Premiere in der Oper Leipzig Mario Schröder enttäuscht mit "Schwanensee"

Der Leipziger Ballettdirektor Mario Schröder ist ein Meister des zeitgenössischen Handlungsballetts – doch sein neues Werk kann die Erwartungen nicht erfüllen, meint unser Kritiker.

von Boris Michael Gruhl, MDR KULTUR-Theaterkritiker

"Schwanensee", das ist das Ballett der Ballette. Jeder scheint das Stück zu kennen, sowohl die Geschichte, in der sich Prinz Siegfried erst in die weiße Schwanenkönigin Odette verliebt, dann aber Odile, dem schwarzen Schwan erliegt, als auch Tschaikowskis wunderbare, erzählende Musik dazu. In der klassischen Fassung ist Schwanensee ein Märchenmythos, Musik und Tanz bilden ein Gesamtkunstwerk.

Nun hat der Leipziger Ballettdirektor und Chefchoreograf Mario Schröder das Stück in der Oper Leipzig inszeniert, aber natürlich in einer eigenen, zeitgenössischen Fassung. Er erzählt von einer jungen Prinzessin, die sich im Palast langweilt, und sich vom jungen Lehrer Benno angezogen fühlt. Weil die Eltern gegen die Verbindung sind, flüchtet sie sich in die Fantasie, an den Schwanensee. Sie begegnet einem weißen Schwan, wird selbst zum Schwan. Am Ende bleibt allerdings unklar, ob das Stück eigentlich gut oder schlecht für die Prinzessin ausgeht. Vermutlich soll sie, mit ihren Träumen im Gepäck, den Weg ins wahre Leben finden.

Keine fließende Geschichte

Das alles wirkt reichlich konstruiert, und so fällt es auch nicht leicht, für diese Frau Empathie zu empfinden. Keine Frage, Urania Lobo Garcia tanzt beeindruckend, denn Tschaikowskis Musik hat sie ja, diese berührenden Klänge der Einsamkeit. Aber einige der choreografischen Versuche können nicht immer der Musik entsprechen, auch an der nötigen Rhythmik mangelt es schon mal.

Höfische Leere zu zeigen erschöpft sich in geometrischen Wiederholungen. Die Welt der Schwäne ist gar nicht so sehr durch den Tanz der unisex kostümierten Wesen interessant, viel mehr durch Videoinstallationen und Spiegelungstechniken auf der Bühne von Paul Zoller, die den Tanz bisweilen fast nebensächlich erscheinen lassen.

"Schwanensee" reicht nicht an frühere Schröder-Produktionen heran

Und so gibt es bei diesem Schwanensee kein klassisches Tanztheater zu sehen. Leider, auch wenn man ja natürlich hätte wissen können, dass Mario Schröder kein romantisches Ballett kreieren wird. Dass er ein Meister des zeitgenössischen Handlunsgballetts sein kann, hat er ja oft bewiesen, etwa mit "Van Gogh" oder "Chaplin" – aber sein "Schwanensee" kann da nun leider nicht mithalten.

Die Musik überzeugt voll und ganz

Die Musik dagegen überzeugt voll und ganz. Die junge Dirigentin Giedrė Šlekytė hat eine wunderbare Sensibilität, die Musikerinnen und Musiker des Gewandhausorchesters folgen ihr. So entstehen zarte, verletzliche Klänge, aber auch großer Aufschwung und romantisches Flair. Wenn es auf der Bühne also schon mal etwas flach wird, und der Tanz der kleinen Schwäne als eine Art Wasserballett, die Divertissements, russischer, spanischer und neapolitanischer Tanz veralbert werden - die Musik macht es wett.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Mai 2018 | 10:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Mai 2018, 15:01 Uhr