Ausstellung Chemnitz "Allzumenschliches": Bei Sebastian Gögel werden aus Menschen Monster

Das Museum Gunzenhauser in Chemnitz ist berühmt für seine Sammlung, besitzt es doch durch die Schenkung des Mäzens Alfred Gunzenhauser eine der umfangreichsten musealen Sammlungen zu Otto Dix weltweit. Doch auch Werke anderer Künstler kaufte Gunzenhauser an: von Beckmann, Käthe Kollwitz und Conrad Felixmüller. Nun zeigt das Gunzenhauser Teile seiner Schätze in Korrespondenz zu den Plastiken und Öl-Gemälden des in Leipzig lebenden Künstlers Sebastian Gögel. Die Schau trägt den Titel "Allzumenschliches" und bezieht sich auf die Schrift Friedrich Nietzsches "Menschliches – Allzumenschliches".

Sebastian Gögel, Connection 5 min
Bildrechte: Sebastian Gögel

Das Museum Gunzenhauser in Chemnitz vereint Werke des Leipziger Künstlers Sebastian Gögel mit denen von Otto Dix oder Käthe Kollwitz. Ulrike Thielmann berichtet über die Ausstellung "Allzumenschliches".

MDR KULTUR - Das Radio Sa 05.09.2020 14:00Uhr 04:42 min

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Ein Einstieg mit Nietzsche ist immer gut. Besonders in aufgeheizten Zeiten, in denen Ressentiments Konjunktur haben. Die Stadt Chemnitz muss sich dieser Tage gegen das Klischee wehren, eine rechte Hochburg zu sein. So hat das städtische Museum Gunzenhauser für seine neue Schau den Titel "Allzumenschliches" gewählt und beruft sich auf Nietzsche, der in seinem Werk "Menschliches, Allzumenschliches" das Ressentiment beschreibt: als Selbstvergiftung durch gehemmte Rache; unsere christliche Prägung will es so. Nietzsche charakterisiert Ressentiments als Indiz für schwärende Demütigungen, vor deren Entladung man sich fürchten sollte. Im Osten Deutschlands muss man danach nicht lange suchen.

Dix, Kollwitz oder Beckmann verarbeiten Ressentiments

Wie wird daraus nun eine Kunstschau? Zunächst mit Werken aus der wunderbaren Sammlung des Museum Gunzenhauser. Mit Dix, Felixmüller, Kollwitz oder Beckmann zeigt die neue Ausstellung, wie jene Künstler in den 10er- und 20er-Jahren das Zustandekommen von Ressentiments charakterisierten, die sich in der Nazizeit entluden.

Wir haben in den 20er-Jahren ganz viele Künstler, die sich kritisch, ironisch, sarkastisch mit den Entwicklungen der Gesellschaft auseinandersetzen. Wir haben die Armut, wir haben Prostitution, die reichen Banker, die ganzen Extreme, die diese Weimarer Republik ja auch auseinandergerissen haben am Ende.

Frédéric Bußmann, Generaldirektor der Kunstsammlungen Chemnitz

Die explosive Stimmung einfangen

Otto Dix: Roter Kopf (Selbstbildnis) Öl auf Malpappe, 73,6 x 67 cm
Otto Dix: Roter Kopf (Selbstbildnis) Bildrechte: Archiv Museum Gunzenhauser/VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Die brodelnde Stimmung in den Berliner Bars der Zwanziger, die explosive politische Lage, hat Otto Dix eingefangen wie kein zweiter. Dabei war er wenig zimperlich mit seinen Zeitgenossen. Halbwelt-Damen mutieren zu tätowierten Affenweibern, auch ihre männliche Kundschaft, die Demütiger, portraitiert Dix mit erbarmungslosem Blick.

Anja Richter, Kuratorin im Museum Gunzenhauser, betont, dass man allen Künstlern Texte beigegeben hat, die "Allzumenschliches" in ihrer Vita verdeutlichen – Licht-und Schattenseiten. Sie sagt: "Wir zitieren zum einen die Künstler selbst wie natürlich Dix, der gesagt hat: 'Die Neue Sachlichkeit, die habe ich erfunden.' oder Conrad Felixmüller, der gesagt hat: 'Dix zahlt lieber fünf Mark, um in den Puff zu gehen, als der KPD beizutreten.' Also wir vermischen das eben mit Teilen aus Biografien, die über die Künstler geschrieben wurden und wollen dem Betrachter auch mal eine andere Perspektive bieten."

Im Mittelpunkt: der Leipziger Künstler Sebastian Gögel

Sebastian Gögel: Scorpion, 2019 Öl auf Leinwand, 100 x 70 cm
Sebastian Gögel: Scorpion, 2019 Bildrechte: Sebastian Gögel

Es ist jedoch die Malerei und Plastik des Leipziger Künstlers Sebastian Gögel, Jahrgang 1978, um die die neue Ausstellung Nietzsche und die Sitten-Bilder der Weimarer Republik versammelt. Gögel malt figürlich, in Öl, gern großformatig, grellbunt und teils abstrahierend – Menschen: oft die vermeintlichen "Gewinner" der Gesellschaft, korrupte Geschäftsleute, zynische Eliten. Sie geraten Gögel zu Monstern, gar zu "blonden Bestien". Film und Theater haben sie schon länger in die Mottenkiste verbannt, bei Gögels bekommen sie ihren Auftritt: mit stechenden blauen Augen, teils diabolisch-rot angefärbt, mit Händen, die Klauen gleichen, mit bestialischen Kauleisten und ungeheuren Nasenlöchern, die der Maler zu wahren Wolfsgebissen des Kapitalismus formt.

Auch ein Tableau von Donald Trump zeigt die Schau, auf dem der US-Präsident als der abgefeimteste aller Wirtschaftsbosse und Menschenschinder erscheint, so dass man sich schon fragt, ob man gern so plump agitiert werden möchte. Ressentiments gegen Unternehmertum und liberale Ökonomie lauern bei Gögel in vielen Bildern. Seine durchaus virtuose Malerei offenbart jedoch sichtbare Einflüsse von Grosz oder Dix. Das ist ein Grund für die Schau, betont Kuratorin Karoline Schmidt.

Geld macht er auch zum Motiv, das haben die Künstler der Neuen Sachlichkeit oder der Weimarer Republik nicht gemacht. Sebastian wird nicht durch eine spezielle Galerie vertreten, beschäftigt sich mit dem Kunstmarkt. Da treten auf einmal Menschen und menschliche Gesichter hervor, die etwas Ambivalentes ausstrahlen. Er setzt sich mit politischen Ereignissen auseinander, es geht ihm um die Rolle des Künstlers.

Karoline Schmidt, Kuratorin

Ob die gesellschaftliche Parallele zwischen heute und den 20er-Jahren stimmig ist, darüber streiten Historiker und Philosophen. Jene Parallele wird indessen immer wieder gern bemüht, so auch in der neuen Schau im Gunzenhauser. Wer jedoch zudem mit Nietzsche hantiert, sollte sich besser vor Vereinfachungen hüten! Obwohl das "Allzumenschliche", der Mief der Kleingeisterei, natürlich nach wie vor - und überall - zum Himmel stinkt.

Sebastian Gögel: Gehäuse Öl auf Leinwand, 130 x 100 cm
Sebastian Gögel: Gehäuse Bildrechte: Sebastian Gögel

Informationen zur Ausstellung: "Sebastian Gögel - Allzumenschliches"

6. Sep 2020 – 29. Nov 2020

Im Museum Gunzenhauser
Theaterplatz 1
09111 Chemnitz

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. September 2020 | 15:45 Uhr