Boy meets Girl "Normal People": Die beste Serie des Jahres?

Die BBC-Serie "Normal People" erzählt in 12 Episoden á 30 Minuten von einer komplizierten Liebe zwischen den jungen Erwachsenen Marianne und Connell. In Großbritannien und in den USA wird diese Serie von der Kritik überschwänglich gefeiert. Was macht sie denn aus? Warum ist sie als "Boy meets Girl" oder Junge-trifft-Mädchen-Geschichte so besonders? Unser Kritiker hat sich die Serie komplett angeschaut.

Szenenbild ''Normal People' 6 min
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MDR KULTUR: Wer sind die beiden Protagonisten?

Jörg Taszman: Marianne ist ein verhuschtes, sehr scharfzüngiges Mädchen und eigentlich Klassenbeste. Sie ist durchaus hübsch, aber eher unscheinbar, sexuell völlig unerfahren und hat keine Freunde. Sie gilt als Außenseiterin, lässt sich aber verbal nichts gefallen. Connell ist ein gut aussehender, kräftiger junger Mann, der vor allem im lokalen Rugbyteam als Star gilt. Dennoch ist er bescheiden und zurückhaltend. Da seine Mutter als Putzfrau im Hause von Mariannes Mutter arbeitet, lernen sich die beiden jungen Erwachsenen auch außerhalb ihres Gymnasiums kennen. Beide gehen dabei sehr linkisch und unsicher miteinander um.

Die Serie kann man nur im Original mit deutschen Untertiteln sehen. Warum hat man das nicht synchronisiert?

Szenenbild ''Normal People'
Daisy Edgar-Jones in "Normal People" Bildrechte: imago images / Prod.DB

Ich persönlich halte diese Serie für fast unsynchronisierbar. Gerade weil die beiden Protagonisten eine ebenso zarte, wie heftige, komplexe und zunächst auch heimliche Beziehung eingehen und verbal so schwer kommunizieren, mit vielen Pausen und nicht beendeten Sätzen. Bei den beiden herausragenden Darstellern Daisy Edgar-Jones und Paul Mescal stimmt und funktioniert die Chemie. Das lässt sich nicht in wenigen Tagen im Synchronstudio herstellen. Ob das der Grund ist, sei dahingestellt. Es könnte daran liegen, dass man in Deutschland bei dieser Serie nicht an ein breites Publikum glaubt und einfach nur sparen will.  

Warum ist diese Affäre eigentlich so heimlich und welche Rolle spielen dabei die beiden unterschiedlichen, sozialen Milieus?

Connell hat einfach Angst, sein Status in der Schule könnte leiden. Er steht nicht zu Marieanne auch weil er seine sensible, introvertierte Seite nur ihr zeigen kann. Seine Kumpel sind einfach noch dumme, unsensible, unreife Jungs, die über Frauen nur sehr oberflächlich reden und nur Sex ohne Gefühle und Komplikationen wollen. Und es spielt eine große Rolle, dass Marieanne aus einem sehr reichen Milieu stammt und in einer großen Villa wohnt. Sie traut sich auch nicht mit dem Sohn der Putzfrau offen eine Beziehung einzugehen. Beide haben einfach große Ängste und sind in ihren sozialen Klassen gefangen.

Eine Frage bleibt noch: Warum ist "Normal People" so besonders und wie "normal" sind die Protagonisten?

Szenenbild ''Normal People'
Paul Mescal in "Normal People" Bildrechte: imago images / Prod.DB

Es ist so behutsam und subtil inszeniert. Regie führten übrigens der Ire Lenny Abrahamson, der mit "Room" bekannt wurde, und die Britin Hettie Macdonald, eine erfahrene TV-Regisseurin.

Selten sieht man eine erste große Liebe in all ihren Facetten so authentisch und berührend. Dabei verändern sich auch immer die Kräfteverhältnisse. Zunächst ist Marieanne in der High-School die Außenseiterin, nach ihrer ersten Trennung begegnen sich beide auf der Uni wieder und nun ist Marieanne beliebt und Connell mehr im Hintergrund. "Normal People" geht ja über mehrere Jahre und zeigt auch die Veränderungen der beiden. Wie sie zwischen Liebe, Freundschaft, innigem Sex und tiefer Zuneigung, aber auch gegenseitiger Abweisung immer hin- und hergerissen sind. Vor solchen einfachen, aber eben so treffenden Liebesgeschichten drücken sich Kino oder auch Serien meistens. Und gerade die vielen Sexszenen sind ebenso wichtig, wie gut gefilmt und üben auch eine dramaturgische Funktion aus. "Normal People" ist für mich einfach ein Juwel und die bisher beste Serie des Jahres.

Infos zur Serie "Normal People"
Großbritannien 2020

in Deutschland auf "StarzPlay" zu sehen.

Das Gespräch führte Stefan Maelck für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Juli 2020 | 16:10 Uhr