Was macht das Görlitzer Senckenberg Museum so besonders? Wo die wilden Wölfe wohnen

Präparierte Tiere, Millionen Pflanzen und Fossilien, aber auch ein kleines Vivarium: Die Sammlung im Senckenberg Museum in Görlitz ist umfangreich und doch kann nur ein kleiner Teil aus Platzgründen präsentiert werden. Mit Forschern aus aller Welt arbeitet man hier an einem großen Auftrag: die biologische Vielfalt unserer Erde besser zu verstehen.

Ausgestopfte Tiere
Bildrechte: MDR/Jan Dörre

Vorsichtig scheint er sich an etwas Imaginäres anzupirschen – ein Wolf, präpariert und doch lebensecht in Gestalt und nachgestellter Bewegung. Beobachtet wird er scheinbar von einem Seeadler – hoch oben auf einem Ast und einem Wildschwein. Auch sie beheimatet in der Region.

Zu finden sind diese Präparate auf einer Etage des Senckenberg Museum für Naturkunde in Görlitz. In diesem Bereich hat man sich ganz der Flora und Fauna der Oberlausitz gewidmet. Und die ist besonders liebevoll gestaltet: Wiesenstücke und Hecken mit all ihren agilen Bewohnern sind da in aufwendigen Dioramen zu bestaunen, genau wie eine kleine Holzhütte, mit ihren oft unerkannten Gästen.

Ein Rundgang in Bildern im Senckenberg Museum Görlitz

Haus
Von 1858 bis 1860 errichtete die Görlitzer Naturforschende Gesellschaft ihr eigenes Museum am zentral gelegenen Marienplatz Bildrechte: MDR/Jan Dörre
Haus
Von 1858 bis 1860 errichtete die Görlitzer Naturforschende Gesellschaft ihr eigenes Museum am zentral gelegenen Marienplatz Bildrechte: MDR/Jan Dörre
Ausgestopfte Tiere
...mit den liebevoll gestalteten Wiesenstücken.... Bildrechte: MDR/Jan Dörre
Ausgestopftes Tier
...wo man auch Käfer, Vögel und Schmetterlinge bestaunen kann Bildrechte: MDR/Jan Dörre
Ausgestopfte Tiere und Vitrinen
Begleitet wird die optische Inszenierung von einem Natur-Sound, der zum Augenschließen und Entspannen einlädt Bildrechte: MDR/Jan Dörre
Evertebrata Myriapoda - Karin Voigtländer
Die Myriapodensammlung gehört zu der noch recht jungen Sammlung des Museums. Seit 1979 versucht Frau Dr. Voigtländer die Sammlung dieser Bodentiergruppe kontinuierlich zu vergrößern. Bildrechte: Sven Tränkner
Ausgestopftes Tier, Vitrinen
Auf vier Etagen präsentiert man im Hause verschiedene Öko-Systeme: Hier die Flora und Fauna der Oberlausitz... Bildrechte: MDR/Jan Dörre
Menschen auf einer Straße vor einem Gebäude
Das Museum der Naturforschenden Gesellschaft in seinem ursprünglichen Haus, 1860 Bildrechte: MDR/Jan Dörre
Bodensäule im Görlitzer Museum
Ein wissenschaftlicher Schwerpunk am Hause ist die Bodenbiologie, die sich im Museum in der knapp sechs Meter hohen Bodensäule abbildet Bildrechte: Sven Tränkner
DNA Labor
Forschung wird bei Senckenberg groß geschrieben: hier ein Wissenschaftler im DNA-Labor Bildrechte: Sven Tränkner
Herbarium Görlitz
Das Senckenberg Museum verfügt auch über ein riesiges Herbarium. Bildrechte: Senckenberg
Malakologische Sammlung
Einblick in die malakologische Sammlung. Malakologie ist das Forschungsgebiet über die Weichtiere (Mollusca). Bildrechte: Senckenberg
Ausgestopftes Tier
Im Untergeschoss des Hauses.... Bildrechte: MDR/Jan Dörre
Familie Vivarium
...befindet sich das Vivarium. Bildrechte: Düker
Blauer Baumwaran im Vivarium des Görlitzer Naturkundemuseums
Ob Blauer Baumwaran... Bildrechte: Jacqueline Gitschmann
Haselmaus
...oder Zwergmaus, besonders Familien lieben die agilen Tiere Bildrechte: Senckenberg
Regenwaldausstellung
In der oberen Etage befindet sich die Regenwaldausstellung Bildrechte: Robert Bienas
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Die belebte Welt – auch ein kleiner Bereich zur Lausitzer Geologie - auf angenehm überschaubaren 1.200 Quadratmetern Ausstellungsfläche: Das Senckenberg Museum, benannt nach dem Arzt Johann Christian Senckenberg, ist ein Magnet für alle Naturfreunde. Rund 35.000 Menschen bewegen sich jedes Jahr zwischen Millionen Jahre alten Fossilien und jungen Zwergmäusen.

Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung Das Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz ist eines der sechs Forschungsinstituten im Senckenberg-Verbund und eines von zwei Museen (neben dem Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt am Main), das über Dauerausstellungen, Sonderausstellungen und einen regulären Museumsbetrieb verfügt.

"World of biodiversity" – Welt der biologischen Vielfalt – das hat sich die wissenschaftliche Institution auf die Fahnen geschrieben und meint damit nichts anderes, als die Ordnung der ungeheuren Fülle von Formen, Lebensweisen, Anpassungen und Umwälzungen all der fliegenden, kriechenden, blühenden, jagenden, sich vermehrenden und sterbenden Geschöpfe in einem bestimmten Lebensraum.

Die Geschichte des Museums

Menschen auf einer Straße vor einem Gebäude
Der Museum der Naturforschenden Gesellschaft in seiner ursprünglichen Gestalt, 1860 Bildrechte: MDR/Jan Dörre

Die Wurzeln des Senckenberg Museums für Naturkunde Görlitz gehen auf das Jahr 1811 zurück, als sich die "Ornithologische Gesellschaft zu Görlitz" gründete. 1823 änderte sie ihren Namen in "Naturforschende Gesellschaft zu Görlitz".

Bereits 1827 gab sie eine eigene Zeitschrift heraus, die "Abhandlungen der Naturforschenden Gesellschaft zu Görlitz“, die heute als internationale bodenzoologische Fachzeitschrift "SOIL ORGANISMS" weitergeführt wird. Nach der Auflösung der Gesellschaft wurde das Naturkundemuseum nach dem 2. Weltkrieg 1953 ein staatliches Forschungsmuseum der DDR. Im Zuge der Wiedervereinigung erhielt das Museum im Februar 1991 den Status eines Landesmuseums des Freistaates Sachsen. Seit 1995 leitet Prof. Willi Xylander das Museum. 2009 wurde es ein Institut der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung als Teil der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz.

Alle Senckenberg-Häuser haben drei große Aufgaben: Das Dokumentieren der Vielfalt der Natur, das Erforschen der Biodiversität […] und als Drittes: das Vermitteln von Biodiversität und Geologie.

Prof. Dr. Willi Xylander
DNA Labor
Forschung mit modernster Technik: Im DNA- Labor Bildrechte: Sven Tränkner

So umreißt Direktor Willi Xylander die Aufgaben seines Hauses. Das klingt überschaubar und doch sind Dauer- und Sonderausstellungen nur die Spitze des Eisberges, die für die Besucher sichtbar wird. Denn das, was man in Görlitz sieht, ist aufbereitetes Wissen, das Forscher in vielen Teilen der Welt zusammengetragen haben. So sind Wissenschaftler vom Görlitzer Senckenberg Museum u.a. an Forschungsprojekten im Kaukasus, im tibetischen Hochland, in der Mongolei und Sibirien beteiligt.

