Bassist Sid Vicious (Sex Pistols)
Sid Vicious wurde nur 21 Jahre alt. Bildrechte: imago/LFI

Punk-Ikone Sid Vicious – der Musikstar, der sein Instrument nicht spielen konnte

Er war eine Inkarnation des Punk: John Simon Ritchie besser bekannt als "Sid Vicious", der Bassist der Sex Pistols. Obwohl er nicht wirklich Bass spielen konnte, wurde er, passend zum anarchischen Punk-Gedanken, in die Band aufgenommen. Am 2. Februar 1979 starb Vicious an einer Überdosis Heroin. Dramatisches Ende einer kurzen Punk-Karriere – und auch die Eintrittskarte in die Liga der unsterblichen Musikikonen.

von Sven Hecker, MDR KULTUR

Bassist Sid Vicious (Sex Pistols)
Sid Vicious wurde nur 21 Jahre alt. Bildrechte: imago/LFI

Die "Sex Pistols" kommen mit ihrer im November 1977 veröffentlichten ersten LP auf Platz 1 der britischen Charts. Trotz Radioboykotts. Textzeilen wie "Gott schütze die Königin. Ihr faschistisches Regime hat sie zum Schwachkopf gemacht, zur Wasserstoffbombe. Es gibt keine Zukunft in Englands Traum." treiben treuen Monarchisten mindestens Schweißperlen auf die Stirn.

Bassist Sid Vicious (Sex Pistols) steht neben Freundin Nancy Spungen.
Sid Vicious neben seiner Freundin Nancy Spungen, die im Herbst 1978 tot neben ihm aufgefunden wird. Bildrechte: imago/LFI

Die traditionelle Musikpresse ist – in Zeiten von ABBA und Breitwand-Rock – so verblüfft wie fasziniert. Die alterwürdige "New York Times" erhebt die Band gar zum "... Symbol der rastlosen Energie jugendlicher Subkultur, die die industrialisierte bourgeoise Gesellschaft als heuchlerisch, selbstsüchtig und abgeschlafft verachtet."

Bassist der "Sex Pistols" zu dieser Zeit ist Sid Vicious. Allerdings nur pro forma. Die "Pistols" sind allesamt musikalisch eher weniger begnadete Anfänger. Sid Vicious allerdings ist am Bass ein aussichtsloser Fall. Zur Band gehört er auch aus einem ganz anderen Grund. In Haltung und Habitus, mit Haut und Haar ist Vicious der personifizierte Punk: Anarchie, Selbstzerstörung als Haltung gegen die bürgerliche Gesellschaft.

So erinnert sich Wolli Diese, deutscher Sex-Pistols-Fan der ersten Stunde: "Sid Vicious war irgendwie der Typ, Oberlippe hoch, wir fanden ihn einfach super schnoddrig. Gut assi. Wir hatten auch mal 'ne Party, Ende '77 im Vollrausch erstmal alle die Haare geschnitten, um auch so 'ne Frisur zu kriegen, wie Sid Vicous. Der war schon sehr abgefahren als Figur, allein schon vom Aussehen her. So dünne. Große Fresse immer."

Sex Pistols auf Tournee in Memphis, Tennessee 1978
Die "Sex Pistols" bei ihrer USA-Tournee 1978, links, groß im Bild Sid Vicious Bildrechte: imago images / ZUMA Press

Fotografiestudium hingeschmissen

Als John Simon Ritchie wird Sid Vicious 1957 in London geboren. Er hat eine vaterlose, unstete Jugend an der Seite der drogenabhängigen Mutter. Mitte der 70er-Jahre versuchte er ein Fotografiestudium, das er allerdings nach zwei Semestern hinschmeißt. Fortan widmet sich Sid dem Punk, der gerade die ersten, gewollt hässlichen Blüten treibt.

Die "Sex Pistols", 1975 gegründet, gelten als Punk-Avantgardisten. Sie haben sich, begleitet von Radio-Boykotten und TV-Skandalen, schon einen veritablen Ruf als Krawallband erspielt, erprügelt und errüpelt. Da wird im Februar 1977 die Position des Bassisten frei. Sid, gerade 19, steigt ein.

Sid war nur ein Kleiderständer, der auf die Bühne gestellt wurde, um eine Lücke zu füllen.

Johnny Rotten, Sänger der "Sex Pistols"
Die britische Punkrockband Sex Pistols bei ihrem Debut in der amerikanischen Stadt New York am 05.01.1978
Sid Vicous (l.) bei einem Auftritt mit den "Sex Pistols" Bildrechte: dpa

Irokesenhaarkamm in Schockfarben, Nietengürtel, dicke Ketten, zerfetzte Klamotten – das alles illustriert, aufs prächtigste provozierend, auch die Musik des Punk: Trash, Müll, gegen Schönheitswahn und den allgegenwärtigen, spießigen Fortschritt. Die Punk-Parole heißt "No future" – "Keine Zukunft". Und Aushängeschild Sid arbeitet eifrig daran, dies Realität werden zu lassen, sobald wie möglich.

Dramatisches Ende

Eigentlich wird Sid privat als ruhig, sensibel, durchaus intelligent und humorvoll beschrieben, ganz anders als es Pose und Pseudonym suggerieren: "vicious" steht für teuflisch.  Doch immer öfter versinkt er gemeinsam mit Freundin Nancy in wüsten Drogenexzessen.

Im Herbst 1978 wird Nancy im berühmt-berüchtigten New Yorker Chelsea-Hotel tot aufgefunden, offenbar erstochen. Die Polizei nimmt zunächst den tatverdächtigen Sid fest, lässt ihn dann gegen Kaution wieder frei.

Wenige Wochen später, am 2. Februar 1979, stirbt er selbst, an einer Überdosis Heroin. Die genauen Umstände bleiben umstritten. Klar aber ist: Das programmierte, frühe Ende sichert – bittere Ironie der Geschichte – seine Zukunft. Sid Vicious wird so endgültig zur Ikone des Punk.

Ein Mann sitzt auf der Rückbank eines Autos. Links und rechts steht jeweils ein Mann an den hinteren Türen.
Sid Vicous bei seiner Verhaftung 1978 Bildrechte: imago/ZUMA Press

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kalenderblatt | 02. Februar 2019 | 06:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Februar 2019, 04:00 Uhr

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