Sybille Berg, 2015
Sibylle Berg wurde in Weimar geboren, verließ die DDR 1984 und hat seit 2012 die Schweizer Staatsbürgerschaft Bildrechte: dpa

"GRM Brainfuck" So düster hat Sibylle Berg noch nie geschrieben

1997 veröffentlichte Sibylle Berg ihr Debüt "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot", ein düsteres Buch, voller Hass und Verzweiflung, aber auch voll von feinem Humor. Das Buch war ein Überraschungserfolg und verkaufte sich über 100.000 Mal. Nun legt sie mit "GRM Brainfuck" einen Roman vor, der an Dunkelheit kaum zu überbieten ist, voller Tristesse, Depression und Gewalt. Stefan Maelck hat das Buch gelesen und empfiehlt, beim Lesen die Notruf-Hotline parat zu haben.

Sybille Berg, 2015
Sibylle Berg wurde in Weimar geboren, verließ die DDR 1984 und hat seit 2012 die Schweizer Staatsbürgerschaft Bildrechte: dpa

Wenn Sie noch im Stimmungstief sind von Michel Houellebecqs "Serotonin" oder auch nur leicht angeschlagen vom diesjährigen Leipzig-Buchpreis-Roman "Schäfchen im Trockenen" von Anke Stelling, dann aufgepasst – hier kommt der Roman, der diese Lektüre wie wunderbare heile Welt aussehen lassen wird. Sie können sich mit Sibylle Bergs Dystopie "GRM Brainfuck" alles als düster Empfundene wieder hell und schön lesen, denn die Welt als Kampfzone haben die vier Protagonisten in diesem Roman nicht hinter sich gelassen, sondern nie erlebt.

Musik als Anker

Sybille Berg: GRM. Brainfuck
Cover des Buches "GRM Brainfuck" Bildrechte: Kiepenheuer&Witsch

Vier Kinder – Don, Hannah, Peter und Karen – wachsen in Rochdale auf, einem völlig verwahrlosten Kaff in der Nähe von Manchester. Keiner hier hatte eine Zahnspange oder gute Zähne. Viele hatten überhaupt keine Zähne. Die vier sind Freaks: Karen Albino, Peter hochintelligenter Autist, Hannah behütet weltfremd, und Don hat ADHS.

Aber diese Kids haben Grime, einen Ableger aus schmutzigem Hip Hop und 2 Step. Grime ist die Schwester des Dubstep und ein Bastard, wie die Kinder selbst Bastarde sind. Wiley und Dizzee Rascal sind die Hauptvertreter dieser Musikrichtung, die im Londoner Eastend entstand. Grime klingt roh, düster, aggressiv – genauso wie Sibylle Bergs neuer Roman – aber auch irgendwo voller Hoffnung, wenn man bereit ist, sich durch den Müll zu wühlen. Und zu lesen.

Sehnsuchtsort London

Die vier Kids versuchen ihre Wut zu kanalisieren. Die Eltern sind entweder süchtig oder tot oder irgendwo dazwischen. Also auf nach London, wo auch Grime herkommt und wo es noch Parks gibt und einen Fluss. Und ein bedingungsloses Grundeinkommen. Die Ernüchterung kommt schnell. 

Sie wussten nur, dass es für sie angezeigt war unterzutauchen, wenn sie nicht in Pflegeeinrichtungen verbracht werden wollten. Sie wussten, dass sie als Kinder keine Menschenrechte hatten. Wussten, dass auch Erwachsene keine Menschenrechte hatten und dass die Idee, sich wie ein Haustier einen Chip unter die Haut schieben zu lassen, befremdlich war.

Aus "GRM Brainfuck" von Sibylle Berg

Wie hält man das aus, sowas zu schreiben, möchte man die Autorin fragen, wo man schon das Lesen kaum aushält. 550 Seiten Tristesse und Depression, Gestank und Gewalt, GRM und Crime. Gegen "GRM Brainfuck" ist alles andere von Sibylle Berg ja der reinste Kindergeburtstag. Das Buch sollte mit Strick, Schusswaffe oder Schlaftabletten ausgeliefert werden, am besten mit allen drei Extras zusammen. Oder mit Notruf-Hotline. Ganz einfach, um auf Nummer Sicher zu gehen!

Angaben zum Buch Sibylle Berg: "GRM Brainfuck"
550 Seiten, 24 Euro
ISBN 978-3-462-05143-8
Kiepenheuer & Witsch

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch der Woche | 09. April 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. April 2019, 08:01 Uhr

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