Sächsische Landesausstellung "Kohle-Boom": Ausstellung zum Bergbau in Oelsnitz-Lugau

Die Industrialisierung in Sachsen wäre ohne die Steinkohle nicht denkbar gewesen. Im Rahmen der diesjährigen Landesausstellung "Boom: 500 Jahre Industriekultur" zeigt das Bergbaumuseum die Sonderschau "Kohle-Boom". Dabei geht es um die Bedeutung des "schwarzen Goldes" für die Industrialisierung und die geschichtliche Entwicklung der Steinkohleförderung. Neben den technischen Gegebenheiten im Bergbau geht es aber auch um das soziale Leben im Schacht und die Gerechtigkeit für die Kohlekumpel.

Bergbaumuseum Oelsnitz/Erzgebirge von Außen
Das Bergbaumuseum im erzgebirgischen Oelsnitz Bildrechte: Arndt Gaube

Anders als in Freiberg kann man in den ehemaligen Karl-Liebknecht-Schacht nicht einfahren. Alle Strecken wurden nach Schließung des Bergwerks im März 1971 verwahrt. Geblieben sind der Förderturm, das Dampfmaschinengebäude und andere Tagesanlagen, samt Gleisen der Kohlebahn und einer großen Dampflok. 1986 wurde auf dem Gelände das sächsische Museum des Steinkohlebergbaus eröffnet, erklärt der heutige Museumsleiter Jan Färber:

"Man hatte schon damals das Ziel, über Lugau-Oelsnitz hinaus die komplette Geschichte des Steinkohlenbergbaus in Sachsen, die nachweislich bis in 12. Jahrhundert zurückreicht, und die dazugehörenden acht Lagerstätten vorzustellen, die sich entlang des erzgebirgischen Beckens von Zwickau bis nach Dresden erstrecken."

Ausstellung Kohleboom in Oelsnitz
Das Außengelände des Bergbaumuseums Bildrechte: MDR/Wolfram Nagel

Unentbehrlich für die Industrialisierung

Der Direktor zeigt sich gerne in seiner schwarzen Bergmanns-Tracht. Damit will er zeigen, wie stolz die Oelsnitzer auf ihre Tradition sind. Denn hier wurde jener Stoff gefördert, der die Industrie am Laufen hielt. "Man bezeichnete die Kohle als 'Brot der Industrie'. Wir haben ein schönes historisches Exponat: eine große Sitzbank, wo das eingeschnitzt ist. Das war damals die Les- und die Denkart", erklärt Färber.

Bereits im vorindustriellen Zeitalter war die Steinkohle unentbehrlich geworden. Durch den Bergbau und die Verhüttung der Erze wurden Unmengen von Holz benötigt. Bald waren die Wälder des Erzgebirges abgeholzt. Schon im 13. Jahrhundert fand man im Freitaler Revier dann brennbare Steine, mit denen sich die Schmieden beheizen ließen. Ausgehend von den Bergwerken in und um Freital wurde die sächsische Steinkohle bis Mitte des 19. Jahrhunderts zum unentbehrlichen Brennstoff. Denn solange die sächsische Eisenbahn nicht an das europäische Netz angeschlossen wurde, waren die Eisenhütten auf den Brennstoff der eigenen Region angewiesen.

Die Steinkohle war maßgeblich für die Industrialisierung in Sachsen. Die Fabriken hungerten nach dem Rohstoff: Die Dampfmaschinen und die Lokomotiven mussten betrieben werden. Dafür waren die drei großen Reviere ausschlaggebend.

Jan Färber, Leiter des Oelsnitzer Bergbaumuseums

Sozialgeschichte des Bergbaus

Ausstellung Kohleboom in Oelsnitz
Die Menschen des Bergbaus sind zentral im Bergbaumuseum Bildrechte: MDR/Wolfram Nagel

Das war auch nach dem 2. Weltkrieg wieder so, als die sowjetische Besatzungszone von den Steinkohlerevieren im Ruhrgebiet und Oberschlesien abgeschnitten blieb. Es ging darum, möglichst viel zu fördern.

