Rüdiger Safranski - Hölderlin (Cover)
Die berühmte Zeile: "Komm! ins Offene, Freund!" ist aus dem Gedicht "Der Gang aufs Land". Bildrechte: Hanser

"Komm! ins Offene, Freund!" 250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin: Rüdiger Safranski mit neuer Biografie

Friedrich Hölderlin war zu seiner Zeit ein verkanntes Genie. In Tübingen lebte er mit Hegel und Schelling, von Schiller wurde er gefördert und von Goethe respektiert. Hölderlin wollte sich mit den Göttern messen – und zog sich gebrochen in ein Turmzimmer zurück. Der Philosoph Rüdiger Safranski hat zum 250. Geburtstag des Dichterfürsten eine neue Biografie vorgelegt. Ein großartiges Buch, findet MDR KULTUR-Sachbuchkritiker Jörg Schieke.

Rüdiger Safranski - Hölderlin (Cover)
Die berühmte Zeile: "Komm! ins Offene, Freund!" ist aus dem Gedicht "Der Gang aufs Land". Bildrechte: Hanser

Es gibt nur wenige deutsche Dichter, deren Werk über mehrere Jahrhunderte hinweg so intensiv bestaunt wurden wie das insgesamt gar nicht so umfangreiche Werk von Friedrich Hölderlin. Zu seiner Zeit wurde er verkannt und erkrankte darüber. Er, der sanfte Revolutionär, der so wortgewaltige Hymnen und Elegien schuf, dass selbst Geheimrat Goethe davor erschrocken zurücktaumelte. Hölderlins Werk ist zugleich eine deutsche Geschichte von Nichtachtung, nachgeholter Anerkennung, von Verklärung, Verfälschung und bis heute anhaltender Neubefragung. Am 20. März 1770 wurde Hölderlin in Lauffen am Neckar geboren. Mit Blick auf seinen bevorstehenden 250. Geburtstag hat Rüdiger Safranski, einer der elegantesten und scharfsinnigsten Literatur-Deuter hierzulande, eine Hölderlin-Biografie vorgelegt.

Freundschaft zu Hegel und Schelling

Friedrich Hölderlin
Zeitgenössische Darstellung des Schriftstellers und Dichters Johann Christian Friedrich Hölderlin Bildrechte: imago/Horst Rudel

Natürlich erzählt auch Safranski das zerrissene Leben des Dichters an den bekannten Stationen entlang: Der Vater stirbt früh, als junger Mann ist Hölderlin schön und begabt. Nach Lateinschule und Privatunterricht soll er, so will es seine Mutter, Pfarrer werden, ein ehrbares Leben führen. Das will er aber nicht. Denn spätestens in seiner Zeit im Tübinger Stift, wo junge Pfarrer herangezogen werden, entdeckt er die antiken Götterwelten und leitet da heraus seine eigene Berufung zum Dichter ab. In Tübingen wohnt er mit den späteren Philosophen Hegel und Schelling und zusammen gründen sie eine Art intellektuellen Bund, sprechen von der geheimen Kirche. Mit der wollen sie aber weniger die protestantischen Moral- und Tugendregeln erneuern, sondern im Geiste der Französischen Revolution die deutschen Verhältnisse durchbrechen – angespornt von Aufklärung, Liebe und Freiheit.

Die Mutter setzt ihn unter Druck

Hölderlin leidet daran, dass er nur ein Mensch und kein Gott ist. Bei seiner Beschäftigung mit der antiken Dichtung ist er auf gewaltige Bilder gestoßen: Götter, die unter den Menschen wandeln, die lieben, leiden, dichten und vergehen. Davon ist er berauscht, diese Welten will er mit seinen Gedichten in die eigene Gegenwart zurückholen. In der Liebe indes, die Hölderlin durchaus sehr irdisch und manchmal auch ziemlich unpathetisch genießt, ist er durchaus erfolgreich. Doch mit seiner inneren Berufung zum Dichter bahnt sich ein großer Konflikt an. Seine Mutter möchte von diesen Träumen nichts hören – und so hält sie seinen ihm zustehenden Erbteil zurück, den sie immerhin verwaltet. Wenn die Mutter hier anders agiert hätte, so mutmaßt Safranski, wäre Hölderlins Leben komplett anders verlaufen. Dann hätte er nicht sein halbes Leben als Hofmeister Adelssprösslinge unterrichten müssen und wäre stattdessen womöglich ein selbstbewusster und -bestimmter Dichter geworden.

