Manfred Lütz, Paulus van Husen: Als der Wagen nicht kam. Eine wahre Geschichte aus dem Widerstand
Buchcover: "Als der Wagen nicht kam. Eine wahre Geschichte aus dem Widerstand" von Manfred Lütz und Paulus van Husen, erschienen im Herder Verlag. Bildrechte: Herder

Sachbuch "Als der Wagen nicht kam": Ein wahrer Geschichtskrimi um den Tag des Stauffenberg-Attentats

Die Memoiren des Juristen Paulus von Husen lesen sich wie ein Roman über den Widerstand. Claus Schenk Graf Stauffenberg, Peter York von Wartenburg, Julius Leber: Van Husen kannte sie alle und unterstützte deren Pläne zum Tyrannenmord an Hitler, von dessen Notwendigkeit der tiefgläubige Katholik überzeugt war.

von Stefan Nölke, MDR KULTUR-Geschichtsredakteur

Manfred Lütz, Paulus van Husen: Als der Wagen nicht kam. Eine wahre Geschichte aus dem Widerstand
Buchcover: "Als der Wagen nicht kam. Eine wahre Geschichte aus dem Widerstand" von Manfred Lütz und Paulus van Husen, erschienen im Herder Verlag. Bildrechte: Herder

75 Jahre ist es her, dass Claus Schenk Graf Stauffenberg Hitler mit einer Bombe töten wollte. Doch wer stand eigentlich hinter dem Umsturzversuch? Hitler selbst erklärte noch am Abend des 20. Juli 1944, es sei das Werk einer kleinen Clique von Militärs gewesen. Das jedoch war eine Lüge. Denn in Wahrheit standen auch viele Zivilisten hinter dem Anschlag: Sozialdemokraten, Gewerkschaftlern aber auch christlich-konservativ gesinnter Leute. Dazu zählt etwa der Verwaltungsrichter Paulus van Husen, der in der Weimarer Republik Mitglied der katholischen Zentrumspartei war und nach einem erfolgreichen Umsturz einen Regierungsposten übernehmen sollte.

Am Tag des Attentats sollte ihn ein Wagen abholen – so die Verabredung – um ihn in den Berliner Bendlerblock zu bringen, wo Stauffenberg und seine Mitverschwörer am Umsturz arbeiteten. Aber van Husen wartete vergeblich. Es ist die Geschichte eines gläubigen Christen, der fest in der Gedankenwelt des Katholizismus und des konservativen, aber dennoch weltoffenen Bürgertums verankert ist. Was imponiert, sind die klaren Werte, denen van Husen folgt.

Manfred Lütz, Paulus van Husen: Als der Wagen nicht kam. Eine wahre Geschichte aus dem Widerstand 4 min
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MDR KULTUR - Das Radio Mi 17.07.2019 07:10Uhr 03:57 min

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Auszug aus "Als der Wagen nicht kam" Jede Hakenkreuzfahne, jede braune Uniform und jede zum Gruß erhobene Hand gab mir einen Stich ins Herz. In dem Dilemma  zwischen Stolz, Selbstachtung und Überzeugung einerseits und andererseits dem Zwang, meine große mir anvertraute Familie vor dem Ruin zu bewahren, wollte ich versuchen, mit Haltung und Vorsicht eine erträgliche Lebensform zwischen den Raubtieren zu finden.

Diesen Spagat gab van Husen auf, als der Terror gegen die Juden und das Sterben im Krieg unerträglich wurden. Durch seine Stellung – seit 1940 als Jurist beim Oberkommando der Wehrmacht – gewann er einen genaueren Einblick in die verbrecherische Herrschaft. Und lernt dabei Nazigrößen wie Goebbels, Heydrich oder Keitel aus nächster Nähe kennen. Ein Krimi aus der Wirklichkeit, meint der Hausgeber, der Publizist Manfred Lütz, ein Großneffe van Husens.  

