Zwei Männer
Aus der Inszenierung "Siegfried" | Schauspieler: Felix Axel Preißler und Felix Römer | Regie: Philipp Preuss | Bühne & Kostüm: Ramallah Aubrecht Bildrechte: Bayreuther Festspiele / Konrad Fersterer

Bayreuther Festspiele Feridun Zaimoglus "Siegfried" – ein Stück über den einzigen Sohn von Richard Wagner

Es ist die erste Uraufführung eines Schauspielstücks bei den Bayreuther Festspielen 2019: "Siegfried". Das Stück handelt vom Leben Siegfried Wagners, dem einzigen Sohn von Richard Wagner. Und so wird Siegfried als die zerrissene Figur gezeigt, die er war: Mit einem übermächtigen Vater, einem belastenden Erbe und seiner Homosexualität, die er verstecken musste. Den poetischen Text dazu schrieb Feridun Zaimoglu mit dem Co-Autor Günter Senkel. MDR KULTUR-Theaterredakteur Stefan Petraschewsky hat die Uraufführung gesehen und ist begeistert: "Erste Bundesliga, was da ästhetisch und schauspielerisch abgeht."

Zwei Männer
Aus der Inszenierung "Siegfried" | Schauspieler: Felix Axel Preißler und Felix Römer | Regie: Philipp Preuss | Bühne & Kostüm: Ramallah Aubrecht Bildrechte: Bayreuther Festspiele / Konrad Fersterer

Am 13. August wurde "Siegfried" in Bayreuth das zweite Mal uraufgeführt - wie geht das?

Der erste "Siegfried", die Oper aus dem "Ring"-Zyklus, wurde 1876 in Bayreuth uraufgeführt. Der "Siegfried" von gestern ist die erste Uraufführung eines Schauspielstücks bei den Bayreuther Festspielen. Da ging es aber nicht um alte Germanen, sondern um Siegfried Wagner, den einzigen Sohn Richard Wagners. Dessen Biografie auf die Bühne zu bringen, gab es einen Anlass: sein 150. Geburtstag, also 1869 wurde er geboren. Er hat eine interessante Biografie, und die brachte der Stückautor Feridun Zaimoglu gestern auf den Nenner. Beide, Vater Richard und Sohn Siegfried, waren Komponisten, Festspielleiter, Künstler - aber Richard hatte keinen berühmten Vater. Den hatte nur Siegfried und damit ein schweres Erbe anzutreten.

Feridun Zaimoglu hat mit seinem Koautor Günter Senkel einen "Monolog" geschrieben. Was ist das für ein Stück geworden?

Mann steht vor überlebensgroßem Gesicht
Szene aus der Inszenierung "Siegfried" Bildrechte: Bayreuther Festspiele / Konrad Fersterer

Das ist ein poetischer Text, fast lyrisch, mit vielen Bildern, mit neuen Bildern jenseits der Klischees. Es ist ein offener Text, der eigene Interpretationen zulässt, ein Text, den der Zuschauer mit eigenen Erlebnissen vervollständigen muss. Da wird zum Beispiel ein Ausflug in den Wald zu den Wilden erinnert und unterm Wasserfall gebadet, im tiefen Wasser geschwommen. Am Ende ist das "Ich" glücklich, verwandelt, ein anderer. Man kann sich fragen: Ist dieser Ausflug jetzt auf ein ComingOut bezogen, auf die Homosexualität Siegfrieds, oder auf den großen Wunsch, aus dem sehr, sehr deutschen Festspielbetrieb rauszukommen oder ist es eine Erinnerung an den 1. Akt im "Tannhäuser": die Venusgrotte? Es gibt eine Offenheit in der Struktur, die diesen Siegfried erschafft, die mich auch sehr an eine Figur aus einem Thomas Mann-Roman erinnert. Kollagenhaft Dinge zueinander und gegeneinander zustellen und eben nicht biografische Details aneinanderzureihen, das ist hier wirklich eine Qualität.

Gäbe es meinen Zwilling, dessen Doppelgänger ich wäre, ginge es leichter. Er würde richten, was ich zerstampfe. Ich würde glätten, was er aufraute. Was rede ich da?

Aus dem Monolog "Siegfried" von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel

Vielleicht brauchen wir jetzt aber doch eine kurze Einordnung: Wer war Siegfried Wagner?