Unsere Wissenschaftler haben zur Bodendiversität gearbeitet, sie haben zu Wildeseln, Raubsäugern und Przewalski-Pferden in der Mongolei geforscht und ich selber habe eine Bestandsaufnahme von Libellen in der Mongolei gemacht.

Prof. Dr. Willi Xylander

Die Boden-Spezialisten

Bodensäule im Görlitzer Museum
Ein echter Hingucker: Die Bodensäule im Treppenhaus Bildrechte: Sven Tränkner

Da Wissenschaftler meist ein Spezial-Gebiet erforschen, hat man sich in Görlitz hauptsächlich der Bodenbiologie zugewandt. Das geht auf die Initiative des Bodenzoologen Prof. Wolfram Dunger zurück, der das Museum bis 1995 leitete und ihm mit dieser Ausrichtung internationales Ansehen verschaffte.

Heute interessieren sich die Forscher hier u.a. für die Gesamtheit, der im Boden lebenden Organismen: von Spinnen, Fadenwürmern und Käfern bis Pilzen, Algen, Flechten und Bakterien. Und das bildet sich wiederum im Museum ab. Ein besonderer Blickfang ist die im Treppenhaus aufgestellte, knapp sechs Meter große Bodensäule, die geschickt zwei Ausstellungsetagen miteinander verbindet. Sie zeigt in 30-facher Vergrößerung einen Bodenausstich aus einem heimischen Laubwald. Als Größenvergleich dient ein Regenwurm, der fast das gesamte Modell feuerwehrschlauch-dick durchzieht. Er lässt uns auf die Größe eines Bodenlebewesens "schrumpfen".

Neue Formate

Apropos schrumpfen. In Görlitz hat man längst erkannt, dass man auch mit modernster Technik sein Publikum fesseln kann. Als Teilnehmer des bundesweiten Projekts "museum4punkt0" ließ man in "Abenteuer Bodenleben" den Besucher digital auf Assel-Größe schrumpfen und entließ ihn mit Hilfe einer VR-Brille in die 200-fach vergrößerte Welt von Tausendfüßler und Co.

Abenteuer Bodenleben 1 min
Bildrechte: Senckenberg Museum Görlitz/.hapto

Das kam bestens an und findet nun in der Sonderausstellung "Abenteuer Neiße – Leben am Fluss" seine Fortsetzung. Auch in Zusammenarbeit mit dem Projekt „museum4punkt0“ wird es eine virtuelle "Zeitreise" in 3D geben, die die landschaftliche und städtische Entwicklung entlang des Görlitzer Neißetals der vergangenen 2.000 Jahren erlebbar machen soll.

Ein für mich sehr wichtiges Vermittlungs-Format sind Wanderausstellungen: Wir haben in den letzten 15 Jahren sieben große, internationale Wanderausstellungen gezeigt, die ungefähr dreieinhalb Millionen Menschen gesehen haben.

Prof. Dr. Willi Xylander
Senckenberg Museum Görlitz Forscherin
Wolfs-Forschung am Senckenberg Bildrechte: Diana Jeschke

Eine der erfolgreichsten Wanderausstellungen der letzten Jahre war die Sonderschau "Wölfe". Das ist nicht verwunderlich, ist doch der Wolf und seine Ausbreitung in Deutschland eines der Reizthemen der letzten Jahre. In Görlitz forscht man schon länger zu Meister Isegrim. Und nicht nur das: Auch ein Wolf-Zentrum ist am Senckenberg Museum beheimatet. Hier berät man die zuständigen Landesbehörden und sammelt bundesweit Daten zur Ausbreitung des Wolfes. Denn in Ostsachsen hatten sich im Jahr 2000 die ersten Wölfe wieder angesiedelt.