Sie lesen das wie einen Roman. Und am Schluss stellen Sie fest. Das war wirklich so!

Manfred Lütz

Wann genau das Attentat geschehen sollte, behielt Stauffenberg für sich

Richtig spannend  wird es, wenn der gebürtige Westfale und standfeste Katholik von den Tagen des 20. Juli erzählt. Noch kurz vor dem Attentat hatte ihn Stauffenberg in seinem Haus im Berliner Grunewald aufgesucht, wie er schreibt: "Stauffenberg umriss die Lage, ihre Gefahren und die Notwendigkeit zum Handeln. Als er fortging, wurde der Atem des Schicksals spürbar bei den letzten Worten, die ich von ihm hören sollte: 'Es bleibt also nichts übrig, als ihn umzubringen'."

Wann das Attentat erfolgen sollte, behielt Stauffenberg für sich. Denn keiner der Verschwörer sollte mehr wissen als unbedingt nötig – aus Vorsorge, denn gerade hatte die Gestapo den Sozialdemokraten Julius Leber verhaftet, der als Innenminister einer neuen Regierung vorgesehen war. Van Husen selbst sollte nach erfolgtem Umsturz Staatssekretär werden. Wie dieses neue Staatswesen aufgebaut sein sollte, darüber hatte er sich als Mitglied des sogenannten Kreisauer Kreises Gedanken gemacht. Mit einem der beiden Köpfe des Kreises, Peter York von Wartenberg, war van Husen eng befreundet. "Das Unternehmen Kreisau, der 20. Juli. Es ist die die hohe Zeit meines Lebens gewesen", schreibt van Husen in seinen Erinnerungen.

Mitverschwörer Paulus van Husen überlebte nur durch Glück

Im Mittelpunkt der Erzählung stehen das Engagement im Widerstand und die Zeit bis zum Ende des Krieges, als er Haft und Folter im KZ Ravensbrück erdulden muss, schließlich aber die Befreiung im Berliner Gefängnis Lehrter Straße durch die Rote Armee erlebt: "Alsbald strömten russische Soldaten auf den Gefängnishof. Ich sah noch, wie sie einige Wärter durch Kopfschuss erledigten. Dann hallten ihre Schritte im Gebäude und das Klick-Klack der von ihnen der Reihe nach geöffneten Zellentürriegel werde ich nie vergessen."

Nur durch glückliche Umstände kam van Husen mit dem Leben davon. Der Prozess vor dem berüchtigten Volksgerichtshof war zunächst verschoben worden, nachdem der Präsident Roland Freisler im Februar 1945 bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen war. Als dann am 19. April das Verfahren nun mit einem neuen vorsitzenden Richter stattfand, tobte schon die Schlacht um Berlin. "Ich hatte die Ehre das letzte Opfer des Volksgerichtshofs zu werden in dessen unwiderruflich letzter Sitzung. Dessen Präsident Kron hat sich eine Woche später beim Einmarsch der Russen vergiftet. So kurzlebig ist der höchstrichterliche Glanz der Welt!", stellt van Husen ironisch fest.

Nach dem Krieg muss van Husen als Präsident des Oberverwaltungsgerichts von Nordrhein-Westfalen allerdings mit ansehen, wie ehemalige Nazi-Richter wieder in Amt und Würden kommen. "Bei meinem Ausscheiden 1959 waren außer dem Vizepräsidenten Dr. Lehmann und mir nicht viele Richter zu entdecken, die nicht Mitglied der NSDAP gewesen waren." Die Erinnerungen des Paulus van Husen: Ein lehrreiches Stück Zeitgeschichte.

Angaben zum Buch: Manfred Lütz, Paulus van Husen: "Als der Wagen nicht kam. Eine wahre Geschichte aus dem Widerstand"

Herder Verlag, 2019
384 Seiten

ISBN: 978-3-451-81621-5
Bestellnummer: P816215

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Juli 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Juli 2019, 10:47 Uhr

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