Szene aus The Politician
Bette Midler sollte lieber "Borgen" als "The Politician" anschalten Bildrechte: Netflix

Kolumne Welche ist die beste Politikserie aller Zeiten?

Viele Serien beschreiben spannungsreich die Machenschaften im politischen Betrieb. Doch obwohl die neue Netflix-Produktion "The Politician" einen maßlosen Wahlkampf und das berühmte "House Of Cards" böse Intrigen zeigt, kommt die beste Politikserie aus Dänemark: "Borgen" begleitet den Alltags- und den Machtkampf einer zunächst sehr idealistischen Premierministerin und erklärt verständlich und spannend, wie Politik funktioniert.

Juliane Streich, Autorin für MDR KULTUR
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

von Juliane Streich, MDR KULTUR

Szene aus The Politician
Bette Midler sollte lieber "Borgen" als "The Politician" anschalten Bildrechte: Netflix

Der junge Payton weiß genau, was er will: Präsident der USA werden. Doch erst einmal muss er die Wahl zum Schulsprecher an seiner schicken Rich-Kids-Schule gewinnen – und fährt dafür einiges auf. Er hat eine ausgefeilte Campaign, ein skrupelloses Team, große Auftritte, strategische Hintergrundgespräche, geplante und ungeplante Intrigen und immer ein Auge auf die aktuellen Umfragezahlen. Sprich: Paytons Schulsprecherwahlkampf zeigt die großen Kämpfe der Politik im Kleinen.

Queere Teenies machen Politik

Szene aus The Politician
Payton und sein Wahlkampfteam Bildrechte: Netflix

Der Witz an der Serie "The Politician" ist, dass die Politik hier von Teenagern gemacht wird. Und sie haben, obwohl sie mindestens genauso hart taktieren und intrigieren wie Berufspolitiker, neue Herangehensweisen und neue Prioritäten: War es bis vor kurzem noch ein Problem, wenn sich ein Politiker als homosexuell outete, ist es für Payton fast ein Manko, dass er weiß und offiziell heterosexuell ist – vor allem als seine Konkurrentin eine Vize-Präsidentin ankündigt, die nicht nur lesbisch, sondern schwarz ist. Doch ist Payton wirklich hetero? Hat die kranke Mitschülerin tatsächlich Krebs? Ist seine Konkurrentin entführt worden oder einfach abgehauen? Wer ist falsch und wer ist echt? Das ist hier die Frage.

Parodie oder Highschool-Komödie?

Aber obwohl "The Politician“ gesellschaftlich on top, voller witziger Sprüche und toller Schauspieler ist – unter anderem spielt Gwyneth Palthrow Paytons reiche hingebungsvolle Adoptivmutter  –, obwohl ständig etwas Unerwartetes passiert und sogar die Musik grandios klingt (Sufjan Stevens hat seinen Supersong "Chicago" hergegeben), obwohl die Serie also sehr viel richtig macht, zieht sie einen nicht rein, sie nimmt einen nicht mit. Das liegt vor allem daran, dass sie sich nicht entscheiden kann zwischen einer bissigen Politikparodie mit überzeichneten Charakteren und satirischen Szenarien oder einer Highschool-Komödie, bei der man wirklich mitfühlt.

Ein Ende wie eine Anfang

Bis die Serienmacher am Ende doch eine gelungene Überraschung schaffen: So endet Folge 7 wie ein klassisches Staffelfinale mit allem Drum und Dran, aber in der nächsten, letzten Folge geht es wenige Jahre später weiter – eine klassische Staffelanfangsfolge zum Schluss also. Und diese ist plötzlich mit neuen auftretenden Charakteren (Bette Midler spielt zum Beispiel eine in die Jahre gekommene Politikberaterin) so vielversprechend, dass man die ersten sieben Folgen sofort  vergessen hat und auf die nächste Staffel hofft, in der es – soviel sei ohne Spoiler-Alarm verraten – auch wieder um einen Wahlkampf geht.

