Aufklang! Semperoper Dresden beendet Corona-Pause mit Anna Netrebko

Die Dresdner Semperoper startet nach der Corona-Zwangspause wieder durch: Es gibt Verdis Oper "Don Carlo" in einer konzertanten und kammermusikalischen Fassung mit Anna Netrebko und Yusif Eyvazov. Ist das Weltklasse oder Weltklasse auf Sparflamme? Unser Kritiker lobt die beeindruckende Umsetzung. Das Publikum zeigte sich ausgehungert und applaudierte volle 15 Minuten.

Die Semperoper hat am Freitag, 19. Juni, zum ersten Mal seit Ausbruch der Corona-Krise wieder Publikum ins Haus gelassen. Gestartet wurde die neue Reihe mit dem hoffnungsvollen Titel "Aufklang!", um dem Publikum noch vor der regulären Sommerpause etwas zu bieten.

Bei der Aufführung konzertanter Höhepunkte aus Giuseppe Verdis Oper "Don Carlo" sangen unter anderem Anna Nebtrebko, Yusif Eyvazov, Elena Maximova und Mariya Taniguchi. Es spielte die Sächsische Staatskapelle Dresden unter Leitung von Johannes Wulff-Woesten (Klavier).

Wer szenische Oper erwartet hat, dürfte enttäuscht gewesen sein. Der "Don Carlo" hätte eigentlich zu den Osterfestspielen Salzburg herauskommen sollen, die aber ebenso gestrichen worden sind, wie dann die Umsetzung dieser ausgefallenen Inszenierung von Vera Nemirova nach Dresden. Gerettet wurde aber ein Großteil der Starbesetzung um Anna Netrebko.

Alles eine Nummer kleiner

Was statt ganz großer Oper übrig geblieben ist, waren konzertante Höhepunkte in eineinhalb Stunden, die normalerweise gut und gerne drei bis vier Stunden gefüllt hätten. Aber weder war diese Spieldauer möglich, noch großes Orchester, weder szenische Nähe noch großer Chor – und leider auch nicht das ganz große Publikum, das für diese Besetzung bestimmt gerne nach Dresden gekommen wäre. Stattdessen durften gerade mal an die 300 Menschen ins Haus. Bei einem Weltstar wie Anna Netrebko vor 300 Gästen war die Semperoper im Handumdrehen ausverkauft, auch für die kommenden drei Abende, an denen dieses Programm wiederholt wird.

Yusif Eyvazov
Yusif Eyvazov Bildrechte: dpa

Große Oper in Kammerbesetzung

Statt Chor und großem Orchester gab es neben den Solisten nur sieben Sängerinnen und Sänger aus dem Staatsopernchor sowie acht Instrumentalisten der Staatskapelle. Geige, Cello, Kontrabass, Flöte, Oboe, Englischhorn sowie Harmonium und Klavier. Vom Flügel aus wurde das Ganze geleitet von Johannes Wulff-Woesten, der diese Oper auch für das Kammerensemble eingerichtet hat. Eine großartige Einrichtung, eine beeindruckende Umsetzung, eine faszinierende Gesamtwirkung! Da floss wohl alles zusammen: die Live-Atmosphäre, natürlich die geniale Verdi-Vorlage, die Weltklasse-Besetzung und nicht zuletzt das Gefühl, hier bei einem ganz besonderen Ereignis mit dabei sein zu dürfen.

Netrebko in Hochform

Das Besondere ausgemacht hat nicht "nur" die Netrebko, obwohl die Primadonna hier wirklich eine Glanzleistung abgelegt hat. Unprätentiös sang sie ausgewählte Höhepunkte ihrer Partie als spanische Königin Elisabetta, kunstvoll wie warmes Gold, ergreifend dramatisch, mit angedeuteten Gesten, gerade im Zusammenspiel mit ihrem Ehemann Yusif Eyvazov als Infant Don Carlo auch körperlich nah, ganz im Geist von Verdis Musik.

 Netrepko mit ihrem Ehemann, dem Tenor Yusif Eyvazov.
Anna Netrebko mit ihrem Ehemann, dem Tenor Yusif Eyvazov, bei einer früheren gemeinsamen Aufführung. Bildrechte: obs/ZDF/Vladimir Shirokov

Kongeniale Sternstunde

In Dresden haben sich Netrebko und Eyvazov, die sonst an der Mailänder Scala und anderen großen Häusern singen, in einem absolut kongenialen Umfeld bewegt, auch wenn das nicht mehr ganz und gar die für Salzburg geplante Besetzung gewesen ist. Aber Elena Maximova, ein russischer Mezzosopran, sang warm und mit Inbrunst den Part der Prinzessin Eboli, Sebastian Wartig als Marquis von Posa und Tilmann Rönnebeck als König Philipp sowie Alexandros Stavrakakis als Mönch bewiesen, was das hauseigene Ensemble zu bieten hat. Dieser Abend ist schon eine ganz besondere Sternstunde gewesen, zu der auch die Solisten von der Staatskapelle ihr Scherflein mit beigetragen haben.

15 Minuten Applaus

Vier Abende wird es diesen besonderen "Don Carlo" in Dresden geben. Auch unter den gegebenen Umständen ist es sicherlich kein Ersatz für die gewohnte Oper. Obwohl die Menschen im Saal beim Eröffnungsabend – abstandsvoll platziert – mehr und mehr aus dem Häuschen gerieten und zum Schluss etwa 15 Minuten lang applaudiert haben. Das ist dann wohl schon ein Ausdruck dafür, wie ausgehungert das Opernpublikum nach drei Monaten Schließzeit ist und natürlich für die besondere Qualität dieses so kurzen wie konzertanten, dieses kammermusikalischen "Don Carlo".

Zur Aufführung in Dresden "Don Carlo" in der Semperoper Dresden
Konzertante Höhepunkte aus Giuseppe Verdis Oper
Premiere: Freitag, 19. Juni 2020
Weitere Vorstellungen am 20., 21., 22. Juni 2020, jeweils um 19 Uhr

Mit Anna Nebtrebko, Elena Maximova, Mariya Taniguchi, Yusif Eyvazov, Tilmann Rönnebeck, Alexandros Stavrakakis, Sebastian Wartig sowie Damen und Herren des Sächsischen Staatsopernchores Dresden.

Es spielen die Musiker der Sächsischen Staatskapelle Dresden: Robert Lis (Violine), Simon Kalbhenn (Violoncello), Andreas Wylezol (Kontrabass), Andreas Kißling (Flöte), Sebastian Römisch (Oboe), Volker Hanemann (Englischhorn), Jobst Schneiderat (Harmonium) unter der Musikalischen Leitung von Johannes Wulff-Woesten (Klavier).

Mehr Oper und Musik

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Juni 2020 | 08:45 Uhr