Ballett-Uraufführung in der Oper Chemnitz Schuberts Liederzyklus "Winterreise" als berührend getanzte tragische Liebe

In der Oper Chemnitz gab es zum Spielzeitauftakt 2019/20 eine Ballett-Uraufführung: "Winterreise" zur Musik des Liederzyklus von Franz Schubert in einer Choreographie des jungen Choreografen Robert Bondara. Wolfgang Schilling hat die Premiere gesehen - und ist begeistert.

Szene aus dem Ballett-Stück "Winterreise" am Die Theater Chemnitz
Szene aus der Ballett-Uraufführung "Winterreise" an der Oper Chemnitz Bildrechte: Die Theater Chemnitz/ Nasser Hashemi

MDR KULTUR: Was gibt es über den Choreografen Robert Bondara zu sagen?

Wolfgang Schilling: Robert Bondara stammt aus Polen und war lange Jahre selbst Tänzer, erst in Łódź, in Poznań und dann für viele Jahre an der Nationaloper in Warschau. Und schon während seiner aktiven Tänzerzeit hat er dort mit dem Choreographieren begonnen. Das begann 2008. Also auch wenn er bis vor kurzem noch selbst aktiv getanzt hat, kann er schon auf eine große und langjährige Erfahrung als Choreograf verweisen. Seit vergangenem Jahr ist er künstlerischer Leiter des Theaters in Poznań und wird ein bisschen als einer der europäischen Hoffnungsträger der jüngeren Choreographen-Generation gefeiert. So macht er sich jetzt zunehmend an seine internationale Karriere – damit passt er gut ins "Beuteschema" von Sabrina Sadowska, der Chemnitzer Ballettdirektorin. Als Choreographin gibt sie sich selbst zurückhaltend und überlässt ihr Ensemble sehr gern auch Kollegen. Das ist für die Chemnitzer Company eine große Chance, immer wieder neue Handschriften kennenzulernen.

Die "Winterreise" von Schubert ist mit 24 Liedern eine Wanderung durch die Seele eines von der Liebe und dem Leben Enttäuschten. Ist daraus ein vertanzter Liederabend geworden, ein Kammerspiel für die bewegte Seele?

Szene aus dem Ballett-Stück "Winterreise" am Die Theater Chemnitz
Szene aus der Ballett-Uraufführung "Winterreise" an der Oper Chemnitz Bildrechte: Die Theater Chemnitz/ Nasser Hashemi

Ja, das ist es natürlich. Wobei man sich die Kammer, rein räumlich sehr viel größer vorstellen muss. Die Chemnitzer Opernbühne ist bis zur Brandmauer hin offen und fast leer. Ganz vorn an der Rampe links ist ein Flügel versenkt. Irgendwo an der rechten Seite steht ein schwarz-silbriger Kasten. Alles ist in eher diffuses Licht getaucht. Den Besucher empfängt ein theatrales Stillleben. Und nach dem obligaten Hinweis aus dem OFF auf die Handys, die da auszuschalten sind und nicht zum Mitschneiden benutzt werden dürfen, wird es ruhig im Saal. Und ganz hinten auf der Bühne bewegt sich etwas. Oder jemand. Eine junge Frau. Eine Tänzerin, denkt man, kommt da langsam nach vorn gelaufen. Doch da ihre Richtung, ihr Ziel, der versenkte Flügel ist, wird schnell klar: Es ist die Pianistin des Abends, Anna Beinhauer. Die dann auch mit Schubert, noch ohne Gesang beginnt.

Die 24 Lieder werden von einem Bariton gesungen, doch wie kommen die Tänzer ins Spiel?

Szene aus dem Ballett-Stück "Winterreise" am Die Theater Chemnitz
Szene aus der Ballett-Uraufführung "Winterreise" an der Oper Chemnitz Bildrechte: Die Theater Chemnitz/ Nasser Hashemi

Auf sehr eindrucksvolle Art. Denn aus dem Bühnenhimmel fahren plötzlich große, so an Eisblumenfenster erinnernde, Prospekte herunter. Der weite und offene Raum wird Bahn für Bahn zugehängt. Ein winterlicher Zauberwald. Halb transparent, erkennt man dahinter sich bewegende Menschen. Sind es Frauen oder Männer? Schwer zu erkennen. Und dann beginnt der Bariton Andreas Beinhauer, der Ehemann der Pianistin, "Die gute Nacht" zu singen. Doch man fragt sich: von wo? Auf der Bühne sind inzwischen sieben, alle in den gleichen Frack gekleidete Tänzer in Aktion. In einem eher abstrakt rhythmischen Modus bewegen sie sich da auf der Stelle, umeinander, miteinander. Bis allmählich klar wird, einer von ihnen muss der Sänger sein! Der sich ziemlich gut bewegen kann und in dieser Gruppekonstellation tanzend mithält. Dann natürlich irgendwann rausfällt, aber, das wird das Prinzip des Abends: Er bleibt als äußerst beweglicher Schubert-Sänger gefordert.

