Dresden "Schlachthof 5" als Oper - Hellerau berührt mit Vonneguts Anti-Kriegs-Roman

"Schlachthof 5", bei diesem Titel denkt man an Dresden, an den Zweiten Weltkrieg, an die Bomben vom Februar 1945. Man denkt an den Roman von Kurt Vonnegut: "Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug". Insider wissen womöglich um die vor mehr als zwanzig Jahren in München uraufgeführte Oper "Schlachthof 5" von Hans-Jürgen von Bose. Jetzt kam die jüngste Neuinterpretation dieses Stoffes im Festspielhaus Hellerau heraus, wegen Corona quasi vor handverlesenem Publikum.

Künstlerisches Team von „Schlachthof 5“.: Vladimir Varnava (Choreografie), Johannes Kirsten (Dramaturgie), Maxim Didenko (Regie), Oleg Michailov (Videodesign)
Das künstlerische Team von "Schlachthof 5" während einer Probe: Vladimir Varnava (Choreografie), Johannes Kirsten (Dramaturgie), Maxim Didenko (Regie), Oleg Michailov (Videodesign) Bildrechte: Stephan Floss

MDR Kultur: Was müssen wir uns unter "Schlachthof 5" vorstellen?

Michael Ernst: Vor der Premiere ist mir viel Spaß gewünscht worden, aber genau das gab es da natürlich nicht. Wer den Stoff kennt, weiß, dass es um schlimme Kriegserfahrungen geht. Der US-amerikanische Autor Kurt Vonnegut hat als Kriegsgefangener den 13. Februar 1945 in Dresden miterlebt und überlebt, eben im "Schlachthof 5", den er 1969 zum Titel seines Romans gemacht hat. Dieser Titel hat noch einen zweiten Teil: "... oder Der Kinderkreuzzug". Und auch das ist traurig, denn es assoziiert, dass in jedem Krieg vor allem junge Männer auf die Schlachtbank geführt werden, halbe Kinder noch, angeführt von kindsköpfigen Generälen.

Szenenbild 'Schlachthof 5' in Dresden Hellerau 7 min
Bildrechte: Stephan Floss
Szenenbild 'Schlachthof 5' in Dresden Hellerau 7 min
Bildrechte: Stephan Floss

Der Roman ist ein Anti-Kriegs-Stück, aber da gibt noch eine zweite utopische Ebene, die auf einem Planeten namens Tralfalmador spielt. Hat die in der Oper das Zeug zum Vergnügen?

Bei Vonnegut ist das durchaus doppelter Boden, sarkastisch. In dieser Oper, die der 1970 in Moskau geborene Vladimir Rannev für Hellerau komponiert hat, bleibt der Sarkasmus den Sängerinnen und Sängern buchstäblich in der Kehle stecken. Mit einer höchst anspruchsvollen Musik, fast nur für Gesangsstimmen, die auf ein sehr abstrahiertes Libretto von Johannes Kirsten geschrieben worden ist.

Gesang in Zeiten von Corona? Da horcht man sofort auf - wie geht das denn?

Inszenierungsfoto "Schlachthof 5" Festspielhaus Hellerau
"Schlachthof 5" - die Sänger agieren in ihren Kabinen Bildrechte: Stephan Floss

Das geht nur, indem eine Produktionsstätte wie das Festspielhaus Hellerau flexibel genug ist, alles Geplante über den Haufen zu werfen und das Inszenierungsteam nochmal ganz von vorn anfangen zu lassen. Der Regisseur Maxim Didenko hat sein Konzept komplett neu erarbeitet, die Sängerinnen und Sänger vom Dresdner Ensemble AuditivVokal unter der Leitung von Olaf Katzer haben sich darauf eingelassen. So wurde in kürzester Zeit diese Fassung aus dem Boden gestampft - und die tatsächlich wie aus dem Boden kam.