Der aus Westfalen stammende Bergmann und Gewerkschafter Adolf Hennecke setzte mit seiner Aktivistenschicht am 13. Oktober 1948 Maßstäbe. Der Bergarbeiter wollte "eine einmalige, außergewöhnliche Leistung" vollbringen, die "zwar nicht für alle verbindlich zu sein hatte, die aber doch beweisen sollte, dass man mit guten Arbeitsmethoden und mit einer neuen Einstellung zur Arbeit mehr zu erreichen in der Lage ist." Mit diesem Anspruch förderte er wesentlich mehr Kohle in einer Schicht, als von der Fördergesellschaft verlangt waren. Hennecke übererfüllte in seiner Aktivistenschicht die Quote um 387 Prozent. Damit machte er sich aber bei seinen Kollegen unbeliebt, die härtere Forderungen befürchteten.

Denn die Arbeit im Bergbau war anstrengend. Die Förderung des "schwarzen Goldes" war meist wichtiger als die Arbeitsumstände der Kohlekumpel. 1869 gründete sich im Lugau-Oelnitzer Revier die erste gewerkschaftliche Organisation der deutschen Bergarbeiter, die zuvor Kontakt zu Karl Marx hatte. "Das sind sozialgeschichtliche Aspekte, die wir neben dem technischen mit darstellen", erklärt Jan Färber. Deswegen gehören Adolf Hennecke und Karl Marx auch zu Leitfiguren der Ausstellung "Kohle-Boom" in Oelsnitz.

Die Gefahren der Grube

Die Arbeit in den 1.000 Meter tiefen Steinkohlegruben war seit jeher schwer und gefährlich. Nicht nur Gewerkschafter und Sozialdemokraten rangen um bessere Arbeitsbedingungen: "Wenn ich zum Beispiel an Karl May denke, der mit seinem Werk 'Das Buschgespenst' einfach auch mal einen guten Eindruck in die Situation der Bergarbeiter des 19. Jahrhunderts vermittelte", erklärt Jan Färber.

Ausstellung Kohleboom in Oelsnitz
Zwillingsturbinen der Oelsnitzer Grube Bildrechte: MDR/Wolfram Nagel

Immer wieder gab es verheerende Schlagwetterkatastrophen, die ebenfalls in der Ausstellung thematisiert werden. 1869 kamen in Freital 270 Kumpel um, in Lugau-Oelsnitzer Revier waren es 101 Todesopfer beim Grubenunglück am 1. Juli 1867 auf der Neuen Fundgrube. Am 22. Februar 1960 gab es das Grubenunglück in Zwickau, bei dem 123 Bergleute verschüttet wurden. "Da hab ich gedacht, da ist ein Streckenkreuz zusammengebrochen oder eine Lok verkracht. Aber die Ursache der Explosion ist bis heute nicht klar", erinnert sich der ehemalige Steiger Gottfried Mehlhorn, der damals mit zu den Rettern gehörte. Heute engagiert sich der 83-Jährige im Oelsnitzer Bergbaumuseum, wo das Publikum einzigartige Exponate sehen kann, wie die noch betriebsfähigen liegenden Zwillingsförderdampfmaschinen aus den frühen 1930er-Jahren mit immerhin 1.500 PS.

Für den Museumsleiter Jan Färber ist die Landesausstellung eine Zwischenstation im Wandlungsprozess des Museums. Der Museumsleiter erklärt: "Wir möchten weg vom techniklastigen Aspekt hin zu sozial- und kulturgeschichtlichen Aspekten, wenn wir den Steinkohlebergbau im Gesamten betrachten wollen. Ein Beispiel: Die Kunstausstellung in Zwickau mit Max Pechstein-Museum wären ohne das Mäzenatentum, was aus dem Wohlstand des Steinkohlebergbaus resultiert, kaum denkbar gewesen."

Informationen zur Ausstellung "Kohle-Boom"
vom 11. Juli bis 31. Dezember 2020

Öffnungszeiten:
Di bis So: 10-18 Uhr
Montag: Ruhetag

Adresse:
Bergbaumuseum Oelsnitz/Erzgebirge
Pflockenstraße 28
09376 Oelsnitz/Erzgebirge

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Juli 2020 | 18:05 Uhr