Eine Person stellt eine Uhr von zwei auf drei Uhr vor.
Vor hundert Jahren erfolgte die Zeitumstellung noch ausnahmslos von Hand – an unzähligen Uhren Bildrechte: dpa

Zeitumstellung Warum vor 100 Jahren die Zeitumstellung schon einmal abgeschafft wurde

Die Zeitumstellung soll wieder abgeschafft werden, das EU-Parlament sprach sich jüngst dafür aus. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg gab es solch ein Votum in Deutschland schon einmal. Am 28. April wurden die Uhrzeiger in Deutschland nicht um eine Stunde verschoben, obwohl es eigentlich so vorgesehen war. Vor allem die Uhrmacher sprachen sich damals gegen die unliebsame Zeitumstellung aus. MDR KULTUR-Autor Sven Hecker blickt zurück.

Eine Person stellt eine Uhr von zwei auf drei Uhr vor.
Vor hundert Jahren erfolgte die Zeitumstellung noch ausnahmslos von Hand – an unzähligen Uhren Bildrechte: dpa

Die Abschaffung der Zeitumstellung scheint beschlossen, das EU-Parlament plädiert für eine Abschaffung im Jahr 2021. Vor genau hundert Jahren geschah das schon einmal: Am 28. April 1919 sagte Deutschland der Sommerzeit adé.

Der Deutsche Uhrmacherbund jubelte damals. Die Weimarer Nationalversammlung hatte beschlossen, die Uhren doch nicht – wie in den Jahren zuvor – am 28. des Monats umzustellen. Das war natürlich nicht nur ein Erfolg der Uhrmacher, doch gerade für sie war der Beschluss "besonders denkwürdig", denn sie hatten sich vehement für die Beseitigung der Kriegsmaßnahme eingesetzt.

Stromspar-Idee

Benjamin Franklin
US-Gründervater Benjamin Franklin fand die Idee einer Sommerzeit faszinierend Bildrechte: IMAGO/Leemage

Schon Tausendsassa Benjamin Franklin beschäftigt sich mit der Sommerzeit. Im "Journal aus Paris" beschrieb er 1874 ein Projekt, das "die Kosten für die Beleuchtung unserer Häuser minimieren" sollte. Und er rechnete vor, wie viele Kerzen man einsparen könnte, wenn man das Tageslicht effektiver nutzen würde.

Unter dem Namen "Daylight Saving Time" wurde die Idee nach 1900 zuerst in England diskutiert. Nun, da elektrisches Licht massenhaft auch Fabriken oder Bürohallen beleuchtete, wurde Kostenersparnis ein erheblicher Faktor, auch im deutschen Kaiserreich vor 1914. Die deutschen Uhrmacher indes zeigen sich skeptisch:

Wie geben gern die Ersparnis an Beleuchtung usw. zu, aber wir bestreiten es, dass zur Erreichung dieses Zweckes notwendig ist, die Uhren jedes halbe Jahr umzustellen, wodurch eine unbeschreibliche Verwirrung entstehen würde.

Deutsche Uhrmacher-Zeitung 1914

Deutsche waren erste Sommerzeitler

Die Deutschen drehten 1916 als erste am Zeiger, in Notzeiten während des Ersten Weltkrieges. Man hoffte, kriegswichtige Rohstoffe wie Kohle und Petroleum einsparen zu können, indem man für ein halbes Jahr die Normalzeit außer Kraft setzt. Das zugehörige Motto lautete "Der hat sein Stundenmaß voller gemacht, der sparsam scheidet Tag und Nacht".

Ein Uhrmacher montiert an einer Uhr.
Die Uhrmacher votierten vor hundert Jahren massiv gegen die Zeitumstellung Bildrechte: dpa

Wurde die Sommerzeit als Kriegsmaßnahme noch akzeptiert, löste die Ankündigung ihrer Weiterführung nach Kriegsende jedoch Protest aus. Nicht zuletzt bei den deutschen Uhrmachern. Sie merkten an: "Erklären wir der Regierung, dass wir als die Hüter der Zeitmessung und Zeiteinteilung es nicht zugeben können, dass, nur um ein paar Langschläfer eine Stunde eher aus dem Bette zu jagen, das ganze mühsam aufgebaute System der Zeiteinteilung über den Haufen geworfen wird.

Ein Instandhaltungsboykott wurde angedroht und jede Menge Argumente gegen die Zeigerschiebung angebracht. Das Ganze sei am Ende ein Rückschritt, in Zeiten, in denen die Tagesstunden vom Auf- bis zum Untergang der Sonne berechnet wurden.

Was sprach dafür

Doch was war mit den Vorteilen? Der Kohleersparnis sowie dem "sozialen Moment"? Durch die Sommerzeit sollte für die arbeitende Bevölkerung nach dem Feierabend eine weitere Stunde der Erholung bei Tageslicht gesichert werden. Die Uhrmacher konterten, dass dieser Vorteil nach der Einführung der "achtstündigen Arbeitszeit wesentlich an Bedeutung" verlieren würde.

Die Kritiker der Sommerzeit haben sich bis heute hartnäckig gehalten. Die Argumente ähneln denen von 1919: Der Preis für die Umstellung sei nicht nur finanziell viel zu hoch, gemessen an den tatsächlichen Energie-Einsparungen. Nun könnte die Sommerzeit wieder vor dem "Aus" stehen – 100 Jahre, nachdem sie in Deutschland zum ersten Mal abgeschafft wurde.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. April 2019 | 08:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. April 2019, 04:00 Uhr

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