Ein Junge mit seinen streitenden Eltern
In den ersten Wochen einer Trennung gelten Eltern als "erziehungsunfähig". Bildrechte: imago/photothek

Interview Wie Kinder eine Trennung glücklich überstehen können

Wenn Eltern sich trennen, zerbricht für die Kinder eine Welt. Schmerz, Angst und Schuldgefühle – die Trennung der Eltern ist für jedes einzelne Kind ein Trauma. Auch für die Eltern ist es eine Stresssituation, in der sie ihre Kinder oft aus dem Blick verlieren. Wie Eltern und Kinder nach einer Trennung wieder glücklich werden können – darüber hat der Psychologe und Bindungsexperte Claus Koch das Buch "Trennungskinder" geschrieben. Im Interview erklärt er unter anderem, warum es wichtig ist, mit Kindern offen über Gefühle zu sprechen.

Ein Junge mit seinen streitenden Eltern
In den ersten Wochen einer Trennung gelten Eltern als "erziehungsunfähig". Bildrechte: imago/photothek

MDR KULTUR: Eine ganz große Sorge von Kindern, wenn die Eltern sich getrennt haben, ist ja 'habt ihr mich noch lieb?' Warum stellen Kinder das in Frage?

Claus Koch: Das hängt natürlich immer davon ab, wie Eltern sich trennen. Wenn Kinder Streit unter den Eltern mitbekommen, das ist natürlich in vielen Fällen der Fall, bekommen sie Angst, weil das ihr Gefühl für Sicherheit und Geborgenheit berührt. Diese Ängste können so stark werden, dass sie sich eben nicht mehr sicher und geborgen fühlen. Dieses Gefühl betrifft besonders die jüngeren Kinder, aber auch noch Teenager. Damit werden Kinder und Jugendliche sehr schlecht fertig, und manche fühlen sich dann auch ohnmächtig. Sie können nicht eingreifen. Die Eltern trennen sich, und sie haben keine Möglichkeit, irgendetwas zu ändern.

Erzieher oder Lehrer werden sicherlich auch mitbekommen, dass sich das Kind möglicherweise ändert. Wie kann da eine Hilfe aussehen?

Die Hilfe sollte natürlich, wenn alles gut läuft, von den Eltern kommen. Ich denke, das ist ein ganz entscheidender Punkt: dass man die Elternrolle von der Paarrolle trennt. Also als Paar funktioniert die Beziehung nicht mehr. Ich komme nicht mehr klar. Ich muss aber versuchen, das von meiner Elternrolle zu trennen. Als Paar können wir uns trennen. Aber die Verantwortung für unsere Kinder haben wir nach wie vor gemeinsam. Das ist natürlich das Wichtigste für das Kind – das Gefühl zu haben, nach wie vor zu geliebt zu werden. Das ist ein existenzielles Gefühl.

Welchen Rat geben Sie Eltern, die ja selbst in einer Ausnahmesituation sind, und dann noch sensibel für die Kinder sein sollen? Wie kann das gelingen?

Einen Leitfaden gibt es da sicherlich nicht. Es ist für Kinder in jedem Alter wichtig, also schon ab zwei, drei Jahren aufwärts, aufrichtig die eigenen Gefühle mitzuteilen. Aber altersgemäß: Ich kann einem Vierjährigen schon sagen: Mama und Papa haben sich nicht mehr so lieb, aber sie haben dich immer noch lieb. Wichtig ist es, den Kindern in der Situation die Angst zu nehmen. Viele Kinder haben in solchen Situationen Angst, am Ende ganz allein dazustehen. Und man sollte versuchen, die Kinder nicht als Munition in die Streitigkeiten als Partner einzubeziehen. In einer solchen Situation instrumentalisiert zu werden, damit kann kein Kind und auch kein Kind im Alter von 14 oder 15 Jahren fertig werden. Das schafft ein Kind nicht.

