Kinos in Zeiten von Corona Solidaritätsaktion: Filmverleih bringt Arthouse-Kino nach Hause

Not macht erfinderisch: Das Sprichwort ist in den Zeiten von Corona wieder aktuell. Programmkinos müssen gerade besonders erfinderisch sein: Sie sind wie die großen Blockbuster-Kinos geschlossen. Filmfans können das mit Streaming überbrücken, doch davon haben die Kinos nichts. Oder doch? Der Filmverleih Grandfilm hat eine Solidaritätsaktion gestartet. Profitieren sollen vor allem kleine Kinos, darunter auch Indie-Kinos in Mitteldeutschland, wie das Luru-Kino, die Cinémathèque und das Cineding in Leipzig.

von Nora Große Harmann, MDR KULTUR-Autorin

Sachsen

Luru Kino in Leipzig 5 min
Bildrechte: Uwe Walter

Die Welt befindet sich im Stillstand. Und das bekommt dieser Tage auch Patrick Horn zu spüren. Er ist Geschäftsführer von Grandfilm, einem kleinen Filmverleih mit Sitz in Nürnberg. Normalerweise bringt Grandfilm Arthouse-Filme in die Programmkinos. Das macht 80 bis 90 Prozent des Umsatzes aus. Doch durch die Corona-Krise sind diese Einnahmen nun vollständig weggebrochen.

"Das Problem ist außerdem: Wir haben alle unsere Kinostarts verschoben", sagt Horn. Vorausgesetzt, die Kinos öffnen im Herbst wieder, würden womöglich alle Kinos gleichzeitig ihre Starts nachholen, sprich: "Gerade für uns Kleine wird die Konkurrenz im Herbst dann natürlich ziemlich stark sein."

Streaming-Einnahmen werden geteilt

Für den Geschäftsführer und seine Mitarbeiter war schnell klar: Kinos und Verleihfirmen müssen sich in der Krise unterstützen. Deshalb bietet sein Verleih ab sofort ausgewählte Filme gegen kinoübliche Bezahlung im Netz an. Die Einnahmen werden 50/50 mit den Programmkinos geteilt. Etwa fünf Filme pro Woche will der Verleih in den nächsten Wochen online stellen.

Über die Corona-Krise sagt Horn: "Das hätte, glaube ich, nie jemand erwartet, dass das so kommen wird. Dass man auf einmal nicht mehr ins Kino gehen kann, dass man nicht mehr über Filme reden kann." Dem wolle man sich bei Grandfilm entgegenstellen.

Und so finden sich im Streaming-Angebot des Verleihs schon jetzt eine Reihe ausgesuchter Arthouse-Filme: Zum Beispiel "Die Maske", ein satirisches Comedy-Drama aus Polen, oder "Jeanne d’Arc", ein Drama über die französische Nationalheldin Johanna von Orléans.

Hoher ideeller Wert

Bisher liegen die Abrufzahlen noch im dreistelligen Bereich. Die Aktion könne zwar einen Beitrag leisten, so Horn – aus der Krise retten könne das Streaming-Angebot die Kinos allerdings nicht. Das sieht auch Michael Ludwig so. Er ist einer der Betreiber des Leipziger Luru-Kinos. Und gehört zu denen, die von der Aktion profitieren sollen.

Die Betreiber des Luru Kinos.
Michael Ludwig, Betreiber des Luru Kinos Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch Ludwig glaubt nicht, dass die Einnahmen durch das Streaming reichen werden, um beispielsweise die anstehenden Mieten zu bezahlen. Die Aktion von Grandfilm habe aber einen ganz anderen Wert: Es gehe darum, "dass das Augenmerk auch auf die Kinos gerichtet wird und wie dort zusammengearbeitet wird", so Ludwig. Gerade Programmkinos hätten es sowieso schon schwer, ihre speziell ausgesuchten Filme, meist kleinere Produktionen mit hohem künstlerischen Anspruch, unter die Leute zu bringen. Hier sei der ideelle Wert der Grandfilm-Aktion viel höher als der finanzielle Wert.

Streaming gegen die Corona-Starre

Auch das Indie-Kino Cineding in Leipzig und die Cinémathèque zeigen Filme von Grandfilm. Bisher, so erzählt es Sarina Lacaf von der Cinémathèque, habe man Streaming eher kritisch gesehen. Als Cinémathèque stehe man grundsätzlich fürs Filmegucken im Kino. Das Gemeinschaftserlebnis, der Austausch untereinander, Filmgespräche – all das könne kein Video-on-demand-Angebot ersetzen, so Lacaf.

Doch durch die bundesweiten Kinoschließungen sei dies eben nicht mehr möglich: "Und deshalb finde ich es wahnsinnig toll, dass jetzt nicht alle in so eine Corona-Starre verfallen und das kulturelle Leben komplett zu Grabe tragen", sagt Lacaf. Stattdessen passiere gerade unheimlich viel im digitalen Raum. "Und das Großartige bei dem Angebot von Grandfilm ist, dass die sich da ein solidarisches Modell überlegt haben."

Filmkultur der Zukunft

Das sei, so die Mitarbeiterin der Cinémathèque, keineswegs selbstverständlich. Normalerweise stünden Streaming-Angebote und Kinos in Konkurrenz zueinander, vor allem, wenn es um die Frage gehe, wo neue Filme zuerst zu sehen sind. "Und das wird durch das Angebot von Grandfilm total aufgebrochen."

Für Lacaf ist die Aktion ein Beitrag zur Debatte, wie Filmkultur in Zukunft aussehen könnte. "Da werden wir in nächster Zeit viele kreative Ideen brauchen, wie wir das Kino als zentralen Ort der Filmkultur vielleicht nicht nur trotz, sondern auch mit digitalen Angeboten erhalten können."

Luru Kino in der Spinnerei Leipzig
Im Luru Kino hofft man, zum Sommer wieder öffnen zu können. Bildrechte: MDR/Constanze Kittel

Weitere Verleihfirmen setzen aufs Netz

Inzwischen haben andere Filmverleihfirmen nachgezogen. Der Münchner Verleih Eksystent zum Beispiel plant, den Film "Isadoras Kinder" nicht wie geplant im Kino zu starten, sondern auf der Plattform "Kino on Demand". Zuletzt hatten selbst große Hollywood-Studios wie Universal angekündigt, aktuell geplante Kinostarts online zu streamen.

Wie sich die Krise langfristig auswirkt, steht allerdings noch in den Sternen.  Michael Ludwig vom Luru-Kino versucht, optimistisch zu bleiben: "Was das Kino angeht, erfahre ich gerade eine ziemlich große Solidaritätswelle", erzählt er. Außerdem biete sein Kino sogenannte "Corona-Gutscheine" an: Besucher könnten diese nach der Krise einlösen oder das Geld spenden. "Beides funktioniert wunderbar, und das für so ein kleines Kino."

Die Zeit der Schließung will Ludwig möglichst gut nutzen. Zum Beispiel für Renovierungsarbeiten im Kinosaal. Er hofft, spätestens zum Sommer wieder öffnen zu können.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. März 2020 | 15:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. März 2020, 13:34 Uhr

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