"Die Erdorgel oder Wunderbare abgründige Welt" "Zeit der Störche"-Regisseur Siegfried Kühn veröffentlicht autobiografisches Buch

Siegfried Kühn gilt als einer der eigenwilligsten DEFA-Regisseure, der sich mit Filmen wie "Zeit der Störche", "Das zweite Leben des Friedrich Wilhelm Georg Platow" oder "Die Schauspielerin" in die Filmgeschichte einschrieb. In diesem Jahr legt er mit dem Buch "Die Erdorgel oder Wunderbare abgründige Welt" eine autobiografische und zugleich fantasiegeladene Collage vor, in der er zwischen realer und erfundener Welt mäandert. Friedrich heißt sein Alter Ego in diesem Roman und ist kein Mann von Traurigkeit: ein Schürzenjäger und auch ein bestechlicher Zeitgenosse. Um an einem Filmfestival teilnehmen zu können, unterschreibt er eine Petition, die Biermann als Konterrevolutionär abstempelt. Wieviel Siegfried Kühn in diesem Friedrich steckt, lässt er offen.

von Lutz Pehnert, MDR KULTUR

Ein älterer Mann mit längeren weißen Haaren und Brille schaut lachend in die Kamera.
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artour Do 30.08.2018 22:05Uhr 06:05 min

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In Siegfried Kühns Buch wird der Bergbau zum Gleichnis einer Entdeckungsreise in die eigene Tiefe. Das Buch hat er seiner Großmutter gewidmet. Unter ihrem Schutz verbrachte er die Kindheit in Schlesien und mit ihr flüchtete er 1945 nach Westberlin: zu seiner Mutter, die ihn einst mit Nadeln aus ihrem Bauch vertreiben wollte. Bei Mutter und Stiefvater hielt er es nicht lange aus. Er fand auch keine Lehrstelle. Da hieß es: Geh doch in den Osten, da nehmen sie jeden. Also machte er sich mit 15 auf nach Eisleben, wurde Bergwerkslehrling und liebte es, sich mit 60 anderen in einem Schlafsaal Kissenschlachten zu liefern.

Siegfried Kühn, Regisseur und Autor
Siegfried Kühn, Regisseur und Autor Bildrechte: privat

Er mochte die geheimnisvolle Welt unter Tage, entdeckte dort auch die Erdorgel, einen kesselförmigen Hohlraum, der durch Verwitterung entsteht. Und als DEFA-Regisseur Kurt Maetzig seinen "Ernst Thälmann" am Schacht drehte und 1.000 Komparsen in Bewegung setzte, war Friedrich fasziniert. Vielleicht war das mit ein Grund, zum Film zu gehen. Oder die Enge in der Provinz? Oder aber die Dunkelheit, die Bergwerk und Film verbindet. "Erst wenn das Licht angeht, beginnt das Leben."

Wer nicht am Abgrund steht, dem wachsen keine Flügel.

Siegfried Kühn, Regisseur und Autor

In Kühns Filmen gab es oft kauzige, komische, unangenehme Typen. Helden wider Willen oder weil sie nicht anders können. "Alle meine Protagonisten stehen vor diesem Abgrund oder an dem Punkt, wo sie sagen: Jetzt reicht‘s! Entweder sie können nicht weiter oder es geht einfach nicht weiter. Und haben dann den Mut zu etwas ganz Anderem und  Neuem, auch wenn es nicht immer gelingt", sagt Siegfried Kühn. Wie leben gelingt - darüber hat er nun ein Buch geschrieben. Keine Autobiografie, sondern einen Roman über die "abgründig schöne Welt".

Die eigene Vergangenheit als Fiktion erzählt

Von dem amerikanischen Autor Dennis Johnson stammt der Satz "Vergangenheit ist größtenteils Fiktion". Siegfried Kühn verwandelt sich in sein Alter Ego Friedrich: ein ungewolltes Kind, das seine Mutter vergeblich mit langen Nadeln wegzuritzen versuchte. Er wächst in Ölschen bei seiner Großmutter auf. Wie schon in seinem Film "Kindheit" erzählt Kühn auch in seinem Roman von dieser Frau, ihrer Güte und ihrer waghalsigen Liebe zu einem Zirkuswanderer. Kühn erinnert sich an das Leben, wie es war und erfindet zugleich, wie es gewesen sein könnte.