Gefördert von Schiller, Rat von Goethe

Für einen aufstrebenden Dichter führte natürlich in diesen Jahren kein Weg an Goethe und Schiller vorbei. Auch das erzählt Rüdiger Safranski sehr anschaulich. Schiller sieht bei Hölderlin eine Begabung, fördert ihn auch immer mal – so ganz überzeugt ist er aber nicht von dessen Dichtung. Zumal Hölderlin in seinen frühen Entwürfen selbst auch ein bisschen wie Schiller klingt. Goethe empfiehlt, Hölderlin möge "einmal ein ganz einfaches idyllisches Faktum wählen und es darstellen, so könnte man eher sehen, wie es ihm mit der Menschenmalerei gelänge." Genau das möchte Hölderlin aber nicht. Er will die antiken Götter erwecken. Mit seinen großen Gedichten "Patmos", "Brot und Wein" oder "Der Gang aufs Land" sprengt er dann tatsächlich die Grenzen der bisherigen deutschen Lyrik. Er schmiedet antike Versmaße um, schafft sehr eigenen Satzstrukturen, in denen die Sätze manchmal wegzuflattern scheinen, um sich dann zwei Zeilen später wieder zu fangen – und so schafft Hölderlin eben jene Gedichte, die bis heute wie Urbilder sprachlicher Weltaneignung vor uns stehen.

Absturz einer Dichtergröße

Der deutsche Philosoph Rüdiger Safranski steht an einen Baum gelehnt.
Rüdiger Safranski wurde 1945 geboren und vor allem durch seine in viele Sprachen übersetzten Biographien bekannt. Bildrechte: imago/El Mundo

Wo Hölderlins Aufbruch zum Dichter begann, da endet er auch: Die zweite Hälfte seines Lebens verbringt Hölderlin in einem Turmzimmer. Ein Schreinermeister in Tübingen bewundert Hölderlins Dichtkunst und nimmt ihn bei sich auf. Hölderlin hat seine große Liebe Susette Gontard verloren, er begreift sich als ein vollends gescheiterter Dichter. So beginnen um 1807 jene Jahre, in denen Hölderlin in seinem Turmzimmer herumläuft, manchmal Klavier spielt, manchmal Studenten empfängt. Er ist eine Sehenswürdigkeit, die manchmal unter anderem Namen Verse schreibt. Zu dieser Phase gibt es allerlei Theorien, die Safranski zusammenfasst: Hat Hölderlin seinen Wahnsinn nur gespielt, um sich von der Welt abzuschotten? Oder – und dahin tendiert Safranski – war dieser Menschenkopf am Ende von seinem Götterwissen überfordert?

Später wird Hölderlin peu à peu entdeckt, erst von den Romantikern und dann im 20. Jahrhundert von Stefan George und seinen Jüngern. Hölderlin, der von einem republikanischen Deutschland geträumt hat, wird von den Nationalsozialisten sogar für ihre völkischen Ideale eingespannt. Und heute, sagt Safranski, gibt es kein schöneres Motto, um diesen Dichter zu entdecken, als eben jenes: "Komm! ins Offene, Freund!" – ein großartiges Buch, wie ich finde.

Infos zum Buch Rüdiger Safranski: "Hölderlin. Komm! ins Offene, Freund!"
Hanser, 400 Seiten
28 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. Oktober 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Oktober 2019, 13:28 Uhr

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