Interview Autorin Simone Buchholz: "Corona schickt Frauen zurück in die Abhängigkeit"

Die Corona-Krise hat Wissenschschaftler zufolge unsere Gesellschaft drei Jahrzehnte in Sachen Gleichberechtigung zurückgeworfen. Es verdeutlicht die dramatischen Dimensionen, in die vor allem Frauen mit der Schließung von Kitas und Schulen geraten sind. Krimi-Autorin Simone Buchholz hat eine Rechnung an den Hamburger Schulsenator gestellt – für die Zeit, in der sie wegen Homeschooling und Kinderbetreuung nicht erwerbstätig sein konnte. MDR KULTUR hat mir ihr über Autorinnen in der Corona-Krise gesprochen.

Schriftstellerin Simone Buchholz, in einem Straßencafe sitzend
Schriftstellerin Simone Buchholz hat einen symbolische Rechnung an der Hamburger Schulsenat geschickt, da sie wegen Homeschoolings nicht arbeiten konnte. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Frau Buchholz, Sie haben eine Rechnung an den Hamburger Schulsenator gestellt, die viel Alarm ausgelöst hat. Was stand da genau drin?

Simone Buchholz: Es war eine relativ hohe Rechnung. Sie belief sich auf über 8.000 Euro für sechs Wochen, in denen ich sieben bis acht Stunden am Tag nicht erwerbstätig sein konnte. Es wurde teilweise falsch aufgefasst, als hätte ich wirklich die Beschulung und die Betreuung eines Kindes der Stadt in Rechnung gestellt. Das habe ich zwar, aber symbolisch. Ich wollte darauf hinweisen, dass Mütter, die Kinder haben, die unter 14 Jahren alt sind, diese Kinder auf dem Boden des gesellschaftlichen Konsens bekommen haben, dass sie weiter arbeiten können und dass der Staat sich um die Kinderbetreuung und die Bildung kümmert. Dieser Boden ist weggebrochen. Die meisten berufstätigen Mütter können deswegen im Moment nicht mehr erwerbstätig sein oder nur noch unter größten Anstrengungen. Bei mir sind das zwei bis drei Stunden am späten Nachmittag oder Abend. Das schickt unabhängige Frauen zurück in die Abhängigkeit.

Die schreibende Frau braucht Geld und ein eigenes Zimmer – das sagte schon Virginia Woolf. Wie sieht denn so ein Raum für sie als Autorin im Moment aus?

Das ist tatsächlich mein ganz privates Problem. Ich habe mein eigenes Geld, auch noch bis Ende 2020, weil man als Schriftstellerin natürlich immer ein bisschen vorplanen und Zeiten überbrücken muss. Aber ich hatte nie ein abgeschlossenes Arbeitszimmer. Wir wohnen in einer kleinen Altbau-Innenstadtwohnung und mein Schreibtisch steht im Wohnzimmer. Bisher war das okay. Ich wusste, morgens halb acht geht hier jemand aus dem Haus und in die Schule. Jetzt ist es so, dass ich kein Zimmer mehr zum Arbeiten habe, keinen eigenen Raum mehr. Da habe ich auch viel an Virginia Woolf gedacht.

Anderen Autorinnen geht es gerade auch so. Welche Resonanz haben sie von Kolleginnen bisher bekommen?

Es gibt einen großen Unterschied im Moment, ob man kinderlose Autorin ist oder kinderloser Autor oder Autor mit Kind oder eben Autorin mit Kind oder Kindern. Die stehen im Moment am Ende der der Kette. Ich weiß von vielen Kolleginnen, dass sie – nach den ersten Wochen in Schockstarre – jetzt in total produktive Phasen eingetreten sind. Und weil im Kopf so viel passiert und weil das natürlich ganz toll ist, das alles aufzuschreiben. [...] Ich weiß aber auch von Autorinnen mit ein bis zwei Kindern, die sagen: 'Hölle, ich kann nicht mehr schreiben.' Unabhängig davon, dass es die Möglichkeit zur Erwerbstätigkeit stark einschränkt, geht man daran auch kaputt als Schriftstellerin.

Ihre Krimis sind bekannt dafür, gesellschaftliche Missstände zu thematisieren. Werden wir bei Ihnen von der Corona-Zeit leisen?

Ich habe gestern Abend mit einer Kollegin über das Thema Feminismus gesprochen. [...] Sie meinte, wahrscheinlich ist das Thema in zwei Wochen wieder komplett vom Tisch. Da habe ich das Gefühl, das darf nicht passieren. Das Thema Feminismus war nie genug auf dem Tisch. Es gibt kein Backlash in die Fünfziger, wir sind in Westdeutschland nie aus den Fünfzigern rausgekommen – das ist immer wieder vom Tisch gewischt Worden. Das darf nicht mehr passieren und dafür werde ich mich einsetzen. Aber ich finde beim Thema Gleichstellung auch wichtig, das wirklich alle die gleichen Chancen in unserer Gesellschaft haben: dass nicht nur weiße Frauen, die gleichen Chancen wie weiße Männer bekommen, sondern dass es um alle geht, die in diesem Land leben – um alle Frauen, Kinder und Männer. Da muss man sich bei der Bearbeitung dieser Krise als Schriftsteller überlegen: Was kann weg? Deshalb glaube ich, dass es wichtig ist, den Finger immer wieder in diese Wunden zu legen, die sich da gerade zeigen.

Das Interview führte Katrin Schumacher für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Juni 2020 | 18:10 Uhr

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