelas gar nicht hoch genug einschätzen. Er schrieb an seine Familie und hielt so Kontakt zu ihr – sie waren das einzige Mittel, um seine Kinder zu erziehen und an ihrem Aufwachsen teilzuhaben. Als Anwalt trat Mandela beharrlich für seine Rechte und die seiner Mitgefangenen ein. Und die Briefe waren auch ein Mittel, um seine Würde zu wahren und sich für seine eigenen Rechte stark zu machen.

Mandelas Rechte waren als politischer Gefangene sehr eingeschränkt, er durfte beispielsweise nur einen Besuch pro Monat empfangen und auch nur einen Brief im Monat schreiben und erhalten – das änderte sich mit der Zeit. Der Inhalt von Mandelas Briefen wurde genau überprüft, Briefe kamen oft unvollständig an, wenn überhaupt – auch dagegen protestierte Mandela heftig. Seine Familie erinnerte er stets daran, Briefe als Einschreiben abzuschicken.

Briefe zeigen Mandela in schwierigen Situationen

Nelson Mandela - Briefe aus dem Gefängnis
Nelson Mandela - Briefe aus dem Gefängnis Bildrechte: C.H. Beck Verlag

Durch die Briefe wird die Ikone Nelson Mandela menschlicher. Mandela betont stets, dass die Briefe ihm Mut machen und Kraft geben. Viele bedrückende Momente gibt er erst im Rückblick zu, zum Beispiel beklagt er sich in den 80er-Jahren, dass es kaum mehr jemanden gibt, dem er Briefe schreiben kann – viele Freunde sind gestorben oder haben Südafrika verlassen.

Vor allem die Briefe an seine Familie zeigen ihn in schwierigen Situationen, 1968 stirbt seine Mutter – Mandela wird es nicht erlaubt, an ihrer Beerdigung teilzunehmen. 1969 wird seine Frau Winnie Mandela aus ihrem Haus verschleppt und verbringt mehr als ein Jahr in Einzelhaft. In dieser Zeit wussten beide Eltern nicht, wie sie sich um ihre Kinder kümmern sollten.

Briefe als Trost

Dann erreicht Mandela die Nachricht, dass sein ältester Sohn bei einem Autounfall gestorben ist. In dieser Zeit blieben ihm wenige Besuche im Gefängnis als Trost – und die Briefe, um Angelegenheiten zu regeln:

Auszug aus dem Buch: Es fällt mir schwer, zu glauben, dass ich Thembi nie mehr wiedersehen werde. Am 23. Februar diesen Jahres wurde er 24. Ich sah ihn Ende Juli 1962 (...). Damals war er ein kräftiger, gesunder Bursche von 17 Jahren, den ich nie mit dem Tod in Verbindung gebracht hätte.

Auch wenn sich Mandela in den meisten Briefen nicht zu politischen Dingen äußern durfte, sind natürlich viele seiner Anliegen sind grundpolitisch, vor allem die Behandlung der Gefangenen. Mandela selbst setzt sich dafür ein, sein Studium abzuschließen. Als er seinen Abschluss dann in den 80er-Jahren in der Tasche hat, will er schon lange nicht mehr praktizieren. Seine Beschwerden erreichen hohe Dienststellen, so schreibt er beispielsweise auch dem Justizminister.

Aus dem Gefängnis gegen die Apartheid

In späteren Jahren steht Mandela dann regelmäßig mit der Regierung in Kontakt, um Verhandlungen über das Ende der Apartheid vorzubereiten. Mehrmals wird ihm auch die Freiheit angeboten: Zum Beispiel Mitte der Achtziger Jahre, als Präsident Pieter Willem Botha vorschlägt, alle politischen Gefangenen freizulassen, wenn sie auf die Anwendung von Gewalt verzichten. Ein Manöver, das Mandela durchschaute: Er sah, dass die Regierung um jeden Preis versuchte, den herrschenden Ausnahmezustand und die heftigen Proteste gegen die Apartheit zu beenden:

Auszug aus dem Buch: Ihre Regierung scheint darauf aus zu sein, diesen kostspieligen Weg beharrlich weiterzuverfolgen (...). Wenn ihre Regierung ernsthaft der Eskalierung der Gewalt Einhalt gebieten will, geht das nur über die Zusage, das Grundübel der Apartheid zu beenden, und ihre Bereitschaft, mit den wahren Führern auf lokaler und nationaler Ebene zu verhandeln.

Fragen, die noch heute beschäftigen

Die Briefe Mandelas sind sehr gelungen aufbereitet. Es gibt zu jedem Brief Anmerkungen oder einen kurzen Einführungstext. Diese Zwischentexte füllen die Lücken und erklären Hintergründe: Zum Beispiel  die Haftbedingungen auf Robben Island, glühend heiße Sommer und sehr kalte Winter, in den ersten zehn Jahren gab es keine Betten, Häftlinge schliefen auf einer Matte auf dem Boden, zehn Jahre nur kaltes Wasser. Darüber hinaus gibt es im Buch ein zusätzliches Register am Ende. Die Sammlung ist somit lesbar und verständlich – eine unglaubliche Fleißarbeit, die die Herausgeber zehn Jahre gekostet hat.

Das Buch ist empfehlenswert für diejenigen, die sich noch einmal mit Mandela befassen wollen. Durch die vielen Anmerkungen ist das Buch als Einstiegstext geeignet, aber auch Ergänzung zu bisherigen Büchern. Mandelas Briefe liefern Antworten auf Fragen, die Menschen noch heute beschäftigen: Wie schaffte er es, diese Haltung angesichts der jahrzehntelangen Haft zu bewahren? "Die Briefe aus dem Gefängnis" sind sicher ein Standardwerk, das man neben Mandelas eigener Biographie zur Hand nehmen wird – und in dem man ihm nahekommt, wie in kaum einem anderen Buch, das jetzt zum Jubiläum erscheint.

Angaben zum Buch "Die Briefe aus dem Gefängnis" von Nelson Mandela
Erschienen im C.H. Beck Verlag
Ins Deutsche übersetzt von Anna und Wolfgang Heinrich Leube
752 Seiten
28 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Juli 2018 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Juli 2018, 04:00 Uhr

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