Portrait Historiker Mosche Zuckermann
Moshe Zuckermann ist Soziologe und Professor für Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv. Bildrechte: Moshe Zuckermann

Sachbuchkritik Moshe Zuckermanns "Der allgegenwärtige Antisemit": Lesenswert, aber provokant

Der Antisemitismus-Vorwurf sei mittlerweile verkommen zur diffusen Allzweckwaffe, um den jeweiligen Andersdenkenden politisch mundtot zu machen, konstatiert der streitbare israelische Historiker Moshe Zuckermann. Mit seinem aktuellen Buch "Der allgegenwärtige Antisemit" liefert Zuckermann einen lesenswerten, aber provokanten Beitrag zur aktuellen Antisemitismus-Debatte, findet unser Kritiker.

von Patric Seibel, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Portrait Historiker Mosche Zuckermann
Moshe Zuckermann ist Soziologe und Professor für Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv. Bildrechte: Moshe Zuckermann

Moshe Zuckermann ist ein streitbarer jüdisch-israelischer Intellektueller. Geboren 1949 in Israel als Sohn polnischer Juden, die die Shoah überlebt hatten, zog er als Kind mit seinen Eltern nach Frankfurt und kehrte als junger Mann nach Israel zurück, "aus bewusster zionistischer Entscheidung", wie er schreibt. Heute sieht er sein Land Israel sehr kritisch:

Weil es sich zu etwas entwickelt hat, das in einem Gegensatz zu jedweder humanen, aufgeklärten und friedlich ausgerichteten Gesellschaft steht.

Moshe Zuckermann in "Der allgegenwärtige Antisemitismus"

Als undemokratisch, aggressiv und unterdrückerisch gegenüber der arabischen Bevölkerung, so nimmt Zuckermann die israelische Politik wahr. Und der Staat Israel sei letztlich immer der Bezugspunkt für die Antisemitismus-Debatte in Deutschland. Eine Debatte, die derzeit hochemotional geführt werde, konstatiert Zuckermann:

Wahllos werden Begriffe durcheinandergeworfen, Menschen perfide verleumdet und verfolgt, Juden von Deutschen des Antisemitismus gezeit, eine gesamte Debattenkultur in ein Tollhaus neuralgischer Befindlichkeiten und unaufgearbeiteter Ressentiments verwandelt.

Moshe Zuckermann in "Der allgegenwärtige Antisemitismus"

Akteure wie Hendrik M. Broder, die Bild-Zeitung, den Wissenschaftler Micha Brumlik, aber auch den Zentralrat der Juden sieht Zuckermann hier besonders problematisch. Wenn heute über die Shoa gesprochen werde, gerieten die realen Opfer in den Hintergrund. Stattdessen werde das historisch einmalige Verbrechen instrumentalisiert.

"Und weil Judentum, Zionismus und Israel in diesem ideologischen Gerangel gleichgestellt werden um daraus –negativ gewendet- die widersinnige Gleichstellung von Antisemitismus, Antizionismus und Israelkritik abzuleiten, gerät die Realität völlig aus dem Blickfeld: Deutsche solidarisieren sich mit einem Israel, das  seit mindestens fünfzig Jahren Palästinenser knechtet, und wenn man sie darauf hinweist, dass diese Solidarität nicht haltbar ist, gerät man in ihrem Mund zum Antisemiten, zum Israelhasser oder gar zum sich selbsthassenden Juden“, so Zuckermann.

Antisemitismus-Vorwurf als politische Allzweckwaffe

Der Antisemitismus-Vorwurf sei mittlerweile verkommen zur diffusen Allzweckwaffe, um den jeweiligen Andersdenkenden politisch mundtot zu machen, konstatiert Zuckermann. Für die israelische Regierung sei der Antisemitismus willkommenes Mittel zum Zweck der Staatsräson, für die innerdeutsche Debatte diene der Vorwurf mittlerweile ebenso dazu, eine Islamfeindlichkeit auszuleben, wie als neuentdeckte Diskurswaffe gegen links.

Vor allem im stereotypen Vorwurf, wer die Politik Israels kritisiere, sei antisemitisch, sieht Zuckermann einen besonderen psychologischen Mechanismus am Werk. Um Schuldgefühle loszuwerden, identifizierten sich so manche Deutsche mit der Politik Israels:

Was beim Antisemiten in Aggression gegen den Juden umschlägt, wird beim Philosemiten auf den aggressiven Juden übertragen – einzig er vermag dem historisch schuldig gewordenen Deutschen kraft selbst aufgeladener Schuld zu entschulden; israelische Sicherheitspolitik als Heilung deutschbefindlicher Neuralgien.

Moshe Zuckermann in "Der allgegenwärtige Antisemitismus"

Debatte trägt neurotische Züge

Zuckermann bescheinigt der neuen deutschen Antisemitismus-Debatte eine hochgradig neurotische Komponente. Auch bei muslimischem Antisemitismus solle man genau hinsehen, fordert er, denn dieser sei nun einmal nicht von der realen Politik des Staates Israel zu trennen, auch wenn der muslimische Antisemit ebenso wie der christliche "Juden" mit "Israel" verwechsle.

Der Text von Moshe Zuckermann ist mitunter polemisch und provokant. Eine an Adorno geschulte Rhetorik verlangt einiges an Konzentration. Auch ist das Buch nicht besonders klar strukturiert – aber die wilde Anordnung passt zur Unordnung einer aus den Fugen geratenen Streit- und Diskussionskultur. Trotzdem ist "Der allgegenwärtige Antisemit" ein absolut lesenswertes und wichtiges Buch. Unverzichtbar scheint der Rat an die Deutschen, ihren Umgang mit der eigenen Geschichte stets aufs Neue zu prüfen und die Antisemitismus-Debatten zu versachlichen. Wahrscheinlich leichter gesagt, als getan.

Angaben zum Buch Moshe Zuckermann: "Der allgegenwärtige Antisemit oder die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit"

256 Seiten
ISBN: 978-3864892271
Als E-Book: 978-3864897207
Westend Verlag, Frankfurt am Main 2018

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. Januar 2019 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Januar 2019, 04:00 Uhr

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