Lebendiges im Untergeschoss

Ausgestopftes Tier
Das Korallenriff im Vivarium im Untergeschoss Bildrechte: MDR/Jan Dörre

Dass nicht nur die Sonder-und Wanderausstellungen Publikumsmagnete sind, dafür sorgt im Haus eine kleine Besonderheit: im Untergeschoss befindet sich ein Vivarium – eine Art kleiner Zoo. Dort trifft der Schwarze Süßwasserstechrochen aus Brasilien, die Madagassischen Tomatenfrösche, der Senegal-Flösselhecht auf Vogelspinnen, Eurasischen Zwergmäuse oder die heimischen Karpfen.

Veranstaltungen im Senckenberg Museum (bitte coronabedingt nachfragen):

Führung: Schaufüttern im Vivarium an jedem 1. Donnerstag im Monat um 16.00 Uhr

Kinderakademie: Warum ist Blut rot? Vorlesung nur für Kinder von Dr. med. Martina Wohsmann, Institut für Transfusionsmedizin Dresden, Freitag, 12. Juni, 16.00 Uhr, Hochschule Zittau/Görlitz, Hermann-Heitkamp-Haus, Großer Hörsaal, Furtstr. 2

Görlitzer Science Slam #1: Junge Senckenberg-Wissenschaftler stellen ihre Forschung in unterhaltsamen 10-minütigen Präsentationen vor. In englischer Sprache! 15. Juli 19.30 Uhr, Humboldthaus, Platz des 17. Juni 2

Naturwissenschaftliche Kolloquien: Dienstag-Vortragsreihe,14.00 Uhr, Seminarraum/Naturkundemuseum, Wissenschaftliche Fachvorträge. Der Eintritt ist frei.

Neues aus der Naturwissenschaft: Dienstag-Vortragsreihe, 19.30 Uhr, Seminarraum/Naturkundemuseum, Naturwissenschaft – allgemeinverständlich dargestellt. Erwachsene 2,00 Euro Ermäßigte 1,00 Euro, Kinder (bis 16 J.) frei

Senckenberg am Nachmittag: Donnerstag-Vortragsreihe, 15.00 Uhr Naturkundemuseum oder Humboldthaus, Museumsmitarbeiter berichten von ihren Reisen und Expeditionen. Die Vorträge sind im Museumseintritt inbegriffen.

Natur in Farbe: Freitag-Vortragsreihe, 19.30 Uhr,  Humboldthaus/Platz des 17. Juni 2, Bildreiche Natur- und Reisevorträge.
Erwachsene 2,00 Euro, Ermäßigte 1,00 Euro, Kinder (bis 16 J.) frei

Die Evolution im eigenen Haus

Vom Keller in die obere Etage? Kein Problem. Ein Fahrstuhl schafft die Möglichkeit auch für Menschen mit Behinderung, sich barrierefrei zu bewegen. Angekommen in den Sälen der oberen Etage, trifft man auf Tiere aus dem Regenwald und der Savanne, die auf die Besonderheiten und die Bedeutung dieser Ökosysteme verweisen.

Vogelsammlung
Präparate die von einer langen Sammlungsgeschichte künden Bildrechte: Senckenberg

Manche Tiere scheinen seit Jahren ihr Regal nicht mehr verlassen zu haben, einige Vögel mit ihrem stumpfen Gefieder wirken so, als hätten sie nie gesungen. Das kennt man aus Museen, die vor mehreren hundert Jahren angelegt wurden (wie in Görlitz) und deren Sammlungsbestände weit in die Vergangenheit reichen. Und genau deshalb sollte dieser Teil der Ausstellung – bei allem Erneuerungs-Willen erhalten bleiben: Denn so erzählt das Senckenberg in Görlitz als Museum seine eigenene Evolutions-Geschichte.

Dem Wolf in Etage eins kann das egal sein. Er hat Witterung aufgenommen und den Besucher fest im Blick. Genau wie die Wissenschaftler am Senckenberg Museum in Görlitz, die uns mit noch manch spannender Ausstellung überraschen werden.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Spezial | 21. Februar 2020 | 18:05 Uhr

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