Eine bronzene Büste aus dem Königreich Benin.
Dass es sich bei den Benin-Bronzen um Raubkunst handelt, wird heute nicht mehr bezweifelt. (Beispielbild) Bildrechte: IMAGO

Benin-Bronzen in Leipzig So geht Sachsen mit Raubkunst um

In der Kolonialzeit gelangten viele kostbare Kulturschätze in die deutschen Museen. Kulturstaatsministerin Grütters hat nun erstmals einen Leitfaden für Kunst, die in der Kolonialzeit geraubt wurde, vorgestellt. Auch das Leipziger Völkerkunde-Museum muss sich dem Thema stellen. Die Benin-Bronzen sind Glanzstücke des Hauses – aber auch allesamt Raubkunst.

von Ulrike Thielmann, MDR KULTUR

Eine bronzene Büste aus dem Königreich Benin.
Dass es sich bei den Benin-Bronzen um Raubkunst handelt, wird heute nicht mehr bezweifelt. (Beispielbild) Bildrechte: IMAGO

Sie ist das Kostbarste, was das Leipziger Museum für Völkerkunde zu bieten hat. Jene Sammlung mit 53 Plastiken aus dem afrikanischen Königreich Benin, die einst der Leipziger Afrikaforscher Hans Meyer (aus der berühmten Lexikonverlegerfamilie) dem Museum leider nur dauergeliehen hatte. Arbeiten aus dem einstigen Königreich Benin gelten weltweit als die gesuchtesten Werke afrikanischer Kunst überhaupt. Zu der Leipziger Kollektion gehören neben Bronzereliefs und Gedenkköpfen auch geschnitzte Elfenbeinstoßzähne, die allesamt aus dem 14. bis 19. Jahrhundert stammen.

Raubkunst verteilt über die Welt

Die erleuchteten Josef-Albers-Fenster im Grassimuseum Leipzig
Das Museum für Völkerkunde zu Leipzig besitzt kostbare Benin-Bronzen. Bildrechte: Grassimuseum Leipzig/Uli Kühnle

1897 wurde das Königreich Benin bei einer britischen Strafexpedition zerstört. Die Kolonialsoldaten erbeuteten insgesamt 2400 Kunstgüter, die sie bei Auktionen versteigerten. Die Kunstwerke wurden von Sammlern und Museen in aller Welt erworben. Neben der kleinen, exquisiten Meyer-Sammlung in Leipzig besitzen jedoch das British Museum in London und die Berliner Museumsinsel den Hauptteil des Benin-Schatzes. Nanette Snoep, Direktorin des Hauses und gebürtige Niederländerin, weiß die Sammlung zu schätzen. Neben der wertvollen Bronze eines schlank geformten Leoparden, auch jene Reliefplatten, die bereits Europäer in Afrika im 16./17. Jahrhundert zeigen.

Wir wissen genau, wie die Europäer die Afrikaner darstellen, aber auch die Afrikaner haben die Europäer dargestellt, in ihrer eigenen Kunst. Und das finde ich so spannend.

Nanette Snoep, Direktorin des Leipziger Museums für Völkerkunde

Rückgabe oder nicht?

Erst im Jahr 2002 berappte man rund sieben Millionen Euro und animierte Sponsoren, um den Benin-Schatz endlich auf Dauer zu besitzen. Bereits da zogen Wolken am Horizont auf. Die "Leipziger Volkszeitung" forderte damals aus heiterem Himmel, die 53 Plastiken an den nigerianischen Staat (Anm. d. Red: Das Königreich Benin liegt im Südwesten Nigerias) zurückzugeben. Dabei bestand keine direkte Rückgabeforderung Nigerias an das Völkerkundemuseum – allerdings forderte der König von Benin, ein einflussreicher Herrscher in Nigeria, pauschal die "religiösen und kulturellen Objekte" zurück.

Keine Angst vor Restitution

Der heutige König will gar nicht mehr alle geraubten Objekte. Mittlerweile seien sie zu Botschaftern der Benin-Kultur in der ganzen Welt geworden. Aber einige will man schon. In Nigeria soll ein Palast-Museum entstehen. In dem wolle man schließlich etwas zeigen und derzeit herrscht im Depot Ebbe. Nanette Snoep, Direktorin der Staatlichen Ethnografischen Sammlungen Sachsen, gibt sich entspannt und denkt nicht, dass durch Restitution die Museen am Ende leer seien. Man habe Millionen Kulturgüter aus Afrika, Asien und Australien – da gebe es auch sakrale Objekte, die für uns "vielleicht nur ein Stein sind, aber für eine Gemeinschaft extrem wichtig", sagt sie.

eine antike Plastik
Eine der Bronzen aus dem Königreich Benin. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dann muss man überlegen: das liegt in unseren Depots und wir haben noch hunderttausende andere Objekte. Vielleicht ist hier Restitution (Anm. d. Red: Rückgabe) dann eine gute Lösung.

Nanette Snoep, Direktorin des Leipziger Museums für Völkerkunde

Bald wieder ausgestellt – mit Kennzeichnung

Was wann zurückgegeben wird oder doch nicht, muss die Politik entscheiden – das kann dauern. Derzeit sind die Benin-Bronzen – einst die Glanzstücke der Dauerausstellung – nicht zu sehen. Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe präsentiert indessen drei seiner Benin-Bronzen in einer Vitrine mit der Aufschrift "Raubkunst". Auch Leipzig will ab Juni seine Exponate wieder zeigen, deutlich eingebettet in ihre, teils dunkle, Historie. Nigerianische Kuratoren arbeiten am Konzept mit. Die museumsethische Debatte über den Umgang mit gestohlenen Kunstschätzen ist auch in Leipzig nicht erst jetzt entflammt, sondern seit vielen Jahren – ein Dauerbrenner.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Mai 2018 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Mai 2018, 10:33 Uhr