TU Dresden Im neuen Schaufler Lab trifft Kunst auf Wissenschaft

Interdisziplinäres Arbeiten ist in unserer Zeit an den Forschungseinrichtungen das A und O. In diesem Sinne gibt es jetzt einen neuen fächerübergreifenden Graduiertenkolleg an der TU Dresden. Unter dem Dach des Schaufler Labs treffen nicht nur begabte junge Promovierende verschiedener Wissenschaftsdisziplinen aufeinander, zum Lab gehört auch ein Artist-in-Residence-Programm. Erster Stipendiat ist der Künstler Christian Kosmas Mayer. Er wird gemeinsam mit den Nachwuchswissenschaftlerinnen zu künstlicher Intelligenz arbeiten.

Beyer Bau TU Dresden
Der Beyer Bau der TU Dresden mit dem Turm Bildrechte: imago/Sven Ellger
Beyer Bau TU Dresden 4 min
Bildrechte: imago/Sven Ellger
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Bildrechte: imago/Sven Ellger

Christian Kosmas Mayer ist Forscher. Allerdings blickt er aus der künstlerischen Perspektive auf wissenschaftliche Erkenntnisse und technischen Fortschritt. Nicht ohne entsprechendes Expertenwissen, aber seine multimedialen Inszenierungen kontextualisieren und bewerten den jeweiligen Forschungsgegenstand neu.

Christian Kosmas Mayer: "Ein großer Themenkomplex ist sicher der Bereich der Zeit, also wie wir Zeit wahrnehmen, wie Zeit unser Denken, Fühlen bestimmt. Und in den letzten Jahren dann vermehrt eine Auseinandersetzung damit, wie wir als Menschheit im Moment auch im Begriff sind, diese Zeitbegriffe auszudehnen und gewisse Beschränkungen dessen, wie wir uns Zeit denken, auch aufzulösen und zu erweitern."

Unsterblichkeit: Vergangenheit wird wieder lebendig

Der Wiener Künstler Christian Kosmas Mayer, der erste Gast der Schaufler Residency@TU Dresden.
Der Wiener Künstler Christian Kosmas Mayer, der erste Gast der Schaufler Residency@TU Dresden Bildrechte: Schaufler Lab@TU Dresden, Foto: André Wirsig

Es geht um den uralten Wunsch des Menschen nach Unsterblichkeit. Auseinandergesetzt hat sich der 44-Jährige damit zum Beispiel in einer Ausstellung in Wien im vergangenen Jahr, für die er die Entdeckung einer 32.000 Jahre alten Lichtnelke recherchiert hatte und diese Eiszeitpflanze als lebendiges Objekt tatsächlich auch zeigen konnte: Dank russischer Forscher, die Samen davon im sibirischen Permafrostboden gefunden und diese im Labor wieder kultiviert haben.

Mayer: "Eine Eiszeitpflanze, die also wieder lebt, die sich auch reproduzieren kann, die also durchaus auch in unserer Zeit leben kann, die aber eigentlich in unserer Natur heutzutage so nicht mehr zu finden ist. Das heißt, das ist ein Stück bereits verlorener Vergangenheit, die plötzlich wieder aktiv wird. Ja, das hat so was Hoffnungsvolles, wenn so eine alte Pflanze wieder aufblüht. Gleichzeitig steht sie aber für den auftauenden Permafrostboden und da werden in den nächsten Jahren noch viele Dinge nach oben kommen und wieder belebt werden, von denen wir noch nichts ahnen und das hat ja durchaus auch große Gefahren in sich."

Künstlerische Positionen in der Wissenschaft

Als Grenzgänger zwischen Wissenschaft und Kunst ist der in Wien lebende Mayer der ideale Kandidat für das Künstlerstipendium des Schaufler Labs an der Technischen Universität in Dresden. Diese geistes- und sozialwissenschaftlich ausgerichtete Plattform wurde von der TU und der in Sindelfingen ansässigen Schaufler Foundation initiiert, und dort sollen sich künftig Nachwuchswissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler auch mit künstlerischen Positionen, eben dem jeweiligen Artist in Residence austauschen.

"Die Idee ist, dass die wirklich auch gemeinsam ins Gespräch kommen, miteinander arbeiten", sagt Kirsten Vincenz, Direktorin der Kustodie der TU und Sprecherin des Schaufler Labs über das Graduiertenkolleg mit Künstlerresidenz. "Es gibt wahnsinnig viele gesellschaftliche Forschungsthemen momentan, die uns alle betreffen werden und die auch Unsicherheit hervorrufen. Und die Schaufler Foundation findet es wichtig, dass man sich da einbringt und versucht, diesen gesellschaftlichen Wandel, den wir ja durch Technologie ganz stark erleben, zu befördern. Deshalb ist ein ganz wichtiger Teil des Labs, die Wirkung nach außen. Es soll immer Formate geben, die die Öffentlichkeit mit einbeziehen, das sind die Dinge, die denen ganz wichtig waren und die uns auch wichtig sind."

Die Öffentlichkeit mit einbeziehen

Für das kommende halbe Jahr – so lange dauert die mit monatlich 3.000 Euro großzügig dotierte Künstlerresidenz – sind öffentliche Talks geplant: Christian Kosmas Mayer wird zusammen mit Kollegstipendiaten sowie Professoren der TU zum Thema der ersten, dreijährigen Projektphase des Schaufler Lab diskutieren, zu Künstlicher Intelligenz. Ein Thema, bei dem Mayer Neuland betritt, das aber für ihn faszinierende Anknüpfungspunkte bietet in seiner Auseinandersetzung mit der Endlichkeit des Lebens.

Christian Kosmas Mayer: "Das sind eben Versuche, wie man über Künstliche Intelligenz, über bestimmte Algorithmen ganze Persönlichkeiten in digitaler Form kopieren kann, die dann auch nach dem Ableben dieses Menschen im digitalen Raum weiterlebt. Das sind sozusagen von der Materie losgelöste Unendlichkeitsfantasien, die im Moment schon große Fortschritte machen. Generell habe ich da ein sehr gespaltenes Verhältnis zu, denn es ist ja auch so, dass wir unser Leben auch deshalb so besonders und lebenswert empfinden, da wir genau wissen, dass es ein Ende hat."

Aus der Forschung

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Oktober 2020 | 06:15 Uhr