Neues Album Liedermacherin Sarah Lesch: Darüber singen, was in der Gesellschaft passiert

"Ich weiß, dass man die Angst vergisst, wenn man singt", hat sie mal gesungen. Seit acht Jahren gehört die Musikerin Sarah Lesch zur deutschen Liedermacherszene. Ihre Vorbilder sind Hannes Wader und Gerhard Schöne. Ihre Lieder sind Geschichten - kleine und große, poetisch und ganz genau beobachtet. Gerade ist das neue Album der 34-Jährigen erschienen. Es heißt "Der Einsamkeit zum Trotze". Ein Anlass, die Musikerin zu Hause in Leipzig zu besuchen.

Sarah Lesch
Sarah Lesch Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Liedermacher, das klingt nach Dagegen-Sein, nach Lagerfeuerromantik und idealistischer Träumerei. Sarah Lesch ist Liedermacherin. Und auch wenn der Begriff heute ein bisschen aus der Zeit gefallen scheint, wählt sie ihn ganz bewusst: "Am Anfang gab es so Ratschläge von Leuten, die sich auskennen im Geschäft, und die meinten: Also Liedermacherin, das klingt ja so altbacken, und das ist auch kein richtiges Genre, in das du irgendwie reinkannst, lass mal das weg. Und ich dachte: Nee, will ich nicht."

Ich bin Geschichtenerzählerin, und ich fühl mich eigentlich als Handwerkerin.

Sarah Lesch

Das Standhalten hat sich ausgezahlt. Heute ist Sarah Lesch deutschlandweit erfolgreich. Und das, indem sie einfach tut, was ihre Zunft schon immer getan hat: "Ich bin Geschichtenerzählerin, und ich fühl mich eigentlich als Handwerkerin, also wie eine Hutmacherin oder so, oder Zimmermann … Frau … wie sagt man das eigentlich? Zimmerfrau. Dachdeckerin. Und so bin ich eben dafür da, um Lieder zu machen aus dem, was wir alle so erleben miteinander."

Inspiration kommt von jeder Straßenecke

CD-Cover - Sarah Lesch: DEr Einsamkeit zum Trotze
CD-Cover - Sarah Lesch: "Der Einsamkeit zum Trotze" Bildrechte: Kick the Flame

In Altenburg geboren, in Schwaben aufgewachsen, vor ein paar Jahren in Leipzig angekommen. Inspiration findet die 34-Jährige an jeder Straßenecke, beobachtet die Menschen, merkt sich, was sie zu sagen haben. Dass man von der Musik mal leben kann, war für sie nie selbstverständlich, schon allein des Genres wegen. Einige Jahre arbeitete Lesch als Erzieherin. Doch - wie heißt es so schön - die Musik war immer da:

"Irgendwie hat’s mich so gerufen, also, ich hab immer gesungen und getanzt. Es gibt Fotos, wo ich schon als kleines Mädchen mit der Haarbürste stehe und performe. Und irgendwann dachte ich, naja, wenn du jetzt willst, dass Dir jemand zuhört, dann musste aber noch eine Gitarre in die Hand nehmen und hab mir irgend so eine Klampfe für 60 Mark gekauft. Meine Mama wollte das gar nicht, und ich weiß noch, dass die auch zu Hause immer gesagt haben: Oar ey, jetzt macht die schon wieder so'n Krach dahinten."

Ein Protestsong für alle Kinder

2015 veröffentlicht sie das Lied "Testament". Ein glühender, mahnender Text, gewidmet allen Kindern. Der Protestsong gewinnt mehrere Preise. "Ich war schon immer sehr klar darüber, dass ich, wenn ich Musik mache und eigene Songs erzähle, dass ich dann auf jeden Fall auch was dazu sagen will, was in unserer Gesellschaft passiert. Ich bin keine Politikerin, ich kenn mich nicht besonders gut aus mit Dingen, aber ich bin auch nicht dafür da, jetzt hier politikwissenschaftliche Vorträge zu halten. Eigentlich bin ich dafür da, es dann fühlbar zu machen."

Ich war schon immer sehr klar darüber, dass ich, wenn ich Musik mache und eigene Songs erzähle, dass ich dann auf jeden Fall auch was dazu sagen will, was in unserer Gesellschaft passiert.

Sarah Lesch

Ausschnitt aus dem Lied "Testament": Auch du warst mal ein Kind und auch ich war mal klein
Und auch uns ham sie was erzählt
Und dann macht man das alles und versucht so zu sein
Und dann merkt man das einem was fehlt
Und dann verlernt man, sich richtig zu spüren
Oder man flüchtet sich in Kunst oder Konsum
Und während ihr fleißig Pläne macht
Lachen die Götter sich krumm
Lasst eure Kinder mal was dazu sagen

Eine weltfremde Weltverbesserin

Für die einen wird sie die weltfremde Weltverbesserin, für viele andere über Nacht zum musikalischen Heilsbringer, der auf alle Fragen natürlich auch alle Antworten haben muss: "Wenn du zum Guru gemacht wirst oder zum Idealbild und bist aber einfach … Jeder von uns ist ja ein Mensch, und ich freu mich sehr über Wertschätzung, und ich freu mich, wenn Menschen mir zuhören, ich bin unendlich dankbar dafür, aber es gibt so eine Form des Hypes, die mich zwischendurch echt fertig gemacht hat."

Auf ihrem neuen Album singt sie über eine gescheiterte Beziehung, über Einsamkeit, Familie und Ausgrenzung. Manchmal trotzig, kämpferisch, oft mit großem Gefühl. Für ihre Kritiker bleibt sie wohl die Träumerin. Doch selbst wenn: Gerade in ungewissen Zeiten kann der eine oder andere Traum nicht schaden.

Es geht vielleicht nicht darum, anderen zu erzählen, was richtig ist. Weil, das will ich überhaupt nicht. Aber die Menschen, denen man begegnet, irgendwie ein bisschen wohler und besser zu hinterlassen oder auch so sein Fleckchen Erde irgendwie aufzuräumen, das ist, glaub ich, gar nicht so verkehrt. Ich weiß nicht, ob das schlimm ist, ein Weltverbesserer zu sein. Nur halt vielleicht ohne Zeigefinger.

Sarah Lesch

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 04. Juni 2020 | 22:05 Uhr