Beziehungskrise zwischen den Eltern, Tochter leidet mit 35 min
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Vor 50 Jahren saßen in einer Schulklasse ein bis zwei Scheidungskinder, heute haben oft mehr als die Hälfte Trennungserfahrungen. Psychologe und Bindungsexperte Dr. Claus Koch gibt Ratschläge für die schwierige Zeit.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 11.09.2019 18:05Uhr 35:02 min

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Und es ist natürlich auch sinnvoll, in Trennungssituationen sich Hilfe von außen zu holen. Das können Freunde sein. Das können auch mal die Großeltern seien. Das kann eine Erzieherin oder Lehrerin sein. In der Fachliteratur spricht man sogar von einer gewissen Form von Erziehungsunfähigkeit in den ersten Wochen und Monaten einer Trennung, weil man einfach so mit sich selber beschäftigt ist und selber ja erstmal damit klarkommen muss. Da ist es wichtig, auch mal von außen Hilfe zu organisieren, auch ein bisschen zu delegieren, wenn das möglich ist, damit die Kinder nicht zu stark in diesen Konflikt zwischen den Eltern einbezogen werden.

Was geben Sie den Eltern in Ihrer Praxis mit auf den Weg, um ihre Kinder und sich selbst glücklich durch so eine Trennung zu bringen?

Ich schlage immer vor, wenn man den Entschluss gefasst hat, sich zu trennen, sich an einem Wochenende mit den Kindern hinzusetzen und ihnen diesen Beschluss zu sagen. Es ist ganz wichtig, dass Kinder nicht in so einem diffusen Gefühl gelassen werden, da passiert irgendwas. Natürlich auf eine sensible und zurückhaltende Weise, aber man muss es ihnen mitteilen, weil sonst ihre Fantasien ins Kraut schießen. Und auch möglichst gemeinsam mitteilen und klar bleiben: 'Wir wollen uns trennen. Das tut uns sehr leid. Und es hat nichts mit euch zu tun.' Das ist der entscheidende Punkt, weil sich Kinder immer, wenn Eltern sich trennen, selber verantwortlich machen. Dann kommen solche Sätze: 'Ja, weil ich mein Zimmer nicht aufgeräumt habe oder weil ich schlecht in der Schule bin'. Das ist ganz entscheidend, den Kindern diese Schuldgefühle zu nehmen. Die Verantwortung dafür liegt bei uns.

Familie mit Apfelschorle auf dem Tisch
Wichtigste Botschaft: Wir sind weiter für Dich da. Bildrechte: imago/Westend61

Und dann finde ich ein sehr schönes Ritual, dass man sich nach so einem Gespräch an den Händen fasst und sich gegenseitig verspricht, immer füreinander da zu sein. Weil man dann den Kindern auch die Initiative gibt. Wenn sie das Gefühl haben, Mama oder Papa sind nicht mehr genug für mich da, können Kinder im Alter von acht oder neun dann schon die Initiative ergreifen und sagen: 'Wir haben doch damals uns gegenseitig versprochen, uns zu helfen. Und dass wir zusammenbleiben, obwohl ihr euch trennt.' Die Kinder können damit diese Ohnmacht loswerden.

Wenn Eltern das schaffen, gute Eltern zu bleiben und die Paarebene von der Elternebene unterscheiden können, das ist im Grunde die Kunst. Das ist nicht einfach, weil Trennungen immer auch asymmetrisch verlaufen. Immer ist einer mehr "Opfer" und einer mehr "Täter". Aber wirklich nur in Anführungszeichen. Wenn die Eltern dieses starre Schema überwinden und sagen 'Wir sind gemeinsam weiter für euch da', ist das für die Kinder die wichtigste Botschaft. Sie sind gemeinsam für mich da, auch wenn sie in verschiedenen Wohnungen wohnen, auch wenn sie vielleicht irgendwann einen neuen Partner haben. Aber dieses Gefühl, dass sie weiter für mich und mein Leben die Verantwortung tragen. Das ist die beste Botschaft, die man Kindern als Eltern in einer solchen Situation geben kann.

Buchcover "Trennungskinder"
Bildrechte: Patmos Verlag

Angaben zum Buch Claus Koch: "Trennungskinder"
Patmos Verlag, 2019
Hardcover, 224 Seiten
Preis: 18 Euro
ISBN: 978-3-8436-1108-4

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. September 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. September 2019, 00:01 Uhr

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