Filmszene aus 'Schindlers Liste' mit Oskar Schindler (Liam Neeson, Mitte).
Liam Neeson in Steven Spielbergs "Schindlers Liste" (Mitte). Bildrechte: imago/United Archives

25-jähriges Jubiläum "Schindlers Liste" wieder im Kino zu sehen

1993 kam "Schindlers Liste" ins Kino: Sechs Millionen Deutsche sahen ihn. Der Film wurde mit sieben Oscars ausgezeichnet. Die Kritiker in den Feuilletons bekamen sich in die Haare über die Frage, ob Steven Spielberg, Regisseur von "Der weiße Hai", "E.T." oder "Indiana Jones" damit dem Grauen des Menschheitsverbrechens gerecht wurde. Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, am 27. Januar 2019, wird "Schindlers Liste" in technisch überarbeiteter Version wieder im Kino zu sehen sein.

von Hartwig Tegeler, MDR KULTUR-Filmkritiker

Filmszene aus 'Schindlers Liste' mit Oskar Schindler (Liam Neeson, Mitte).
Liam Neeson in Steven Spielbergs "Schindlers Liste" (Mitte). Bildrechte: imago/United Archives

1994 beschrieb Karl-Heinz Kaluzza, damals 61 Jahre alt, seine Empfindungen, als er "Schindlers Liste" sah: "Da gab es Szenen, die ich einfach nicht ertragen konnte. Ich habe zu Boden geguckt. Die Szene auf dem Innenhof des KZs, als die Offiziere in Arztkitteln daherkamen, die kamen mir vor wie Veterinäre, die einfach Vieh aussortierten, und die Menschen liefern verstört herum wie verstörtes Vieh. Und das war so entwürdigend. Furchtbar war das."

Und Elham Sumek, damals eine 18 Jahre alte Schülerin, fasste 1994 die Erwartung an "Schindlers Liste" und ihre Reaktion nach dem Kinobesuch so zusammen: "Vorgestellt hatte ich mir das ziemlich genau so. Aber ich hatte nicht erwartet, dass mich das so erschüttert. Und ich dachte, vielleicht bin ich selber mehr davon betroffen, weil ich Jude bin. Aber das war es nicht. Als ich dann aufgestanden bin, saßen die Leute da wirklich immer noch. Alle waren sehr betroffen."

"Welt" titelte: "Indiana Jones im Ghetto von Krakau"

Sechs Millionen Kinogänger sahen in Deutschland, so wie Karl-Heinz Kaluzza oder Elham Sumek, drei Stunden und 15 Minuten Steven Spielbergs Erzählung über Oskar Schindler, Nazi und Frauenheld, der 1939 als Kriegsspekulant in das von der SS beherrschte Polen zieht, in seiner von jüdischen Arbeitern betriebenen Fabrik immensen Profit macht und – 1945 – ungefähr 1.200 Juden, eben seine Arbeiter, vor der Vernichtung in Auschwitz rettete.

Ein mit sieben Oscars ausgezeichneter Film, der hierzulande eine Debatte darüber entfachte, ob der Regisseur von "Indiana Jones" und "E.T. - Der Außerirdische", mit anderen Worten der größte Märchenerzähler Hollywoods, der Verantwortung eines Holocaust-Epos überhaupt gerecht werden konnte. Was in der erbärmlichen Schlagzeile der "Welt" gipfelte: "Indiana Jones im Ghetto von Krakau".

Claude Lanzmann, der Regisseur des "Shoah"-Dokumentarfilms, verurteilte, besser vielleicht: beschimpfte den Film als "scheinauthentisch". Die Kritik stellte grundsätzlich in Frage, ob Spielfilmbilder überhaupt von der Vernichtung der Juden erzählen können. Gut gemeinte Absichten, so John Berger damals in der "Frankfurter Rundschau", reichten nicht. Dem widersprach Andreas Kilb in der "Zeit": Spielberg sei es gelungen, die Geschichte der Ghettos und Konzentrationslager in eine "Kino-Fiktion" zu verwandeln, ohne sie durch "kitschige oder billig-brutale Effekte zu entstellen". Aber: Bot "Schindlers Liste" mit seinem deutschen Judenretter für die Deutschen nicht einen wohlfeilen Sünden-Ablass?, wie Dietrich Kuhlbrodt argwöhnte.

Der 24-jährige Hamburger Jude Micha Robeni widersprach damals, 1994, nach seinem Kinobesuch: "Ich finde, es ist trotzdem noch sehr wenig. Auch wenn es einen oder zehn oder hundert Menschen gab, die sich dagegen aufgebäumt haben. Es gab Millionen, die nichts getan haben. Ich glaube, wir sind uns alle darüber einig, dass Oskar Schindler eine Ausnahmefigur war."

Ein Film, um das Vergessen zu überwinden

1993 schien es übrigens unvorstellbar, dass Rassismus und Antisemitismus in Deutschland überhaupt wieder hochkriechen könnten. Inzwischen berichten Mitarbeiter von Gedenkstätten, wie aus Besuchergruppen heraus KZs und die Existenz von Gaskammern in Frage gestellt werden. "Schindlers Liste" hat also auch nach 25 Jahren seine Aufgabe nicht verloren, mit den Mitteln des Hollywood-Films gegen Geschichtsklitterung zu wirken.

1993 schrieb der Filmkritiker Andreas Kilb in der "Zeit": Die Zuschauer von "Schindlers Liste" wollten das "Vergessen überwinden". Das sei Spielbergs Ziel gewesen; er hätte es erreicht. Ganz offensichtlich, so scheint es heute gerade, ist das "Überwinden von Vergessen" kein einmaliger Akt, sondern ein gesellschaftlicher wie individueller Prozess.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Januar 2019 | 16:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Januar 2019, 04:00 Uhr

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