Das klingt sehr originell!

Szene aus dem Ballett-Stück "Winterreise" am Die Theater Chemnitz
Szene aus der Ballett-Uraufführung "Winterreise" an der Oper Chemnitz Bildrechte: Die Theater Chemnitz/ Nasser Hashemi

Absolut. Wobei das alles mit Respekt vor der Musik von Schubert und den Texten von Wilhelm Müller passiert. Die bestimmen den Gestus des Abends. Und der ist natürlich, muss man so sagen, ein tragisch-trauriger Liebes-Tod. Aber in dieses Gedanken-Moll setzt Robert Bondara dann immer mal so kleine, tänzerische mitunter sogar artistische Pointen. Ein Beispiel dafür: Andreas Beinhaus, der Sänger, steht immer mal wieder als einsamer Wanderer, sehnsuchtsverzehrt am Portal gelehnt und singt. Und die sechs Tänzer sind dann so etwas wie sein vervielfachtes Alter Ego. Fünf kommen da mal langsam zu ihm, lehnen sich in der gleichen Haltung an und auf ihn und der sechste kommt dann ganz schnell heran und klettert behände über diese Rücken vor ihm hoch wie auf einen kleinen Hügel – und hat plötzlich wieder Aussicht. Da sind so kleine originelle Momente in einer sehr überzeugenden choreografischen Sprache.

Was zeichnet die choreografische Sprache von Robert Bondara aus?

Sie hat sehr viele erzählerische, theatrale Momente. Etwas Illustratives zu den Inhalten der Lieder. Daraus lösen sich dann aber immer wieder kleine tänzerische Pas de Deux- oder auch Pas de Trois-Konstellationen, in denen vor allem den Frauen technisch sehr viel abverlangt wird. Das geht auch auf Spitze und in all die unglaublichen horizontalen und vertikalen Spagat-Varianten, die es klassischerweise so gibt. Dann, vor allem in den Gruppenszenen, es sind insgesamt 13 Tänzerinnen und Tänzer im Einsatz, ist man aber auch wieder modern und sportiv unterwegs. Im eleganten Abbremsen, bis hin zum Erstarren in der Bewegung. Es wird viel und mit Freude gerutscht und bei Pirouetten, Drehungen und fast schon atemberaubenden Wirbeldrehungen zeigt die Company, dass sie technisch bestens präpariert ist.

Das alles klingt nach einem gelungenen Abend?

Ja, weil man es schafft, der Schubert'schen Winterreise einerseits ihre Melancholie zu lassen und sie tänzerisch-klassisch grundiert, Lied für Lied, immer wieder in sehr moderne und berührende Bilder zu setzen. Ein Verdienst auch von Hans Winkler, der das mit einem zauberhaften und wandlungsfähigem Bühnenbild, dezent-vitalen Videoprojektionen und einfach schönen Kostümen wesentlich unterstützt. Also da ist man wirklich gerne Winterreisebegleiter.

Das Gespräch führte Thomas Bille für MDR KULTUR.

Infos zur Inszenierung: Winterreise
Ein Tanzstück von Robert Bondara zur Musik von Franz Schuberts Lieder-Zyklus „Winterreise“ op. 89
Uraufführung

Bühne und Kostüme: Hans Winkler
Dramaturgie: Christiane Dost
Gesang: Andreas Beinhauer, Till von Orlowsky
Klavier: Anna Beinhauer, Pavel Kuznetsov
Besetzung: Nela Mrázová, Soo-Mi Oh, Anna-Maria Maas, Mariam Alemany Romero, Savanna Haberland , Valeria Gambino, Florine Fournier, Raul Arcangelo, Jean-Blaise Druenne, Alejandro Guindo Martín, Benjamin Kirkman , Milan Maláč, Sascha Paar, Emilijus Miliauskas, Yester Mulens Garcia

Nächste Vorstellung: Am 29. September und 3. Oktober 2019

MDR KULTUR-Intendantenbefragung

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. September 2019 | 09:45 Uhr

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