Hellerau hat einen tiefen Orchestergraben, der nun wieder geöffnet wurde. Darin findet eine Art Tanztheater statt, das wird per Video ringsum an die Wände geworden. Die acht Gesangssolisten agieren erst in Schutzanzügen von der Empore herab, dann aber auch mitten im Publikum - und trotzdem unter Beachtung der Abstandsregeln, denn für sie wurden Kabinen auf Rädern gebaut, in denen sie hinter durchsichtiger Folie singen. Auch das Publikum war in Bewegung, erstens weil wir auf drehbaren Hockern mit entsprechendem Abstand saßen, zweitens weil wir wiederholt zum Platz- und Perspektivwechsel aufgefordert wurden, was übrigens der Schauspieler Wolf-Dieter Gööck übernahm. Ein bezwingendes Theater, das uns alle mitgenommen hat, eintauchen ließ, wirklich berührt und angefasst hat.

Was bei den Themen Krieg und Kriegstraumata vielleicht kein Wunder ist. Aber wie hat die Musik das alles eingefangen?

Szenenbild 'Schlachthof 5' in Dresden Hellerau
In "Schlachthof 5" wird auch getanzt. Bildrechte: Stephan Floss

Sie ist eine Sprache, der man sich nicht entziehen kann. Man ist umgeben von diesen schwebenden Tönen, mal Sprechgesang, mal bloße Töne, purer Klang, dann Deklamation, mit Wortverschränkungen und elektronischen Einspielungen - da ist alles dabei, und alles zielt auf emotionale Wirkung. Dazu gibt es Videoeinspiele, auch wörtliche Zitate des gesungenen Textes; obendrein spielt Tanz eine Rolle - mal im Graben, mal auf den Rängen, dann auf der Seitenbühne sowie in den zahlreichen Türöffnungen. Ein Theater für alle Sinne, fesselnd durch seine Thematik, durch die Musik und deren Umsetzung, fesselnd aber auch durch die vielfältigen Inszenierungsideen.

Damit ist dem Roman von Vonnegut und den bisherigen Adaptionen also in der Tat etwas Neues hinzugefügt worden?

Unbedingt. Ästhetisch sowieso, schon wegen der gekonnten Verschmelzung von Text, Musik, Bild und Bewegung - dann aber auch in der Aussage, weil es hier noch einen Epilog gibt, der die Ursachen - deutsche Ursachen! - und die Opferzahlen dieses Krieges verdeutlicht. "Ist das eine Geschichte gegen den Krieg?", wird da ganz zum Schluss gefragt. "Ja, ich denke schon.", ist die Antwort. Der man natürlich nur beipflichten kann. Entsprechend stark war gestern Abend - nach einem kurzen Schweigemoment - der Beifall des Premierenpublikums.

Das Gespräch führte Julia Hemmerling für MDR KULTUR.

Informationen zum Stück: "Schlachthof 5"
Nach dem Roman von Kurt Vonnegut

Festspielhaus Hellerau

Vladimir Rannev (Musik)
Vladimir Varnava (Choreografie)
Johannes Kirsten (Dramaturgie)
Maxim Didenko (Regie)
AJ Weissbard (Bühnenbild, Kostüme, Lichtdesign)
Oleg Michailov (Videodesign)
Olaf Katzer (Musikalische Leitung)

Vor und nach der Veranstaltung (am 27.09. nur davor) läuft der Film "Wohin mit der Geschichte?"

Nächste Vorstellungen am 26. und 27. September 2020.

Es sind keine Reservierungen möglich – nur Online- oder direkter Kauf an den Vorverkaufsstellen und im Besucherzentrum. Restkarten sind an der Abendkasse erhältlich.

Szenenbild 'Schlachthof 5' in Dresden Hellerau
Szenenbild aus "Schlachthof 5" im Festspielhaus Hellerau Bildrechte: Stephan Floss

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. September 2020 | 10:15 Uhr