Kolumne Was die Netflix-Serie "The Circle" über Social Media verrät

Eine Mischung aus "Black Mirror" und "Dschungelcamp": Die Netflix-Show "The Circle" zeigt, wie soziale Medien wie Facebook, Twitter, Instagram oder auch Tinder unsere Kommunikation und unser Leben ändern. Und sie fragt: Wann ist man echt? Und will man das wirklich sein?

Film Still zur Serie "The Circle"
Kommunikation mit dem Bildschirm: Kandidat Shubham Goel will "The Circle" gewinnen Bildrechte: Netflix

Soziale Medien prägen unser Leben immer mehr. Das beginnt mit einer Veranstaltungseinladung auf Facebook, geht auf Tinder weiter mit dem Versuch, die große Liebe oder zumindest einen kurzzeitigen Partner zu finden, und reicht bis zum mächtigsten Mann der Welt, der mit seinen Tweets auf Twitter sogar über Krieg und Frieden auf der Welt entscheidet. Auch bei seiner Wahl zum US-Präsidenten war es gezielte und für die Konkurrenz nicht sichtbare Wahlwerbung auf Facebook, die Donald Trump die entscheidenden Stimmen einbrachte.

Für Fans von "Black Mirror" und Dave Eggers

Denn Facebook, Twitter und Instagram sind Orte, wo Leute sich treffen: Moderne Marktplätze. Es scheinen virtuelle Orte zu sein, aber es sind reale Menschen, die sich hier aufhalten. Nur wo endet das real life, wo beginnt die virtual reality? Was ist echt, was ist fake? Das ist auch die große Frage der neuen Netflix-Serie "The Circle", die sich nicht zufällig nach dem dystopischen Roman von Dave Eggers benannt hat, in dem eine riesige Internetfirma durch permanente Transparenz und Überwachung soziale Kontrolle erlangt.

Auf Netflix ist "The Circle" nun ein Spiel. Eine Show, die an Formate wie "Big Brother" und "Dschungelcamp" erinnert, nur moderner und hipper. So modern, dass sie auch Fans der Science-Fiction-Serie "Black Mirror" gefallen könnte, die mögliche negative Auswirkungen des technischen Fortschritts aufzeigt und in der Folge "Nosedive" bereits von einer Welt erzählte, in der die Menschen sich und ihre Interaktionen gegenseitig bewerten und so über das Leben der anderen bestimmen.

Acht Kandidaten bewerten ihre Profile

Film Still zur Serie "The Circle"
Alle Kandidaten wohnen im selben Haus, aber treffen sich nicht Bildrechte: Netflix

Das Konzept von "The Circle" ist ähnlich: Acht Kandidaten ziehen in ein Haus, jeder in ein eigenes kleines schickes Appartement. Keiner von ihnen kann die anderen sehen, nicht einmal mit ihnen sprechen. Dennoch geht es nun darum, die anderen kennenzulernen, mit ihnen zu kommunizieren und sie dann in regelmäßigen Ratings zu bewerten. Dafür steht das hauseigene soziale Netzwerk "The Circle" zur Verfügung, in dem man ein Profil mit Foto, Lebensmotto und einigen Infos über sich anlegen und mit allen chatten kann – im Einzel- oder Gruppenchat. Damit das für die Zuschauer nicht langweilig wird, tippen die Teilnehmenden ihre Gespräche nicht in ein Handy, sondern sprechen sie in die überall angebrachten Kameras, so dass es durch den Schnitt oft den Eindruck macht, als redeten sie tatsächlich miteinander.

Ziel des Spiels ist es, der oder die Beliebteste zu werden – und 100.000 Dollar zu gewinnen. Also versuchen die Kandidaten, die andern zu beeindrucken, Sympathie aufzubauen, Allianzen zu schmieden und natürlich auch, sie zu täuschen. Das ist die spannende Frage, die sich die Kandidaten zwölf Folgen lang stellen: Wer gibt vor, jemand anderes zu sein? Die Zuschauer wissen natürlich Bescheid und können dadurch so wunderbar lustige Momente miterleben wie das Online-Date eines sich als attraktiven sexy Single-Mann ausgebenden, aber in Wirklichkeit Latzhosen tragenden verheiraten Nerds und eines sich als gutaussehende, sensible Single-Frau ausgebenden Typen, der das Foto seiner Freundin benutzt. Wie beide eher unbeholfen versuchen, den anderen anzubaggern, ist ein großer Spaß.

