Sachbuch "Goethe und Carl August“: Sigrid Damm über Dichter und Dienstherr

Der Verkaufsschlager auf dem Buchmarkt des Jahres 1999 hieß "Christiane und Goethe" und stammte aus der Feder von Sigrid Damm. Die Tatsache, dass sich der Band monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste behauptete, spricht für sich. Die Autorin löste damit die 2006 verstorbene Carola Stern als erfolgreichste deutsche Biografin ab. Mittlerweile gilt die renommierte Germanistin hierzulande als eine der führenden Goethe-Expertinnen. In ihrem jüngsten Buch "Goethe und Carl August" widmet sie sich erneut dem Genius der Weimarer Klassik. Ihr Augenmerk gilt dieses Mal der Beziehung des Dichters zu seinem Dienstherren.

Sigrid Damm: Goethe und Carl August. Wechselfälle einer Freundschaft. Auf dem Buchumschlag ist ein Portrait von Goethe zu sehen.
Das Verhältnis von Goethe zu seinem Gönner war zwiespältig. Bildrechte: Suhrkamp / Insel Verlag

"Wechselfälle einer Freundschaft" nennt Sigrid Damm ihre Abhandlung über den Thüringer Fürsten Carl August und seinen Minister Johann Wolfgang von Goethe. Mit diesem klugen Untertitel trifft sie den Nagel auf den Kopf, denn kaum eine Beziehung des Schriftstellers verlief schwieriger und disharmonischer als die zu seinem Dienstherren und Mäzen. Die Kompliziertheit schlägt sich bereits in jener dramatischen Szene nieder, mit der Sigrid Damm ihr Buch "Goethe und Carl August" einleitet. Am 15. Juni 1828 speiste Goethe üppig mit Gästen in seinem Haus am Weimarer Frauenplan. Aber das Essen endete jäh durch eine bittere Botschaft.

Auszug aus "Goethe und Carl August"

Überraschend wird Sohn August von einem Diener in einer äußerst dringlichen Angelegenheit hinausgerufen. Draußen erwartet ihn ein Vertreter der Regierung, es ist Kanzler von Müller. Kaum der Rede mächtig, überbringt er die Nachricht, der Großherzog Carl August sei tot. Am Abend zuvor sei er, sich auf der Rückreise von Berlin nach Weimar befindend, auf Schloß Graditz bei Torgau verstorben. In Goethes Tagebuch daraufhin der lapidare und seltsame Eintrag: Die Nachricht vom Tode des Herzogs störte das Fest.

Carl Augusts Tod warf Goethe aus der Bahn

Herzog Karl August und Goethe
Diese Darstellung von Herzog Carl August und Goethe geht auf das Jahr 1885 zurück. Bildrechte: imago images / United Archives

Goethe war zu diesem Zeitpunkt 79 Jahre alt und bereitete sich darauf vor, sein gigantisches Werk für die Nachwelt zu ordnen. Doch obwohl sich das Verhältnis zu seinem Arbeitgeber stets außerordentlich zwiespältig gestaltete, warf ihn das Hinscheiden Carl Augusts total aus der Bahn. Sigrid Damm berichtet über die tiefe Verstörung des Dichters in Anbetracht des herben Verlustes. Um die innere Balance halbwegs zu wahren, floh er aus Weimar und reiste zu den Dornburger Schlössern, wo er viele glückliche Momente mit Carl August verlebt hatte.

Auszug aus "Goethe und Carl August"

Schon nach der ersten Nacht verspürt er Linderung. Man könnte vom Beginn seiner Selbstheilung sprechen. Aus der Bergstube, deren Fenster sowohl nach der Südseite als auch nach der Westseite gehen, hat er einen phantastischen Blick in die Landschaft. Was in Dornburg auf ihn einwirkt, läßt ihn die Öde, die schwere Müdigkeit in den Gliedern vergessen, physisch kommt er ins Gleichgewicht. Bereits in den ersten Tagen heißt es, Dornburg, der Ort seiner Zuflucht, habe die Anmut eines wahrhaften Lustortes. Und er gebe das Gefühl, daß eigentlich "keine Trauer in der Welt seyn sollte".

Friedrich Schiller als Rivale

Minutiös sondiert Sigrid Damm die heiklen Themen, an denen sich Goethe und Carl August aufrieben. Goethe fühlte sich vom Militärfimmel Carl Augusts genervt, seinerseits provozierte er den Landesherren durch eine enge Bindung zu Friedrich Schiller, den Carl August als Rivalen in Sachen Freundschaft einstufte. Auch bezüglich des Tyrannen Napoleon, der Goethe 1808 in Erfurt mit einem Orden dekorierte, klafften die Meinungen der beiden heftig auseinander. Es mangelte also nicht an Sprengstoff in diesem Arrangement zweier extrem unterschiedlicher Charaktere, die sich trotz tiefer Konflikte immer wieder zusammenrauften, da einer den anderen brauchte, ohne es freilich offiziell einzuräumen.

Auszug aus "Goethe und Carl August"

Carl August weiß: Goethe hängt an der Macht. Das Ansehen, das er durch seine amtliche Tätigkeit innerhalb des Hofes und weit darüber hinaus in der Gesellschaft gewinnt, spielt – bei aller Arbeitslast – für ihn eine große, nicht zu unterschätzende Rolle. Sie gewährt ihm Einfluß, ermöglicht und befördert ihm weit über das Herzogtum hinaus zahlreiche persönliche und fachliche Verbindungen. Und für den Regenten selbst ist es eine Prestigefrage, einen so berühmten Dichter in seinen Diensten zu haben, es erhöht sein Renommee, insbesondere nach außen hin.

Goethe versus Carl August?

Sigrid Damm
Sigrid Damm gilt als eine der führenden Goethe-Expertinnen in Deutschland. Bildrechte: IMAGO

Es herrscht immense psychologische Spannung in den Schilderungen von Sigrid Damm. Streckenweise ähnelt ihr Opus einem packenden historischen Roman, nur dass eben das Geschehen keineswegs fiktional ist, sondern komplett auf Tatsachen beruht. Immer wieder mutet es so an, als trieben Goethe und sein Gönner miteinander ein kniffliges Spiel, bei dem es an einem echten Gewinner fehlt.

Auszug aus "Goethe und Carl August"

Die merkwürdige Ungleichheit im Ton ihrer Briefe. Carl August heiter, humorvoll. Goethe dagegen zieht sich auf die steife, die höfische Etikette zurück, unterstreicht die Distanz; er ist der Diener, der Untergebene. Haben sich die Dinge nicht längst verkehrt? Goethe, der Berühmte, von den gekrönten Häuptern Hofierte, ist nicht er der eigentlich Herrschende? Will er das vielleicht verwischen, ist es diplomatische Rücksichtnahme auf die vielen Niederlagen und Kränkungen, die der Weimarer Monarch in der großen Politik einstecken mußte? Nachsicht mit seinem Freund also?

Regt zum Nachdenken an

Interessant an Sigrid Damms Studie wirkt besonders der spekulative Aspekt. Die Autorin wirft geschickt Fragen auf, ohne leicht verdauliche Antworten zu liefern. Dem Leser öffnet sich dadurch eine Tür in Richtung Nachdenklichkeit.

(Anm. d. Red: Die Schreibweisen der Buchzitate in alter Rechtschreibung haben wir beibehalten.)

Weitere Informationen Sigrid Damm: "Goethe und Carl August. Wechselfälle einer Freundschaft"
Insel Verlag, 320 Seiten
Preis: 24 Euro
ISBN: 978-3-458-17871-2

Goethe und Weimar

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. November 2020 | 06:10 Uhr