Zwischen Fridays For Future und AfD-Sympathie Was bedeuten die Ergebnisse der Shell-Jugendstudie?

Die Shell-Jugendstudie zeigt, dass sich immer mehr Jugendliche von der Politik missverstanden, sogar manipuliert fühlen. Die einen aus Angst vor dem Klimawandel, die anderen aus Angst vor Arbeitslosigkeit. Studienleiter Klaus Hurrelmann erklärt die Ergebnisse der Studie.

Teilnehmer der Fridays for Future Demonstration ziehen durch das Regierungsviertel und über die Straߟe des 17. Juni in Berlin.
Die Fridays For Future Bewegung gehört zu den politisch Engagierten ihrer Generation Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Dieses Jahr hat die Studie scheinbar zwei Generationen ausgemacht: Man erkennt sie, kurz gesagt, daran, wovor sie Angst haben. Die einen vor dem Ende der Welt durch die Klimakatastrophe, die anderen vor Ausländern. Diesen Aspekt haben sich auch die meisten Medien aus der Studie heraus gesucht. Wie gespannt sind Sie jedes Jahr, welcher Aspekt Ihrer Studie übrig bleibt?

Klaus Hurrelmann: Dieses Jahr war es ziemlich klar, dass die politische Orientierung und das politische Engagement der jungen Generation besonders aufregend sein würden. Sie haben es schon angedeutet: Wir haben diese ganz bemerkenswerte Gruppe – ein gutes Drittel – von sehr gut gebildeten, sehr engagierten jungen Leuten, die uns zeigt, wie Politik, wie eine moderne Kommunikation von Politik sein kann, wie man auf die Straße geht, wie man die ganze politische Landschaft mit seinem Engagement beeinflussen kann – getrieben durch das Umweltthema. Und am anderen Ende des Spektrums haben wir junge Leute, die unsicher sind, die wirtschaftlich und beruflich sich keineswegs ihren Weg vorstellen können. Da ist eine Anfälligkeit für populistische Themen. Man hat Angst, dass man keinen Arbeitsplatz kriegt, dass man in der Gesellschaft nicht die Sicherheit und Abgesichertheit hat, die man benötigt und so haben wir die Spannbreite. Noch ist das keine Spaltung, aber eine große Spannbreite.

Der gemeinsame Nenner dieser Generation ist die Angst. Was sie trennt, ist das, wovor sie Angst haben?

Der Bielefelder Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann
Studienleiter Klaus Hurrelmann Bildrechte: dpa

Völlig richtig. Aber diese Angst – das muss man ganz laut sagen, wenn man die Studie insgesamt betrachtet – liegt auf einem verhältnismäßig hohen Niveau. Die jungen Leute sind sehr optimistisch, was die Zukunft angeht. Sie erwarten sich Positives. Die ganze Angstvorstellung, das Anzeigen von Sorgen und Nöten kommt auf einem hohen Wohlstandsniveau und zum Glück auf einem Level, wo die jungen Leute sagen, wir sind eigentlich sehr zufrieden mit der Demokratie – die Werte sind gestiegen –, wir fühlen uns in dieser Gesellschaft wohl und wir glauben, sie nimmt eine gute Entwicklung. Das vorausgesetzt, kommt genau die Kritik: einmal von den politischen sehr engagierten an fehlenden Entscheidungen zum Klimaschutz, und von den anderen an fehlenden Entscheidungen zur Absicherung ihrer Bildung und beruflichen Einbindung.

Gemeinsam hat die Generation ein Misstrauen den Institutionen gegenüber?

Ja, das ist so. Die verfasste Politik, so wie sie von den Parteien und der Regierung betrieben wird, und da sind sich diese beiden unterschiedlich akzentuierenden Gruppen der Jugendlichen einig, erscheint ihnen zu bürokratisch, zu undurchsichtig, sie sind sich nicht sicher, ob die Politikerinnen und die Politiker ihnen immer die Wahrheit sagen. Sie glauben, dass sich die Politiker nicht genug um ihre Themen kümmern. Das ist eine grundsätzliche Unzufriedenheit und hier sehen wir auch ein echtes Problem: Die jungen Leute sind zur Zeit nicht für ein Engagement in den politischen Parteien zu gewinnen. Unser ganzes politisches System ist aber so aufgebaut, dass Bürgerinnen und Bürger in den Parteien mitmachen. Die engagierten politischen jungen Leute machen eine Bewegung neben den Parteien her. Die Parteien profitieren davon vielleicht ein bisschen bei den Wahlen. Das sind die Grünen und die AfD insbesondere durch die Ausrichtung der jungen Leute. Aber Mitglied werden ist etwas Zweites. Da haben wir eine echte schwierige Aufgabe vor uns. Und vor allem die Parteien müssen sich dringend bewegen, wenn diese Kluft nicht immer größer werden soll.

Die Shell-Jugendstudie Für die Shell-Jugendstudie werden seit 1953 alle drei bis fünf Jahre junge Menschen zu ihren Einstellungen befragt. An der aktuellen Umfrage nahmen 2.572 Jugendliche im Alter von zwölf bis 25 Jahre teil.

Das Gespräch führte Moderator Carsten Tesch für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Oktober 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Oktober 2019, 17:54 Uhr

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