Mo 07.01. 2019 22:00Uhr 90:00 min

Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande

Komplette Sendung

Heiner Müller, 1992 89 min
Bildrechte: imago/Detlev Konnerth
MDR KULTUR - Das Radio Mo, 07.01.2019 22:00 23:30

Beiträge aus der Sendung

Dieter Mann (Rammler) und Andrea Solter (Flinte 2) bei Aufnahmen zu „Die Umsiedlerin“ von Heiner Müller am 10.12.2003 im Hörspielstudio des MDR. 89 min
Bildrechte: MDR/Winkler
Zum 90. Geburtstag von Heiner Müller
Von Heiner Müller

Erzählt wird die Geschichte der Umsiedlerin Niet, die in einer Kammer beim korrupten Bürgermeister eines kleinen Mecklenburger Dorfes untergekommen ist. Schwanger von einem arbeitsscheuen und ständig Bier trinkenden Individuum namens Fondrak, macht sie sich Sorgen um die Zukunft ihres Kindes. Zwar hat die Bodenreform den ehemaligen Tagelöhnern und Kleinbauern eine kleine Parzelle Land gebracht, aber es fehlt überall an Saatgut, Zugvieh und Traktoren. Vielen geht es daher noch nicht besser als vorher.

Da hilft auch nichts, dass der aus dem KZ heimgekommene Parteisekretär Flint nicht müde wird, den Fortschritt der neuen Ordnung zu preisen. Als ein alteingesessener Mittelbauer vom Neubauern Ketzer das geliehene Pferd zurückhaben will und der staatliche Solleintreiber ihm ebenfalls zusetzt, erhängt sich Ketzer in seinem Katen. Für ihn kommen die zwei sowjetischen Traktoren, die bald darauf ins Dorf rollen, zu spät. Auf einer Versammlung im Dorfkrug wird unter Anwesenheit des Landrats der gerechte Umgang mit den Traktoren diskutiert.

Der korrupte Bürgermeister will es dem Landrat besonders recht machen und schlägt die sofortige und vollständige Kollektivierung des Dorfes vor. Da das aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Sinne der Partei ist, verliert er seinen Posten, und Flint, der Parteisekretär, wird der neue Bürgermeister. Seine erste Amtshandlung ist, der Niet die Übernahme von Ketzers Hof anzubieten. Nach kurzem Zögern nimmt sie das Angebot an und siedelt um auf Ketzers Hof.

Müller breitet in seiner "Umsiedlerin" ein faszinierendes Panorama des Lebens auf dem Lande im Osten Deutschlands nach 1945 aus. In pointierten Szenen und mit großem sprachlichem Können werden die gesellschaftlichen Widersprüche dieser Zeit anhand einer überreichen Personnage deftig gezeichnet. Vom verzweifelten Kleinbauern bis zum karrieristischen Bürgermeister, von der verlassenen Ehefrau bis zur vom Kino träumenden Bauerstochter, vom albernen FDJler bis zum ehemaligen KZ-Häftling, alle kommen mit ihren Hoffnungen und Ängsten vor.

Die "Umsiedlerin" schildert eine historisch bedeutsame Etappe deutscher Geschichte mit ihren tragischen und ihren komischen Seiten und vor allem die sympathischer durch die Frauen verkörperte Hoffnung auf ein neues, besseres Leben. * Heiner Müller (1929-1995), Dramatiker von Weltrang, war zuletzt Intendant und künstlerischer Leiter des Berliner Ensembles.

Regie: Wolfgang Rindfleisch
Bearbeitung: Bert Koß; Wolfgang Rindfleisch
Komponist: Trötsch
Produktion: MDR 2003

Sprecher:
Hilmar Eichhorn - Beutler
Falk Rockstroh - Kaffka
Samuel Finzi - Rapp
Götz Schubert - Flint
Dieter Mann - Rammler
Udo Kroschwald - Treiber
Victor Deiß - Solleintreiber
Milan Peschel - Ketzer
Matti Wien - Siegfried
Bianca Nele Rosetz - Niet
Günter Zschäckel - Flüchtling
Götz Schulte - Fondrak
Torsten Ranft - Heinz
Edwin Marian - Senkpiel
Steffen Scheumann - Henne
Günter Grabbert - Alter Bauer
Lotte Ohm - Schmulka
Doris Abeßer - Alte Bäuerin
Hermann Lause - Mütze
Ulrich Voß - Krüger
Monika Lennartz - Flinte 1
Stephan Baumecker - 1. Traktorist
Uwe-Dag Berlin - 2. Traktorist
Wolfgang Jakob - Simoneit
Gerald Schaale - Sieber
Jürgen Holtz - Landrat
Andrea Solter - Flinte 2
Annekathrin Bürger - Treiberin
Hendrik Arnst - Arbeiter
Arianne Burbach - Sprecherin

(88 Min.)