Mann mit großem Kragen
Szene aus der Inszenierung "Siegfried" Bildrechte: Bayreuther Festspiele / Konrad Fersterer

Siegfried wurde auch "Meistersohn" genannt, er trug also die schwere Bürde einerseits und hatte aber andrerseits ein mäßiges Talent. Siegfrieds Mutter Cosima war nach dem Tod Richard Wagners auch sehr ins - sozusagen - Deutsch-National-Sozialistische abgedriftet, die Villa Wahnfried wurde da wirklich ein Zentrum für diese Ideologie. Siegfried war homosexuell, und das war strafbar und passte auch nicht in die deutsch-nationale Ideologie.
Bis Ende 40 blieb Siegfried kinderlos: Ein Riesenproblem, denn nur über seine Nachkommen konnte die Wagner-Festspiel-Dynastie weiter funktionieren. Er bekam dann eine sehr viel jüngere Frau vorgesetzt. Vier Kinder sorgten dafür, dass das mit der Homosexualität quasi wiederlegt werden konnte. Und Siegfrieds Frau war eine enge Freundin Adolf Hitlers und zwar schon ab 1923. 1930 starb Siegfried an einem Herzinfarkt bei der Probenarbeit zum "Tannhäuser".

Das Stück wird nicht im Bayreuther Festspielhaus gespielt, sondern im Reichshof. Was ist das für ein Raum?

Reichshof Bayreuth
Reichshof Bayreuth Bildrechte: Stefan Petraschewsky

Ein ehemaliges Kino aus den 20er-Jahren, mit Patina, ein bisschen vergleichbar mit dem UT Connewitz oder der Schaubühne Lindenfels in Leipzig. Es ist ein purer Raum, ohne Leinwand, mit kleiner Bühne und ohne zusätzliches Bühnenbild. Der Bühnenboden ist mit brauner Erde bedeckt, oben ein Neonlichtkreis: ein Heiligenschein. Immer wieder werden Videos auf Bühne und Schauspieler projiziert. Aus realen Menschen werden Projektionen, Geister der Vergangenheit tauchen auf. Das Ganze sieht oft aus wie in der kriegszerstörten Villa Wahnfried. Man ist also immer in einem Kino, in einer Welt der Bilder, im Grunde in einer Erinnerungswelt. Regisseur Philipp Preuss setzt gegen diesen Text sehr prägnante Bilder ein. Das ist wirklich erste Bundesliga, was da ästhetisch und schauspielerisch abgeht.

Wie funktioniert es, dass Siegfried von zwei Schauspielern gespielt wird?

Das ist der große Trick, der auch sehr gut funktioniert. Die beiden sind ständig auf der Bühne und im Dialog. Auch das eine sehr gute Entscheidung, diesen Text hier zu teilen. Schon bei dem Wort Vater, das die beiden nur gemeinsam über die Lippen kriegen: "Sag du mal V, und ich dann ater". Also schon das "V-ater" ist eine super Idee. Regisseur Philipp Preuss und Schauspieler Felix Axel Preißler sind übrigens beide sind am Schauspiel Leipzig zu Hause.

Also ein sehenswerter Abend. Kann man das so sagen?

Es gibt einen kleinen Wehrmutstropfen. Der tolle Text, der Kinoraum, der Sound, das Licht, alles großartig und konsequent: Am Ende sieht man "Siegfried" als irrlichternde, zerrissene Figur, hochästhetisch umgesetzt. In diesem Sog fehlte mir persönlich ein-, zweimal ein klarer Bruch: Rein in die Wirklichkeit. Denn da ist Siegfried eben nicht nur Opfer, sondern auch Täter. Das hat mir hier gefehlt.

Das Gespräch mit Theaterredakteur Stefan Petraschewsky führte Ben Hänchen für MDR KULTUR.

Weitere Vorstellungen: Am 19. und 21. August im Reichshof Bayreuth

Mann mit geflügeltem Helm vor Feuer auf Bühne
Aus der Inszenierung "Siegfried" | Schauspieler: Felix Axel Preißler und Felix Römer | Regie: Philipp Preuss | Bühne & Kostüm: Ramallah Aubrecht Bildrechte: Bayreuther Festspiele / Konrad Fersterer

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. August 2019 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. August 2019, 17:10 Uhr

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