Bitterböses "House Of Cards"

Filmszene
Skrupellos: Francis Underwood Bildrechte: IMAGO

Dass Politiker grausam und gemein sein müssen, um an die Macht zu kommen, haben schon vor "The Politician" viele Serien gezeigt, aber wohl keine so clever und bitterböse wie "House Of Cards". Kevin Spacey, der später selbst der sexuellen Belästigung beschuldigt wurde und aus der Serie rausgestrichen wurde, war die Personifizierung der Skrupellosigkeit – faszinierend anzusehen, aber niemand, mit dem man sich identifizieren wollte. Ähnlich seine Frau, die erst im Hintergrund und dann immer offensichtlicher die Fäden spann, aber sich auch nie als sympathische Frau, Typ beste Freundin, präsentierte.

Anständig an der Macht?

Ganz anders bei der dänischen Serie "Borgen", in der ständig Charaktere auftauchen, mit denen man sich identifizieren kann. Allen voran Birgitte Nyborg, die überraschend zur Premierministerin Dänemarks gewählt wird. Im Laufe der drei Staffeln kann man beobachten, wie die anfangs idealistische Frau immer härter wird. Zwar versucht sie, integer zu bleiben, muss aber immer wieder Kompromisse finden. Die große Frage ist: Kann man überhaupt anständig und an der Macht bleiben?

Alltagskampf einer erfolgreichen Frau

Szenenbild aus "Borgen"
Birgitte Nyborg muss sich durchkämpfen Bildrechte: Mike Kollšffel/DR

In jeder Folge von "Borgen" geht es um eine konkrete Frage, die auch in der realen Politik verhandelt wird: Wie kann eine gerechte Sozialreform aussehen? Sollte man Soldaten in Afghanistan unterstützen? Ergibt eine gesetzliche Frauenquote Sinn? Und ein Kopftuchverbot? So schafft es "Borgen" Tagespolitik nachvollziehbar zu erklären, ohne dass es langweilig wird. Ganz im Gegenteil: Durch starke Nebencharaktere von der ehrgeizigen Journalisten bis zum gewieften Politkberater wird es sogar sehr spannend. Nicht nur, was Taktik und Strategie des erfolgreichen Regierens angeht, sondern auch durch private Affären und Probleme. Nyborg ist die erste Frau an der Spitze des Landes. Wie sie ihre Ehe und die Kindererziehung mit der Karriere vereinbart, wie sie kämpft, auch mal scheitert, lacht und weint, zeigt berührend den Alltagskampf einer erfolgreichen Frau.

Nachdem "Borgen" 2010 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, gewann die Serie mehrere internationale Preise. Sie wurde an Fernsehsender in über 70 Ländern verkauft, die "Washington Post" nannte sie "die beste Fernsehserie über Politik aller Zeiten". Und damit hat sie recht. An "Borgen" kommen die amerikanischen Polit-Serien, egal ob sie neu und queer wie "The Politician" oder erprobt spannungsgeladen wie "House Of Cards" sind, nicht heran.

Angaben zu den Serien The Politician
Drama, Comedy, USA 2019
8 Folgen, abrufbar auf Netflix
Von: Ryan Murphy, Brad Falchuk, Ian Brennan
Mit: Ben Platt, Gwyneth Paltrow, Jessica Lange u.a.

House Of Cards
Politthriller, USA 2013–2018
6 Staffeln, abrufbar bei verschiedenen Anbietern
Von: Beau Willimon
Mit: Kevin Spacey, Robin Wright, Michael Kelly u.a.

Borgen – Gefährliche Seilschaften
Drama, Dänemark 2000–2013
3 Staffeln, abrufbar in der Arte-Mediathek bis 15. Dezember
Von: Adam Price
Mit: Sidse Babett Knudsen, Pilou Asbæk, Mikael Birkkjær u.a.

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Dieses Thema im Programm: Das Erste | "Borgen – Gefährliche Seilschaften" | 05. April 2013 | 23:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. November 2019, 16:17 Uhr

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