Reality-TV, aber gut

Die ganze Serie, die auf ein Format des britischen Fernsehsenders Channel 4 zurückgeht, ist so clever und unterhaltsam gestaltet, dass sie mit den Reality-TV-Formaten hierzulande kaum vergleichbar ist. RTL hat dieses Jahr den "Bachelor" mit einem ehemaligen Straftäter besetzt, dem nachgesagt wird, sein Opfer mit einem lebenden Schwan geschlagen und mit einem glühenden Grill übergossen zu haben. Bei Pro Sieben ist gerade erst wieder das unsägliche Format "Germanys Next Topmodel" gestartet, bei dem jungen Frauen wie Ware optimiert werden müssen und dabei gedemütigt werden. Und selbst das "Dschungelcamp", das bereits für den Grimme-Preis nominiert war, hatte dieses Jahr kaum Sympathieträger und war auch jenseits der sowieso ekelhaften Dschungelprüfungen vor allem anstrengend.

Obwohl man auch mit den Kandidaten von "The Circle" nicht viel gemeinsam hat, sind doch alle irgendwie sympathisch. Selbst wenn die Show-Masterin Michelle Buteau ab und mal einen witzigen Spruch über einzelne Macken macht, werden sie nicht bloßgestellt. Und sie wurden sehr divers zusammengestellt – egal ob bei der Hautfarbe oder der sexuellen Ausrichtung.

Fragen zur eigenen Selbstdarstellung

Film Still zur Serie "The Circle"
Kandidatin Karyn Blanco gibt vor, eine hübschere Person zu sein Bildrechte: Netflix

Unterhaltsam ist die Serie also durch die konkurrierenden Kandidaten, wirklich interessant ist sie aber, weil sie zeigt, wie soziale Medien unsere Kommunikation und dadurch auch unser Leben ändern. Mehre Kandidatinnen und Kandidaten stellen sich zum Beispiel als attraktivere Personen da, weil sie sich selbst nicht als schön genug empfinden, um den meisten zu gefallen, und weil sie befürchten, gar nicht erst angesprochen zu werden. Ein Phänomen, das man auch von Instagram kennt. Wie oft lädt man ein Foto nicht hoch, weil man denkt, man sieht nicht gut genug aus? Wie oft versucht man sich so in Szene zu setzen, dass es den anderen hoffentlich gefällt? Oder wie oft gibt man bei Dating-Plattformen schmeichelhafte falsche Angaben an, weil man denkt, darauf stehen die fremden Leute?

Wann ist man "echt"?

Auch in "The Circle" fragen sich alle, welchen Angaben und welcher Person kann ich trauen? Und wie schlimm ist es am Ende wirklich, dass jemand nicht so aussieht, wie gedacht? Waren die Gespräche mit ihm nicht trotzdem echt? Fast jeder betont, es sei sich wichtig, 100 Prozent man selbst zu sein. Aber wann ist man 100 Prozent man selbst? Es gibt Kandidaten, die sich schwören, einander nicht hängen zu lassen, sogar für den anderen zu töten. Und dann ist der Sieg doch wichtiger. Eine Lehre, die die Kandidaten ziehen: Vertraue nicht dem Schein der Selbstdarstellung!

Es geht um die großen Fragen einer Gesellschaft, die zunehmend digital kommuniziert. Und dennoch ist "The Circle" auch einfach nur eine gut gemachte Reality-TV-Show für Menschen aus dem Internet.

Infos zur Serie The Circle
USA, 2020
Reality-TV-Show
12 Folgen, je ca. 50 Minuten
Präsentiert von Michelle Buteau
Mit Chris Sapphire, Seaburn Williams, Sammie Cimarelli, Joey Sasso, Shubham Goel u.a.
Abrufbar auf Netflix

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. Juni 2019 | 18:05 Uhr

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