Schlechte Note in der Schule
Ist eine Fünf nicht immer eine Fünf? Bildrechte: imago/suedraumfoto

"Es geht vor allem um Selektion" Wissenschaftler fordert Abschaffung der Schulnoten

Schule ohne Zensuren - wie soll das gehen? Wir haben uns schon so sehr an die Benotung gewöhnt, dass wir uns das Lernen ohne diesen Maßstab gar nicht vorstellen können. Doch sind Zensuren gerecht? Welchen Wert haben sie? Professor Georg Breidenstein, Erziehungswissenschaftler an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, erklärt uns, warum wir Schulnoten abschaffen sollten.

Schlechte Note in der Schule
Ist eine Fünf nicht immer eine Fünf? Bildrechte: imago/suedraumfoto

MDR KULTUR: Im Grunde gibt jede Schulnote ein verzerrtes Bild - das wird seit Jahrzehnten am Ende jedes Schuljahres beklagt. Trotzdem halten sich Schulnoten, abgesehen von Waldorfschulen oder anderen Freien Schulen, überall hartnäckig. Warum eigentlich?

Georg Breidenstein: Das ist eine gute Frage. Sie haben es ja schon angedeutet, die empirischen Ergebnisse der Schulforschung sind stabil seit Jahrzehnten. Seit 40 Jahren wird dieses verzerrte Bild beklagt. "Verzerrtes Bild" - das bedeutet, innerhalb einer Klasse beschreiben die Noten das, was man an Leistungsdifferenzen messen kann, relativ genau. Aber schon über Klassen oder gar Schulen hinweg - überhaupt nicht mehr. Noten sind schlicht nicht vergleichbar.

Weil die Leistungsbeurteilung durch den Lehrer immer hoffnungslos subjektiv ist?

Nein, die ist nicht hoffnungslos subjektiv. Aber es ist so: Gemessen wird die Leistung des Schülers an seinen Mitschülerinnen und Mitschülern. Das ist der Vergleichsmaßstab, die sogenannte soziale Bezugsnorm. Man kann empirisch zeigen, dass es immer dieser Maßstab ist, der die Notengebung dominiert. Der Lehrer hat also die Leistung und vergleicht sie mit denen der Mitschüler, die auch in dieser Situation gemessen worden ist - in einer Klassenarbeit zum Beispiel.

Was ist eigentlich die Funktion dieser Leistungsbewertung namens Schulnote?

Man schreibt der Note viele Funktionen zu, vor allem aber geht es um Selektion, darum dass die Schule nach Leistung sortiert - und zwar im Auftrag der Gesellschaft und die Gesellschaft nimmt dann diese Leistungsbewertung der Schule, um Berufe und damit gesellschaftliche Positionen und letztlich auch Einkommen zuzuweisen.

Das ist die populärste Begründung, glaube ich fast, für Noten. Nur komme ich damit an der Stelle in Schwierigkeiten, wenn ich feststelle, dass diese Noten nicht vergleichbar sind - und zwar systematisch nicht vergleichbar sind. Denn das heißt, dass da ein systematisches Gerechtigkeitsproblem auftaucht, wenn die Noten nur im Rahmen der Schulklasse funktionieren.

Gibt es nicht ganze Reihe von Alternativen zu Schulnoten?

Ja und Nein. Ich glaube, dass auch die sogenannten Alternativen zu Zensuren zum Teil überschätzt werden und so ein bisschen ins Kraut schießen zurzeit. Meine Empfehlung wäre: Wenn wir auf Noten verzichten, dann müssen wir sehr genau gucken, was wir an Rückmeldung brauchen - für die Schüler und die Eltern. Und wir müssen uns fragen: Was bedeutet der Verzicht auf Noten für den Unterricht? Was muss ich als Lehrerin und Lehrer vielleicht auch testen, um zu sehen: Wie stehen die Schüler? Für all da brauche ich keine Noten.

Eltern sind mit einem Hinweis, einem kurzen Gespräch oft besser bedient als mit einem Zeugnis, würde ich vermuten. Da kann man als Lehrer auch versuchen, sparsam zu agieren. Man müsste gar nicht immer große Berichte schreiben oder große Kompetenzraster ausfüllen. Das ist ja das, was viele Lehrkräfte abschreckt - zurecht! Ich denke, es geht darum, sehr gezielt zu gucken, was ist für den Unterricht erforderlich an Leistungsmessung und Leistungsrückmeldung?

Ich würde dringend empfehlen, auf Noten zu verzichten.

Georg Breidenstein, Erziehungswissenschaftler

Dann geht es also im Grunde immer um Formen der Kommunikation und so gesehen wäre die Schulnote eine primitive Kommunikationsform.

Das Mittel ist primitiv und es hat sich verselbstständigt. Das ist, glaube ich, das Problem. Wir sind alle damit aufgewachsen, dass es diesen engen Zusammenhang zwischen Lernen und Noten gibt. Das heißt, wir können uns das Lernen ohne diese externe Motivierung durch Noten offenbar kaum noch vorstellen. Immer, wenn ich das Thema diskutiere, kommt irgendwann diese grundlegende Frage: Kann Lernen ohne Noten funktionieren?

Um sie zu beantworten, kann man entweder theoretisch argumentieren oder auf diese Schulen schauen - ganze Schulsysteme auch international - die seit vielen Jahren auf Noten verzichten und trotzdem findet Schule, findet Lernen statt. Insofern habe ich den Verdacht, dass wir uns so sehr daran gewöhnt haben, Unterricht und Schule über Noten zu denken und zu erleben, dass es inzwischen schwierig ist, dieses System in Frage zu stellen.

Sind Sie ein Verfechter des Waldorfschen Prinzips?

Nein, nicht der Waldorfschule als solcher, aber ich würde dringend empfehlen auf Noten zu verzichten. Im Sinne der Verbesserung des Unterrichts wäre das eine zentrale Maßnahme.

Das Interview führte Alexander Mayer für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial | 13. Juni 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Juni 2018, 12:31 Uhr