Premiere "Platée" an der Semperoper Dresden: Ein Feuerwerk der Spielideen

Die Opernwelt kennt den mexikanisch-französischen Tenor Rolando Villazón vor allem als Sänger. Doch seit einigen Jahren ist er mehr und mehr auch als Regisseur unterwegs. Außerdem ist er ein witziger Karikaturist, ein Romanautor mit hohem Fantasiepotential und ein von der Musik geradezu besessener Fernsehmoderator. Zudem ist er der Künstlerische Leiter der Mozartwoche Salzburg. Am 6. April gab Rolando Villazón nun sein Regiedebüt an der Semperoper Dresden mit einer selten gespielten Oper: "Platée" von Jean-Philippe Rameau.

von Michael Ernst, MDR KULTUR-Opernkritiker

Selten habe ich eine Oper mit so vielen Fragen verlassen. Fragen zum Werk und Fragen zur Umsetzung. In der Oper, einem Ballet bouffon, einer Ballettkomödie, die 1745 in Versailles uraufgeführt wurde, geht es eigentlich darum, dass Jupiters Gattin von ihrer krankhaften Eifersucht geheilt werden sollte. Also um die Götterwelt, die schon bei Rameau eine Metapher für die auch moralische Verkommenheit am französischen Hof ist.

Wie wird sie von der Eifersucht geheilt? Indem sie erkennt, dass Jupiter nur zum Schein die hässliche Sumpfnymphe Platée heiraten wollte. Eben weil die so hässlich ist und damit keinen Grund zur Eifersucht darstellt. Letzten Endes ist das Ganze ein Missbrauch der Titelfigur. Sie wird als Travestie vorgeführt, als Außenseiter-Figur. Und an dieser Stelle hatte ich bei der Inszenierung einen durchaus zwiespältigen Eindruck, weil die Umsetzung diesen Missbrauch überspielt und verharmlost. Andererseits war es ja durchaus eine Absicht von Villazón, Fragen zu stellen.

Grenzenlose Fantasie und tolle Balletteinlagen

Und er hat eine offenbar grenzenlose Fantasie, sprüht vor Ideen und Einfällen. Zusammen mit seinem Bühnenbildner Harald Thor und der Kostümbildnerin Susanne Hubrich hat er ein Feuerwerk an Spielideen gezündet, die mit reichlich Klamauk verbunden waren, mit Überraschungen und an keinem Moment des knapp dreistündigen Abends einen Stillstand zugelassen haben. Da war immer was los auf der Bühne, was vor allem an der Choreografie von Philippe Giraudeau und den tollen Balletteinlagen gelegen hat. Aber es hat nicht immer überzeugt, zumindest nicht, wenn man etwas hinter die Oberfläche geblickt hat.

Denn dieser Mix aus Götterwelt, als Parallele zur Menschenwelt – mit Rummel, Theater im Theater, Puppenspiel, Voodoo, wirklich tollem Ballett – geht nicht auf, wenn die Titelfigur Platée denunziert wird. Die ist schon bei Rameau ein Mann, der eine Frau darstellen soll, die von sich glaubt, dass alle Männer sie lieben. Eine Sumpfnymphe, die hier von Philippe Talbot dargestellt wurde, einem hübschen Mann mit toller Mimik und Ausstrahlung, der das Ganze sehr glaubhaft und vor allem auch musikalisch überzeugend umgesetzt hat.

Oper Platee an der Semperoper
Philippe Talbot in der Oper "Platée" an der Semperoper Dresden Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Brillante Musik

Überhaupt ist die Musik brillant. Die Staatskapelle unter Paul Agnew musizierte diese vielen Farben, die in der Partitur stecken, wie auf der Stuhlkante, der Staatsopernchor sang das mit großem Esprit und von dem knappen Dutzend Solisten muss man unbedingt den Bassbariton Andreas Wolf hervorheben, der den verlogenen Jupiter dargestellt hat. Man darf sich über das Wiedersehen und -hören mit Ute Selbig als dessen Göttergattin freuen, vor allem aber gab es mit Inga Kalna als La Folie, der Verrücktheit, eine aberwitzige Zugnummer, die spielerisch und sängerisch für Szenenapplaus gesorgt hat und umwerfend war.

Es ist also weit mehr als ein Abend der Tenöre, obwohl von denen ja einige präsent waren: Dirigent Agnew hat eine glänzende Gesangskarriere absolviert und Platée mehrfach selbst gesungen, in Dresden hat er nun einen durchaus ebenbürtigen Titelhelden gefunden, und Villazón ist in diesem Fach sowieso zu Hause.

Musikalisch war das stimmig und hat von der Inszenierung her einiges an Fragen aufgeworfen. Was aber nicht das Schlechteste ist, das von einem Opernabend – zumal mit einem so selten gespielten Stück – ausgehen kann. Insofern eine unbedingte Empfehlung, sich diesen "bunten" Abend selbst anzutun.

Oper Plattee an der Semperoper
Iulia Maria Dan (Thalie/Clarine) und Philippe Talbot (Platée) Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. April 2019 | 09:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. April 2019, 14:54 Uhr

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