Debatte Wenn Pop spaltet: Populismus in der Musik

Der Autor und Musikkritiker Jens Balzer und der Leipziger Musiker und Mitinitiator der "Courage zeigen"-Konzerte Sebastian Krumbiegel kamen im Literaturhaus Leipzig zusammen, um über "Pop und Populismus" zu sprechen – das gleichnamige Buch von Jens Balzer erhielt 2019 große Aufmerksamkeit. Sind Künstlerinnen und Künstler nicht nur für ihr Werk, sondern womöglich auch für dessen Rezeption verantwortlich? Eine Diskussion über Haltung und Verantwortung in der Musik.

Jens Balzer 59 min
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MDR KULTUR - Das Radio Di 23.06.2020 22:00Uhr 58:51 min

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Ein persönlicher Impuls, mit dem Schreiben seines Buches "Pop und Populismus" zu beginnen, war "alles, was in der Popmusik schlechte Laune macht", meint Jens Balzer. Und verstehe man Populismus als ein Aufbegehren gegen vermeintlich regierende Eliten, so komme man in der Musik eben beispielsweise zum "Volks-Rock 'n' Roller" Andreas Gabalier mit einem "streng patriarchalen Gesellschaftsbild mit übersichtlichen Geschlechterverhältnissen, in denen Männer noch Männer und Frauen noch Frauen sind". Wobei Balzer über den deutschsprachigen Schlager auch positiv konstatiert: "Dass Helene Fischer und Kerstin Ott in einer ARD-Abendsendung ein Lied für Regenbogenfamilien und lesbische Mütterpaare und schwule Väterpaare singen, wäre in allen anderen popmusikalischen Formen undenkbar."

Andreas Gabalier
Der österreichische "Volks-Rock 'n' Roller" Andreas Gabalier Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Schlager-Genre sei damit politisch beweglicher, als etwa der Deutsch-Rap, so Musikjournalist Balzer weiter. Obwohl es sich "speziell beim Berliner Gangster-Rap" zum Großteil um Künstler mit Migrationshintergrund handele, wehre man sich nicht gegen Rassismus. Stattdessen gebe es hier ein "maskulinistisches Welterklärertum" und "Dominanzgesten":

Nehmen Sie das erste Album von Sido und 'Mein Block' oder bei Bushido 'Vom Bordstein bis zur Skyline'. Ganz klar, ihm gehört dieses Territorium, und die Schwulen müssen in den Bordstein beißen.

Jens Balzer, Musikjournalist

"Fast schade um den Echo"

Über fehlende politische Haltung in der Popmusik könne man sich nicht beschweren, so Balzer, "nur in vielen Fällen tatsächlich eher auf der Rechten, rechtspopulistischen, identitären Seite des politischen Spektrums". In Balzers Buch geht es über weite Strecken um den den berühmten Echo-Skandal, als 2018 die Hip-Hopper Farid Bang und Kollegah für einen homophoben, antisemitischen Track ausgezeichnet werden sollten. Der Musikpreis wurde in der Folge abgeschafft.

Doch in gewisser Weise fehle er nun auch, meint Balzer, weil der Echo einmal im Jahr ein Schlaglicht auf das warf, "was die jungen Leute bei Spotify millionenfach klicken, was da eigentlich für Inhalte transportiert werden." Jetzt hingegen sei alles wieder "in einem allgemeinen medialen Grundrauschen verschwunden".

Haltung zeigen, ohne herabzuschauen

In gewisser Weise sei Populismus der Popmusik schon eingeschrieben, meint der Musiker Sebastian Krumbiegel. Man spiele den Leuten logischerweise etwas vor – könne sich aber um Authentizität bemühen: "Ich versuche, authentisch zu sein. Ich versuche, so zu sein, wie ich bin." Früher habe es ihn genervt, wenn er als Popmusiker zu politischer Verantwortung ermahnt wurde:

Mittlerweile weiß ich, dass jeder, der sich auf die Bühne stellt und vor allem jeder, dem Leute zuhören, diese Verantwortung hat und dieser Verantwortung gerecht werden muss.

Sebastian Krumbiegel, Musiker

Krumbiegel hat darüber 2017 in seinem Buch "Courage zeigen. Warum ein Leben mit Haltung gut tut" geschrieben. Dabei sei es auch wichtig, mit der Zeit zu gehen und alte Ansichten zu hinterfragen – "ohne auf Menschen, die sich nicht immer zu hundert Prozent politisch korrekt ausdrücken, herabzuschauen", so Krumbiegel. Wenn man von Haltung spricht, sei besonders der Umgang mit musikalischen Größen aus der Vergangenheit schwierig, zum Beispiel die "heilig gesprochenen Popmusiker aus den 60er-, 70er-Jahren" – David Bowie, Led Zeppelin oder Iggy Pop – die zum Beispiel mit heutigen Vorstellungen von Sexismus konfrontiert, "eben keine Heiligen waren". Wie geht man damit um, als Musikfan oder als Journalist? Antworten zu finden, das sei schwierig, meinen Krumbiegel und Balzer gleichermaßen. Wichtig sei zunächst, dass man offen darüber rede.

Das Gespräch mit Jens Balzer und Sebastian Krumbiegel führte MDR KULTUR-Musikredakteur Hendryk Proske.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Werkstatt | 23. Juni 2020 | 22:00 Uhr