Schulanfänger im Klassenzimmer
Soll man nur Erstklässler zulassen, die Deutsch können? Bildrechte: imago/Marc Schüler

Interview mit der Vorsitzenden der Bildungsgewerkschaft Warum Erstklässler kein Deutsch können müssen

Kinder, die die deutsche Sprache nicht können, sollen noch nicht eingeschult werden, sagt CDU-Politiker Carsten Linnemann. Mit dem Vorstoß stößt der Fraktionsvize auf scharfe Kritik. Linken-Vorsitzende Katja Kipping sagte zum Beispiel, Linnemann gehe damit auf "Stimmenfang im rechten Sumpf". Die sächsische Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Sachsen, Ursula-Marlen Kruse, betont im Interview mit MDR KULTUR die Integrationspflicht der Schule und fordert Unterstützung für Bildungseinrichtungen.

 Schulanfänger im Klassenzimmer
Soll man nur Erstklässler zulassen, die Deutsch können? Bildrechte: imago/Marc Schüler

MDR KULTUR: Kinder, die kein Deutsch verstehen, sollen nicht eingeschult werden, sagt Linnemann. Was halten Sie davon?

Ursula-Marlen Kruse: Als ich aus dem Urlaub wiederkam und das gehört habe, konnte ich es gar nicht glauben. Das ist wirklich Stammtischniveau. Alle Bildungseinrichtungen sind aufgefordert, Kinder und Jugendliche da abzuholen, wo sie sind. Der Vorschlag hat auch mit den Rechten, die Kinder nach der sächsischen Verfassung und dem Schulgesetz haben, überhaupt nichts zu tun.

Die jährlichen Einschulungsuntersuchungen (also die Untersuchungen, bevor die Kinder in die Schule kommen) zeigen auch in Mitteldeutschland: Die Zahl der Kinder mit Sprachstörungen nimmt von Jahr zu Jahr zu – und wir reden hier von Kindern aus Familien, in denen Deutsch Muttersprache ist. Werden diese Kinder auch zurückgestellt?

Nein, werden sie nicht und darüber wird auch nicht ernsthaft diskutiert. Bei denen denkt man darüber nach, welche besondere Förderung sie in der Grundschule erhalten. Und über besondere Förderungen muss man auch bei Kindern nachdenken, die Probleme in der Mathematik und beim Rechnen haben und natürlich auch bei Kindern, die Deutsch nicht als Muttersprache haben.

Für eine kindgerechte Entwicklung sind natürlich die Familien verantwortlich, aber auch die Bildungseinrichtungen. Was klappt da nicht, dass Kinder sich nicht so entwickeln können, wie es für ihr Alter normal wäre – mal abgesehen von gesundheitlichen Beeinträchtigungen?

Ein Frau steht im Grünen
GEW-Landesvorsitzende Ursula-Marlen Kruse Bildrechte: MDR/Cindy Baumgart

Naja, wenn man über das Thema "Wie viel Deutsch können Kinder, wenn sie in die Schule kommen" redet, muss man sich natürlich schon die Kitas angucken. Da fehlt es an Personal und an entsprechend qualifiziertem Personal. Und das sieht man auch an der Grundschule: Wir haben zu wenige Pädagoginnen und Pädagogen momentan in den Einrichtungen. Wir haben zu wenig Unterstützung und zu wenig verlässliche Unterstützung. Das brauchen die Kindergärten und die Schulen dringend.

Aus eigener Erfahrung mit der Schule meines Sohnes weiß ich, dass die Klassen so heterogen sind wie nie zuvor: Da sitzen Kinder, die schon lesen können, neben Kindern, die sich nicht konzentrieren können. Sind da nicht auch die Lehrkräfte unglaublich überfordert? Und auch die Kinder, die möglicherweise gar nicht verstehen, was von ihnen verlangt wird? Wie kann der Unterricht trotzdem gelingen?

Unterricht gelingt ja. Unterricht gelingt nicht so, wie wir uns das alle wünschen und er gelingt nur deswegen, weil die Lehrerinnen und Lehrer ungeheuer beansprucht werden. Und Unterricht gelingt dann, wenn mit den Herausforderungen besonders gut umgegangen werden kann. Aber momentan ist es schon so, dass die Lehrkräfte kräftig überfordert sind.

Besonders bei den Klassengrößen …

Ja, das liegt auch am Krankenstand und an den Ausfallzahlen, die wir in Sachsen und anderen Ländern haben. Da müsste man ernsthaft drüber nachdenken, denn die Kinder sind ja nun mal da. Wir alle haben die Verpflichtung, diese Kinder zu möglichst guten Abschlüssen und möglichst großen Erfolgen in den Schulen zu führen. Aber was die Lehrerinnen und Lehrer in den letzten Jahren zu leisten haben, ist schon gigantisch.

Wohlgemerkt bei Lehrermangel, den wir ja auch beklagen zu haben. Sie fordern von der Politik Unterstützung für Kindergärten und Schulen. Wie könnte sowas konkret aussehen?

Ganz unterschiedlich. Erstens, indem man über Größen von Klassen und Kindergartengruppen nachdenkt, auch wenn man einen Fachkräftemangel hat. Zweitens, indem man sich umguckt, welches Personal man noch unterstützen kann. Wie ist es mit Lehrkräften, die aus anderen Ländern eingewandert sind? Kann man die nicht an Schulen oder Kitas einsetzen? Wie ist das mit verlässlicher sozialer Arbeit, mit Schulpsychologen, etc.? Darüber müssen wir in Sachsen ernsthaft nachdenken und nicht nur kurz vor den Wahlen im Parteiprogramm.

Carsten Linnemann
CDU-Fraktionsvize Carsten Linnemann Bildrechte: dpa

Ich halte fest: Natürlich ist es eine Grundvoraussetzung, dass alle Kinder, die in Deutschland leben, auch Deutsch lernen und zwar gleich in der Grundschule. Dafür braucht es natürlich die Unterstützung der Politik, sonst kann Integration nicht gelingen. Es geht also nicht um Trennung, sondern ums Zusammenwachsen. Und da muss auch die Gesellschaft umdenken, oder?

Ja. Und wir müssen Prioritäten setzen. Wenn gefordert wird, Deutsch soll intensiviert werden, dann darf auf der anderen Seite nicht Deutsch als Zweitsprache, was in Sachsen ja den Kindern angeboten wird, nicht ausfallen, wenn eine Lehrerin krank geworden ist, sondern dann muss das genauso verlässlich angeboten werden wie anderer Unterricht, weil die Kinder sonst wirklich Nachteile in ihrem Leben haben. Das bedeutet für mich Verlässlichkeit.

Das Interview führte Beatrice Schwartner für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. August 2019 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. August 2019, 16:36 Uhr

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