Interview Denkmalschutz und Klimakrise – Wie umgehen mit den neuen Herausforderungen?

Die Jahrhundertflut 2002 hatte für den Denkmalschutz in Sachsen weitreichende Folgen. Viele Gebäude mussten umfassend saniert werden und der Hochwasserschutz wurde breit diskutiert. Angesichts der Klimakrise gibt es inzwischen neue Herausforderungen für die Erhaltung historischer Kirchen und Parks. MDR KULTUR hat mit Alf Furkert, Landeskonservator am sächsischen Landesamt für Denkmalpflege, über Hitze, Trockenheit und erneuerbare Energien gesprochen.

Alf Furkert, Neuer sächsischer Landeskonservator 10 min
Bildrechte: Architektenkammer Sachsen

MDR KULTUR: Nach der Jahrhundertflut 2002 wurden viele clevere Hochwasserschutzanlagen entwickelt, die teilweise schon 2013 gut wirkten. Nun scheint Hochwasserschutz aber kein akutes Thema mehr zu sein. Was treibt Sie stattdessen derzeit um?

Alf Furkert: Es ist schon interessant, dass es immer wieder neue Phänomene gibt, die uns beschäftigen. Wir haben seit einigen Jahren mit Hitze und Trockenheit zu tun, und da gibt es plötzlich neue Schadbilder, die wir so noch nicht kannten. Man hat sich früher in historischen Bauwerken, oft auch in Kirchen, mit Feuchtigkeitsproblemen und manchmal auch mit Schimmel auseinandersetzen müssen. Nun haben wir das Problem, dass Trockenheit einzieht, was vor allem auf Holzbauteile Auswirkungen hat.

Ein Gerüst an einer Orgel
Die sensible Mechanik der Orgeln wird durch die anhaltende Hitze stark gefährdet. Bildrechte: MDR/Samira Wischerhoff

Ein prominentes Beispiel hierfür sind Orgeln, die noch über hölzerne Pfeifen verfügen, die nachtrocknen, dann reißen und Töne nicht mehr halten können. Das ist auch bei Altaren und Altarbildern ein großes Problem: Die zugrundeliegende Holzkonstruktion reißt und die Farbschichten lösen sich. Da muss man schauen, wie man damit umgeht. Wir haben dazu aktuelle Projekte aufgesetzt, eines davon mit der Deutschen Bundesumweltstiftung, wo es um den Umgang mit den großen Wärmelasten geht, die über die Dächer zum Beispiel in die Gebäude hineindrücken, die zur Erwärmung der Konstruktion und der Räume beitragen.

In historischen Parks und Gärten gibt es ja unglaubliche Trockenschäden.

Das ist der zweite große Komplex in diesem Trockenheitsproblem. Wir haben in vielen historischen Gartenanlagen, daran ist Sachsen ja reich, Trockenschäden vor allem durch das absinkende Grundwasser: Alte Bäume sind oft nicht in der Lage, ihre Wurzeln anzupassen, die dann vertrocknen. Die Parks können nicht mehr begangen werden, weil es zu Brüchen von Ästen kommt.

Die Weisse Brücke über den Wolfskanal.
In ganz Mitteldeutschland sind Parks von Hitze und Trockenheit betroffen. Bildrechte: imago images / Lutz Winkler

Ein neues Phänomen, auf das auch noch nicht komplett eingegangen werden kann. Bisher gibt es gar keine Vorsorge für diese Art von Schäden. Man muss sich darüber ins Benehmen setzen: Wie kann nachgepflanzt werden? Wir haben es oft mit der Parkgestalt prägenden Bäumen zu tun, wie 250 Jahre alte, große Blutbuchen. Die lassen sich nicht innerhalb von zehn Jahren ersetzen. Das bedeutet, es gibt ein anderes Erscheinungsbild der historischen Parkanlagen und es stellt sich auch die Frage, ob diese Baumart noch geeignet ist. Das ist eine relativ komplexe Materie, der wir gegenüberstehen.

Die massive Trockenheit ist auch eine Folge des Klimawandels. Da stellt sich die Frage, wie sich Denkmalschutz und Klimaschutz vereinbaren lassen – vielleicht mit Solaranlagen auf Schlossdächern? Und wie sich Energiewende und eine sich anbahnende Energiekrise bedingen. Wie gehen Sie mit diesen Fragen um?

Das ist eine sehr angespannte Situation mit vielen neuen Anforderungen. Das Thema regenerative Energie am Denkmal ist nicht grundsätzlich ausgeschlossen und auch nicht wirklich neu. Wir beschäftigen uns in Sachsen seit 20 oder 30 Jahren mit dem Thema, mit Solaranlagen, auch mit Erdwärme und Luftwärmepumpen – alles Anlagen, die man nicht so visuell wahrnimmt. Wir haben da einige schöne, gut realisierte Beispiele aus den letzten Jahren.

Montage von Sonnenkollektoren für Solarthermie.
Photovoltaikanlagen sind für denkmalgeschützte Gebäude eher selten eine Option. Bildrechte: IMAGO/U. J. Alexander

Man muss aber auch sagen, dass die Anzahl der Gebäude unter Denkmalschutz im Schnitt bundesweit drei Prozent am Gebäudebestand der einzelnen Länder ausmachen. In Sachsen vielleicht reichliche drei Prozent – wir haben einen großen Denkmalbestand. Da fallen einem jede Menge anderer Bauten mit größeren Dachflächen ein, wie Gewerbebauten oder Supermärkte. Das soll aber gar nicht ablenken von dem Blick aufs Denkmal. Ich denke, dass auch die Denkmaleigentümer ein berechtigtes Interesse daran haben, ihre Gebäude mit regenerativer Energie zu versorgen.

Das wird im Einzelfall immer zu prüfen sein, wie stark die Beeinträchtigung des Denkmals hinnehmbar ist, vor allem aus städtebaulicher Sicht. Uns schwebt da eine komplexere Betrachtung vor: Zum Beispiel, dass man eine Art Zertifikathandel einführen könnte, sodass der Eigentümer eines Denkmals seinen regenerativen Energieanteil auch an einer anderen Stelle nachweisen kann.

Was sagt denn der Denkmalschützer dazu, wenn im Bundeswirtschaftsministerium die EU-Gebäudeeffizienz-Richtlinie überarbeitet wird und letztlich der Klimaschutz über den Denkmalschutz gestellt wird?

Das ist eine interessante neue Fragestellung, die noch nicht ganz zu Ende diskutiert ist. Denkmalschutz ist ja auch ein anerkanntes öffentliches Interesse, wie viele andere auch. Nun kommt der Begriff des "überragenden öffentlichen Interesses" in die Diskussion. Da muss man auch abwägen: Denkmalschutz hat zum Beispiel auch Verfassungsrang in Sachsen. Dass das in den Ländern die Verfassung regelt, ist eine komplexe Diskussion, die befeuert wird durch solche Formulierungen in dem Gesetz, aber mit denen man letztlich auch einen praktischen Umgang finden muss – und auch finden wird, davon bin ich überzeugt.

Das Interview führte Moderatorin Beatrice Schwartner für MDR KULTUR.

(Redaktionelle Bearbeitung: Thilo Sauer)

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. August 2022 | 18:40 Uhr