Die Geschichten, die ich geschrieben habe, die sind zwar der Wirklichkeit entnommen, aber ich habe die Wirklichkeit immer neu erfunden. Nicht eine Szene ist so aufgeschrieben, wie sie sich abgespielt hat.

Siegfried Kühn, Regisseur und Autor
Katharina Thalbach in: Die Lügnerin
Katharina Thalbach und Vadim Glowna im Film "Die Lügnerin" (1992), Regie: Siegfried Kühn Bildrechte: dpa

Mit 15 bricht er auf ins thüringische Eisleben, wird Bergwerkslehrling, fährt ein in die geheimnisvolle Welt unter Tage. In Kühns Roman wird der Bergbau zum Gleichnis einer Entdeckungsreise in die eigene Tiefe und in die Abgründe der Menschen. Kein Arbeiter-Kitsch entspinnt sich da rund um die "Erdorgel", einen kesselförmigen Hohlraum in der Unterwelt. Was Kühn erinnert und erfindet, ist beeindruckend realitätsgenau und phantasiegeladen zugleich. Der nächste mystische Ort seines Lebens wird das Kino. "Film ist unwirklicher Raum und Filmkunst Bergbau" behauptet Friedrich im Roman.

"Zeit der Störche" - Kühns erster Kino-Erfolg

Mit Winfried Glatzeder in seiner ersten Filmrolle gelingt Siegfried Kühn 1971 mit "Zeit der Störche" ein erster Kino-Erfolg. Es ist die Liebesgeschichte zwischen einer Lehrerin und einem Ölbohr-Arbeiter. Im DDR-Filmgeschäft blieb Siegfried Kühn ein Außenseiter. Seinen Roman-Regisseur zeichnet er als zwiespältige Figur. Um an einem Filmfestival teilnehmen zu können, unterschreibt er eine Petition gegen den angeblichen Konterrevolutionär Biermann. Er geht mit Erich Honecker in die Sauna, um einem Freund aus dem Knast zu helfen. Zwölf Filme hat Siegfried Kühn in 20 Jahren gedreht.

Diese Jahre bei der DEFA, die waren phantastisch. Natürlich gab es große Einschränkungen, das wissen wir, einige Filme wurden abgeblockt, das gehörte dazu. Aber im Wesentlichen konnte ich mich dort verwirklichen mit dem, was ich gemacht habe.

Siegfried Kühn, Regisseur und Autor
Siegfried Kühn: Die Erdorgel oder Wunderbare abgründige Welt (Buch)
Siegfried Kühn: Die Erdorgel oder Wunderbare abgründige Welt (Buch) Bildrechte: Eulenspiegel Verlag

Der Zusammenbruch der DEFA bedeute auch das Ende seiner Regiearbeit. Ein Drama war es für ihn nicht. Im Gegenteil - wieder ein Neuanfang. "Ich wollte etwas machen, was ich noch nicht konnte und was noch schwieriger war als Filme zu machen. Und das war für mich das Schreiben. Und dann habe ich damit angefangen. Diese Lehrzeit hat unendlich lange gedauert, zehn Jahre mindestens, Hunderte Seiten, Tausende Seiten, alle weg, nichts, nichts, nichts. Wie sagt man, na ja: Versuche."

Seit zehn Jahren wohnt Siegfried Kühn in einem ehemaligen Herrenhaus in Groß Jehser nah am Spreewald. Er hat das denkmalgeschützte Gebäude saniert und in einen Kultursalon verwandelt - mit Lesungen, Konzerten, Filmvorführungen. Hier hat er sein wunderbar abgründiges Buch geschrieben. Und bereits ein neues begonnen. Am 9. September, dem Tag des offenen Denkmals, kann man ihn dort besuchen.

Angaben zum Buch: "Die Erdorgel oder Wunderbare abgründige Welt" von Siegfried Kühn, erschienen im Verlag Neues Leben. Gebunden mit Schutzumschlag, 224 Seiten, 20 Euro. ISBN 978-3-355-01870-8

Lesung am 9. Oktober 2018 im Städtischen Theater Chemnitz

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 30. August 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. August 2018, 04:00 Uhr

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