Roman Kanonik, Julia Preuß und Ensemble auf der Bühne.
Roman Kanonik als Tyrann Ubu und Julia Preuß als seine Frau. Bildrechte: Rolf Arnold

Theaterkritik: "König Ubu / Ubus Prozess" am Schauspiel Leipzig König Ubu: "Das Einfache hat jetzt die Macht"

Nachdem sie mit "89/90" zum Berliner Theatertreffen eingeladen war, inszeniert Claudia Bauer "König Ubu / Ubus Prozess" auf der großen Bühne im Schauspiel Leipzig. Und sie legt noch eine Schippe drauf: Der Klassiker des absurden Theaters von Alfred Jarry ist hier mehr als eine Groteske auf infantile Despoten. Das Stück ist auch eine zynische Analyse unseres Umgangs mit Trump und Co.

von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

Roman Kanonik, Julia Preuß und Ensemble auf der Bühne.
Roman Kanonik als Tyrann Ubu und Julia Preuß als seine Frau. Bildrechte: Rolf Arnold

"Schreiße!" - so tritt Ubu auf die Bühne, um dann, angestiftet von Mutter Ubu, seiner Frau, den polnischen König zu töten. So wird aus dem Offizier Ubu der König Ubu. Fortan denkt er nur ans eigene Geld, erlässt maßlose Steuern, die er sogar selbst eintreiben will, weil er niemandem traut und alles verachtet. Am Ende gibt es Krieg. Ubu flieht und will fortan Finanzminister in Frankreich sein. Soweit die Handlung, zu der hier, als Prolog und Epilog, noch ein kurzes Stück von Dramatiker Simon Stephens kommt: "Ubus Prozess" spielt in der Jetztzeit vor einem internationalen Gerichtshof. Ubu ist angeklagt. Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Und muss sich verteidigen.

Bruch: Vom marionettenhaften zum realistischen Spiel

Claudia Bauer inszeniert das alles sehr geschickt. Den eigentlichen "Ubu" von Alfred Jarry lässt sie wie im Original als Groteske spielen. Die Schauspieler agieren marionettenhaft wie vom Autor gedacht und charakterisieren damit gekonnt ihre Figuren. Auch die Kostüme von Vanessa Rust sind trefflich. Rosa Smoking und rosa Abendkleid für eine sich rosarot amüsierende feine Gesellschaft. Später gibt es Kriegsuniformen wie aus einem Bild von George Grosz. Dazu kleine Stummfilmszenen, die die Handlung illustrieren. Das alles ist perfekt gemacht und der Bruch zum Gerichtshof wird groß.

Das Stück 'König Ubu'.
Die sich in rosarot amüsierende feine Gesellschaft. Bildrechte: Rolf Arnold

Die Spielweise wechselt ins Realistische. Zeugenaussagen in Reportageoptik. Und Ubu verliert seine Infantilität; verliert Brutalität und Selbstverliebtheit. Plötzlich ist er schlau. Auf die Frage des Richters, ob er sich schäme, stellt er die Gegenfrage: Wozu dieser Gerichtshof? Und die Menschenrechte? - Ist doch alles nur Unterhaltung für Menschen, die Bildung und Aufklärung hochhalten. Die Welt wird dadurch nicht besser. Und plötzlich ist Licht im Zuschauerraum. Das Publikum nimmt als Öffentlichkeit an der Gerichtsverhandlung teil. Und schweigt. Ubus Anschuldigen sitzen also. Und der Richter wiederholt den Text vom Prolog. Alles beginnt von vorne. Ein schwarzer Vorhang schneidet die Szene ab. So endet die Inszenierung.

Die Bühne als idealer Spielort voller Andeutungen

Die Bühne zeigt eine Art Oval Office. Tapeten aus Gold. In der Mitte des Raumes ein Kubus mit durchscheinenden Wänden. Das Allerheiligste, eine Kaaba vielleicht? Oder die Zelle am Gerichtshof? Oder ein Tablett? Drinnen sitzt Ubu und wird gefilmt. Eine Kamera überträgt sein Bild auf die vordere Kubus-Außenwand. Aus dem Allerheiligsten auf die digitalen Oberflächen der Welt – das könnte es bedeuten? Die Bühne von Andreas Auerbach ist erste Bundesliga. Er deutet die Dinge nur an. Gibt Bauer einen idealen Raum für ihr Spiel – ein Beispiel: Wenn Ubu Steuergesetze unterschreibt, nimmt er die Klobürste als Pinsel. Die Farbe kommt auch aus dem Klo. Man denkt unwillkürlich an Trump, der ebenfalls mit fettem Filzstift unterschreibt.

Exzellente Schauspieler und große Oper

Großes Lob an die Schauspieler. Eine exzellente Ensembleleistung, aus der König Ubu, Roman Kanonik, und Mutter Ubu, Julia Preuß, noch herausragen. Wie Preuß Körper und Stimme einsetzt, ist absolut Hauptstadtfähig. Schade wär’s.

Spielszene - König Ubu - Zwei Figuren umarmen einander.
Ubu tritt dem polnischen König auf den Fuß: Das Zeichen für seine Freunde, diesen zu töten. Bildrechte: Rolf Arnold

Apropos Stimme: Claudia Bauer lässt auch singen. Großartig die Szene, in der die große Show abgezogen wird und Ubu Geld ans Volk verteilt. Dazu singt die Gruppe "Voxid", die hier ständig im Hofstaat mitspielt, eine A-capella-Version von "I’m sitting on top oft he world!" - Eigentlich ist ständig große Oper. Wegen der eigens komponierten und durchgehenden Soundspur. Und weil die Dialoge immer wieder in Gesang übergehen und umgekehrt. Rhythmik und Timing sind über den zwei Stunden langen Abend wirklich perfekt. Claudia Bauer versteht ihr Handwerk. Nur ein ganz klein bisschen Glück kommt hinzu. Ein "Ubu" samt Pro- und Epilog passt gerade perfekt in die Zeit. Deswegen: unbedingt jetzt ansehen.

Aufführungstermine im Schauspiel Leipzig Samstag, 03. Februar 2018, 19:30 Uhr, Große Bühne
Samstag, 24. Februar 2018, 19:30 Uhr, Große Bühne
Donnerstag, 01. März 2018, 19:30 Uhr, Große Bühne
Sonntag, 25. März 2018, 16:00 Uhr, Große Bühne
Freitag, 06. April 2018, 19:30 Uhr, Große Bühne
Samstag, 21. April 2018, 19:30 Uhr, Große Bühne
Sonntag, 13. Mai 2018, 19:30 Uhr, Große Bühne

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Morgen | 29. Januar 2018 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Januar 2018, 13:19 Uhr

Mehr Theater bei MDR KULTUR

Shakespeare-Zitat an der Fassade eines Wohnhauses neben dem Neuen Theater am Universitätsplatz in Halle am Abend
Bildrechte: IMAGO

Torben Ibs hat untersucht, wie sich das Theater im Osten nach der Wende umgestellt hat. Seine Erkenntnisse hat er in einem Buch zusammengefasst. Manche Klischees, z.B. von westlichen Übernahmen, lassen sich nicht halten.

MDR KULTUR - Das Radio Di 06.03.2018 12:10Uhr 07:20 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio